Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an. „Was machst du gerade?“ „Hatten wir nicht verabredet, dass du diese Frage nicht mehr stellst?“, sage ich. „Das ist für uns beide zu deprimierend.“ „Nicht jeder kann perfekt sein“, sagt meine Mutter. „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück.“  

Lesung mit Sebastian Lehmann im Frapé  

Sebastian Lehmann war hier. In Aalen! Und er verrät ein offenes Geheimnis: Die Aalener sind toll, die Heidenheimer doof. Dieses Kompliment kommt gut an. Dafür gibt´s spontanen Applaus. Auch wenn jeder weiß, an der Brenz würde er gerade umgedreht  erzählen. Dieser Sebastian Lehmann ist nun mal ein Geschichtenerzähler. Und als solcher kreativ wie ideenreich. Vielleicht liegt es an der Spree, wo er der an der Dreisam geborene Künstler aktuell wohnt. Apropos Berlin - zu Gast war er im Aalener Frapé. In der Dunkelheit keine leicht zu findende Kneipe, vor allem für die Besucher, die erstmals in die Szenekneipe kamen. Nur eine matte Lichterkette in der Finsternis weist den Weg zum Eingang. Treppauf, treppab, quer durch schummrige Räume, vorbei an Billardtischen, Dartboards und abgewetzten Sesseln. Fabrikcharme, neudeutsch: Vintage. Szene eben, zu der auch Menschen in Hoodies und Basecup gehören. Beim Frapé auch Zigarettendunst.

Dumpfe Beats wummern aus den Boxen, kämpfen gegen jedweden Art der Kommunikation. Die kleine Bühne in blaues, manchmal rotes Licht und in viel Zigarettendunst gehüllt. Irgendjemand begrüßt, die Stimme dringt indes kaum durch den Lärm. Sebastian Lehmann tritt aus dem Nebel, schlagartig wird´s still. Er freue sich in Aalen zu sein, der Streich mit Aalen und Heidenheim folgt. Jeder gute Schwabe lebe in Berlin, postuliert er. Verraten sei: Die Dreisam fließt durch Freiburg. Badisch!

Sebastian Lehmann spricht akzentfreies Hochdeutsch. Im Frapé  liest er aus seinem neuen Buch "Elternzeit". Erhellender Untertitel: „Mit deinem Bruder hatten wir ja mehr Glück - Telefonate mit den Eltern“. Noch verräterischer ist Untertitel Nummer zwei: "Lesung und Therapie".

Es dauert keine zwei vorgelesene Sätze, um zu wissen, diese Eltern-Kind-Beziehungen ist toxisch. Der Autor geht die Sache dennoch mit Humor und viel Selbstironie an, denn Verzweiflung wäre hoffnungslos. Ob er mit solchen Problemen allein auf der Welt sei, fragt er sich und fragt ins Publikum, wer denn auch Kind sei. Die meisten Arme recken sich nach oben. "Was ist Kindsein", will er noch wissen. Eine rhetorische Frage, gibt er doch die Antwort selbst: "Wenn man von Transferleistungen der Eltern lebt!" Das überwiegend junge Publikum reagiert irgendwie betroffen mit reserviertem Lachen. Ein wunder Punkt? Davon findet Sebastian Lehmann an diesem Abend übrigens noch weitere.

Kochen, Krankheit, Handys - der erste Themenkreis wird abgesteckt. In kurzen, manchmal auch längeren Telefonaten wird erörtert, nach Lösungsvorschlägen gesucht. Die Dramaturgie gibt Sebastian die tiefe Stimme, der imitierten Mutter eine künstlich hohe. Dazwischen schaltet sich immer wieder der Vater mit seiner Forderung nach mehr Wurst ein.

Die Inhalte der Telefonate sind so vielfältig wie das Leben bunt ist. Kochende, besser nicht kochen könnende Männer, coole Bitch-Mamis, Eltern-Voodoo und krude Tipps zur Krankheitsvorsorge. Alles wird in das spannungsreiche Mutter-Vater-Kind-Dreieck gepackt. Alle sprechen einander vorbei, können und/oder wollen sich nicht verstehen. Selbst wenn es um die Zukunft und potentielle Enkelkinder geht. Keinerlei Übereinstimmung! Dennoch ist eventueller Nachwuchs - auch wenn Sex zu anstrengend isei, wie Lehmann gesteht - es wert, sich über Kindernamen Gedanken zu machen: Horst und Adolf Lehmann, Klythemnestra Lehmann oder doch gleich Penny Lane-mann?

Die Grenzen des Lesens werden sichtbar, weshalb der Autor seine Elterntelefonate (nebenbei erwähnt) auch als Hörbuch zur Verfügung stellt. Man muss ihn einfach gehört haben, diesen Menschen, der sich fragt, ob Nasenpopel so gesund wie joggen sei und ob man mit einem Kleinkind über Marx diskutieren könne.

Wer sich des Lübke-Englischs erinnert (bei der Lesung altersbedingt sicherlich nicht einmal eine Handvoll) kennt diese Sätze: "How much is the fish?" Mutti lernt Englisch, weil es in Freiburg plötzlich so viele (Brexit?)Flüchtlinge von der Insel gibt. Allesamt selbstredend kriminell! Darüber entspinnt sich ein höchst krudes Telefonat im "allerbesten" Volkshochschule-Englisch, das Lehmann mit einem sarkastischen "so schön kann telefonieren mit den Eltern sein" umschreibt. Manchmal klingt der Autor, als ob er von "Ein Herz und eine Seele" berichte, als seien die elterlichen Statements Ekel-Alfred entlehnt. Insbesondere wenn sich Politik und Privates, Gesellschaftskritik und eine verbrannte Tiefkühlpizza vermischen hört es sich hämisch und lustig zugleich an. Aber ein bitterböser Humor, der sich in Kombination mit einem (oder mehr?) Fünkchen Wahrheit gar als höchst subversiv entpuppt.

 

 

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Aalener Kulturjournal