Herrn Stumpfes Zieh und Zupf Kapelle im Fachsenfelder Schloss

"Mir sen a oifacha Kapell"

Entnervt kutschieren die Chauffeure ihr heiligs Blechle auf der Suche nach einem Parkplatz durch den Ort. Fachsenfeld scheint für einen Abend der Mittelpunkt der Welt zu sein. Doch rasch zeigt sich, nicht so sehr die Lokalität, die Musiker sind´s, die so viele aufs Land locken. Ein Quartett, das indes gleich zum Auftakt eingesteht: "Mir sen a oifacha Kapell". Spätestens jetzt dämmert´s auch dem Allerletzten : Es ist Stumpfes-Zeit. "Die schon wieder!", lästern einige und ziehen dennoch fröhlich in den Schlosshof ein. Dort gibt das Städtische Orchester ein "Warm up". Bei Wurst und Bier oder einem Glas Roten dürfen die Barden  - Manfred „Manne“ Arold, Benny „Banano“ Jäger, Michael „Flex“ Flechsler und Marcel „Selle“ Hafner - dem wilden Süden mal so richtig einheizen. Hausmusikalisch und natürlich gnadenlos skrupellos.

Schnee von gestern? Von wegen! Tausendmal gehört und dennoch  wird mitgeschunkelt und mitgesungen, mitgelacht. Als sei es das normalste von der Welt. Immer wieder erstaunlich, wie diese alten, lästernden, witzigen oder auch nur harmlosen Lieder zünden. Wobei das quirlige Quartett zugegebenermaßen sich musikalisch bravourös schlägt. Der Schwaben Lieder sind erste Sahne, der Gesang prächtig, das Instrumentenarsenal vielfältig und wenn´s zum seriösen A cappella geht, dann wird selbst daraus eine seltsam vergnügliche Weise. Schwäbische Mundart, Comedy, Spottsucht - mehr braucht das Stumpfsche Stadlkabarett nicht, um binnen Sekunden mit höchst hintersinniger Wühlarbeit die Tiefen schwäbischer Gemütszustände  auszuloten. Dabei unterwandern die Vier mit überbordendem Humor und chaotischen Gefühlsausbrüchen jedwede Ernsthaftigkeit, stellen auf den Kopf, was nicht auf den Kopf zu stellen ist, verdrehen und führen vor.

Nichts ist ihnen heilig, vor nichts machen sie halt. Und das Überraschende, das Ganze kennt kein Verfallsdatum. Haltbar für die Ewigkeit klingen der "Muggagiddrmoa" und die "bleede Witz". Den "coolen Trompeter" nicht zu vergessen. Oder war´s ein schwuler? Oder doch nur der Schulamtsvertreter? Das verstehe, wer wolle, politisch wie zeitgeistig unkorrekt ist es allemal. Aber was heißt das schon, wenn "Herrn Stumpfes Zieh und Zupf Kapelle" zum gemütlich musikalischen Stelldichein ruft? Da besitzt der Humor nun einmal widerborstiger Bodenhaftung und die Balladen sind einzig und allein dafür geschaffen, andere gerne auch mal ordentlich durch den Kakao zu ziehen.

Fast wie ein weiterer Star des Musikabends auf Schloss Fachsenfeld. Einer den jeder kennt, der aber eigentlich auf dem Pensionärsbänkchen vorm Haus sitzen könnte: Ulrich Pfeifle. Aalens Oberbürgermeister außer Diensten hat es sich nicht nehmen lassen, teils skurrile Erfahrungen und Erlebnisse als Stadtoberhaupt einer schwäbischen Kommune in ein Buch zu schreiben. Keine Memoiren, wie er selbst betont, sondern Geschichten, die mal ernsthaft, mal humorvoll einen Alltag schildern, den es heute so vielleicht nicht mehr geben kann.

Die Zeiten sind politisch leider rauer geworden. Mit "Wenn ich´s nicht selbst erlebt hätte …", überschreibt Ulrich Pfeifle sein Büchlein, aus dem er unter den Linden im Schlosshof vorliest. Besser er erzählt die eine oder andere Anekdote, ohne aufs Blatt zu schauen. Und wie bei den Stumpfes hat er die Lacher immer auf seiner Seite, sind doch seine Erinnerungen oftmals merkwürdiger Natur oder klingen gleich wie eine Satire auf ein real existierendes Oberbürgermeisterdasein.  Mit den Zeitgenossen gehe er dabei schonend um, wie er auch die heutige Stadtpolitik ausspare, versichert der Autor. Nicht lassen kann er indes versteckte Spitzen. Allerdings - leider - ohne allzu viel zu verraten. Namen sowieso nicht. Da wird sicherlich manch altgedienter Stadtrat nach gründlichem Studium des Buches erleichtert aufgeatmet haben. Ob die Wanderung mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Carstens über die Alb, die einstmals verloren gegangenen Pfeife des Aalener Spions oder die Kamingespräche mit Freiherr Reinhard von Koenig-Fachsenfeld - in dem Büchlein findet sich manch Komisches wie Aufschlussreiches.

Ulrich Pfeifle jedenfalls kann es mit dem schwäbischen Humor von Herrn Stumpfes Zieh und Zupf Kapelle" durchaus aufnehmen, wenn auch anders. Ein bisschen seriöser, doch da sollte man sich nicht zu voreilig festlegen, wie Pfeifles Limericks beweisen. Einer geht so: "Zwei Pfauen lebten im Schloss / Ihr Gefieder war prächtig und groß /Sie schrien recht laut / Hent Konzerte versaut / Drum send se verreckt in der Soß /."

Zottiger und frecher hingegen der Stumpfes Verse. Wie ihre Lieder, diese verschmitzten Balladen über Menschen wie du und ich, über die kleinen Freuden und Gebrechen des Alltags. Musik und Prosa, in der sich das wahre wie pralle Leben spiegelt, serviert in einem einzigartigen Mix aus Mundart, Comedy und Spottsucht. Aber immer schön schwäbisch, versteht sich.

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal