Erinnerung an acht Opfer des nationalsozialistischen Regimes

Ein Stein, ein Mensch

Überraschend viele Aalener Bürger sind in die Oesterleinstraße (damals Kocherstraße)  gekommen, dorthin, wo einst das Haus Nummer zehn stand. Heute ein leerer Ort, nur noch ein Parkplatz für Lastwagen. Im Halbkreis stehen sie um einen „Stolperstein“, eine in den Boden eingelassene kleine Messingplatte in Kopfsteinpflastergröße. Entworfen und verlegt werden die Stolpersteine von Gunter Demnig, der mit seiner Arbeit an die Opfer des nationalsozialistischen Völkermords erinnern möchte. Die "Stolpersteine" werden im Bürgersteig vor jenen Häusern eingelassen, in denen 

von den Nazis verschleppte oder in den Selbstmord getriebene Bürger lebten, vor deren letzte aus freien Stücken bezogene Wohnstätte. Die "Stolpersteine" des Kölner Künstlers sind bewusst unauffällig gehaltene Kleindenkmale, auf denen Name, Lebensdaten und Todesart eines einzelnen Opfers zu lesen sind. Eine unaufdringliche wie stille Mahnung.

Stolpersteine wollen nichts erzwingen. Dagegen spricht ihr minimalinvasiver Charakter. Doch wer stehenbleiben will, kann stehen bleiben. Wer nicht will, geht weiter. Mithilfe eines Bauhofmitarbeiters löst Gunter Demnig 

Pflastersteine aus dem Boden. 

Jetzt in der Bahnhofstraße, direkt vor der Volksbank. Auch hier, an der zweiten Station versammeln sich viele Aalener, beobachten, wie der Künstler sieben  goldglänzende Stolpersteine in die entstandene Lücke legt, befestigt, um am Ende die Messingflächen nochmals zu polieren. Europaweit erinnern mittlerweile rund 60.000 Stolpersteine an die Opfer des NS-Regimes. In der Aalener Oesterleinstraße an Fanny Kahn, die 1942 im Alter von 71Jahren zunächst von Aalen nach Bopfingen-Oberdorf zwangsumgesiedelt und wenige 

Wochen später im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurde. Die Stolpersteine in der Bahnhofstraße erinnern an die Familie Heilbron, die bis Anfang der 1930er Jahre hier ein Warenhaus betrieb. Vor Repression und Verfolgung durch Aalener Nationalsozialisten flohen die Eheleute zunächst nach Wiesbaden. Der behinderte Sohn der Familie wurde ermordet, später auch die Mutter. Der Tochter der Familie gelang mit Mann und Kindern die Flucht ins Ausland. Insgesamt stehen auf der Liste der Aalener Stolperstein-Initiative die Namen von zwölf Bürgern der Stadt, die 

dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind, im Ostalbkreis sind es derzeit die Namen von 260 Menschen. Die Schicksale der in Aalen (und im Ostalbkreis) verfolgten jüdischen Bürger sind weitgehend bekannt. Bislang fehlten allerdings noch vielfach die Namen der Opfer unter Sinti, Roma, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, politisch Verfolgten und die der Opfer der Euthanasie, der Ermordung geistig und körperlich behinderter Menschen.

"Totschlagen! Erst die Zeit / dann eine Fliege / vielleicht eine Maus /dann möglichst viele
Menschen / dann wieder die Zeit", zitiert Thilo Rentschler den Dichter Erich Fried. Für Aalens Oberbürgermeister sind die Stolpersteine "ein starkes Zeichen des Gedenkens" und eine Fortsetzung der Gedenkstunde an den Holocaust in der Stadtkirche. "Wir brauchen mit Blick auf die aktuelle politische Entwicklung in Deutschland und Europa diese Formen der Erinnerung. 

In der Vergangenheit habe sich die Öffentlichkeit schwer mit der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus getan, weil dies immer mit eigener Schuld verbunden gewesen sei. Heute stehe jeder in der Verantwortung für das Gedenken an die Opfer und für Frieden und Verständigung. Rentschler erinnert an en Artikel eins des Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

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Aalener Kulturjournal