Jubiläumskonzert  mit Prof. David Franke: 10 Jahre Rieger-Orgel

"Dem Himmel ganz nah"

Ein rundes, wenn auch zugegebenermaßen noch junges Jubiläum, exquisite Musik und ein ebensolcher Musiker und - um es nicht zu vergessen - viele begeisterte Zuhörer. Besser hätte Aalens evangelische Kirchengemeinde das Zehnjährige der Rieger-Orgel in der Stadtkirche nicht feiern können.  In der Osternacht 2009 eingeweiht, sei ein langer Traum in Erfüllung gegangen, erinnert sich Dekan Ralf Drescher mit Blick auf die Erneuerungsgeschichte der  Stadtkirchenorgel. Sieben Jahre lang hätten sich Tausende zugunsten des Instruments engagiert, erinnert er sich, um freudig festzustellen: "Es hat sich gelohnt." Die erfolgreiche Beweisführung dafür lag im zurückliegenden Jahrzehnt in der Verantwortung von Kirchenmusikdirektor Thomas Haller, der mit vielfältigsten Kirchenkonzerten der Rieger-Orgel nicht nur regionale Bekanntheit bescherte, sondern auch unzählbare Kirchenmusikfans anlockte. An diesem Sonntagabend pilgerten die Freunde der Kirchenmusik trotz schönstem Frühlingswetter in die Stadtkirche, um dem Freiburger Organisten David Franke zu lauschen. Der Kirchenmusikprofessor gehört zu den wenigen renommierten Improvisationskünstlern, die bedeutende Konzertreisen quer durch Europa unternehmen und ihre Zuhörer damit zu begeistern verstehen. 

„Orgelspielen heißt einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen manifestieren“, soll Charles-Marie Widor zu Albert Schweitzer gesagt haben, als beide einmal zusammen an der Orgel zu Notre-Dame saßen. Doch wie intoniert man diesen so einzigartigen Klang, der Menschen angeblich „dem Himmel näher bringt“? Dafür gibt es verständlicherweise kein allgemeingültiges Rezept: Wer sich aber zunächst an traditionellen Vorgaben orientiert, ist durchaus auf dem rechten Weg, wie Prof. Franke zum Auftakt mit einer Eigenkomposition belegt. Einer Improvisation über "Christ ist erstanden". Drei Manuale vor, die mächtigen Orgelpfeifen über sich, beginnt Prof. Franke mit einem melodischen Spiel, aus dem sich nach und nach dieses älteste liturgische Gesangsstück deutscher Sprache herausschält. Nur wenige Sekunden lang taucht die bekannte Sequenz "Christ ist erstanden von der Marter alle" auf, um hernach unvermittelt in einem Meer sanfter Klänge wieder zu entschwinden. Keine wie auch immer geartete Ausreißer, keine Extravaganzen lassen aufhorchen. Nur diese moderne, aber nicht zeitgeistige, dafür umso zurückhaltendere Musik, die sich so unvergleichlich und fast kontemplativ nach innen wendet: "Des solln wir alle froh sein;  Christ will unser Trost sein."

Der Kontrast folgt nahezu übergangslos mit Bachs "Fantasie und Fuge g-Moll". Auch nach mehr als zwei Jahrhunderten ein beeindruckend außergewöhnliches Stück, das nichts von seiner musikalischen Kraft eingebüßt hat. Prof. Frankes Interpretation trifft überlegt die dramatische Intention des Werks, das so eng mit Bachs eigenem Schicksal verknüpft ist. Eine Komposition, in der Leid und Trost so eng beieinander liegen, in der sanfte Töne der Harmonie sich laut aufbrausender Disharmonie gegenübersehen. Vernehmlich immer dann, wenn die Orgel Motive des „Trosts“ inmitten solcher chaotischer Zerrissenheit verortet. Prof. Franke spielt Auszüge aus diesem zweistündigen Werk, ergänzt es noch mit die drei bekannten Liedern aus dem "Orgelbüchlein", wechselt anschließend zu Louis Viernes "Symphonie Nr. 6" (op. 59). Drei Sätze wählt er sich daraus, forciert behutsam den weichen warmen Klang,  schafft so eine Ahnung von der symphonische Fülle des Gesamtwerkes.

Das französische Timbre übernimmt Prof. Franke in seiner nachfolgenden Eigenkomposition, einer Improvisation über Osterchoräle:  "Victimae paschali laudes", besser bekannt als "Christ lag in Todesbanden". Nahezu 1000 Jahre hat das Orginal dieser katholischsten aller katholischen Ostersequenzen überstanden. Eine vorzügliche Gelegenheit angesichts des Wandels der Zeit, heute darüber mit Bedacht zu improvisieren, sich in die unveränderbare christliche Osterbotschaft musikalisch zu vertiefen - zugleich suchend und schwebend in klanglichen Räumen, immer im Wissen um die christliche Botschaft "Christus ist wahrhaft auferstanden von den Toten" (Vers 7). Das klingt von Bach nicht allzu weit entfernt, wobei des alten Meisters Musik barockes Gottvertrauen innewohnt, bei Prof. Franke klingt die Sinnsuche mehr als 250 Jahre später nicht gezwungenermaßen, dafür umso mehr auf angenehme Weise modern, mehr an Louis Vierne als an Bach erinnernd. Da fügt es sich doch glänzend, dass David Franke nach solch brillanter Musik den Reigen ganz weltlich mit  Jean-Baptiste Lullys kleinem Chanson von der kleinen Liebe beendet: "Au clair de la lune,/ Mon ami Pierrot,/ Prête-moi ta plume / our écrire un mot.- Im Mondschein, / mein Freund Pierrot, / leih mir deine Feder, / um ein Wort zu schreiben."

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal