Stunde der Kirchenmusik

Olivier Messiaen: Quartett auf das Ende der Zeit

Das Woher und Wohin des menschlichen Daseins vermag die Religion zu deuten, auch in einer säkularisierten Welt. So  gehören Musik und Religion zusammen seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte. Beredtes Beispiel hierfür ist das Oratorium des Johannes und

von hier ist es zu Olivier Messiaen nicht weit. Gilt doch der französische Komponist als Wegbereiter serieller Musik und steht zugleich für deren Bekenntnischarakter. Mit eben einer solchen beendete die evangelische Kirchengemeinde in der Aalener Stadtkirche den Ewigkeitssonntag.

"Quartett auf das Ende der Zeit" steht über der "Stunde der Kirchenmusik".  Kerzen spenden schummriges Licht. Vor dem Taufbecken musizieren Melanie Gichert (Klarinette), Iris Mack (Violoncello),  Berthold Guggenberger (Violine) und Thomas Haller (Klavier). 

Zuständig für Messiaens Erläuterungen und den Begleittext ist Tina Brüggemann vom Stadttheater. "Und ich sah einen andern starken Engel vom Himmel herabkommen, mit einer Wolke bekleidet, und der Regenbogen auf seinem Haupt und sein Antlitz wie die Sonne und seine Füße wie Feuersäulen. […] Und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer und den linken auf die Erde […] Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand auf zum Himmel und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit […]: Es soll hinfort keine Zeit mehr sein, sondern in den Tagen, wenn der siebente Engel seine Stimme erheben und seine Posaune blasen wird, dann ist vollendet das Geheimnis Gottes", liest sie, noch bevor die Musik erklingt. 

„Quatuor pour la fin du temps“  

Drei von acht der kommenden Sätze beziehen sich unmittelbar auf die "Offenbarung des Johannes", wobei bereits der erste verrät: Hier erklingt kein der Alten Musik entlehntes bedächtiges Werk. Ein in sich gekehrtes ist diese im Original  „Quatuor pour la fin du temps“ genannte Komposition allerdings schon. Olivier Messiaens gibt Instrumente vor, die gefühlt nicht so recht zueinander passen wollen. Vielleicht weil der Entstehungsort selbst so ungewöhnlich, die Zeit so schrecklich war.

Messiaen (1908-1992) war bereits ein anerkannter Musiker, als Nazi-Deutschland 1939 mit seinem Angriff auf Polen den Zweiten Weltkrieg auslöste. Im Sommer 1940 - unmittelbar nach der deutschen Okkupation von Belgien, Holland, Luxemburg und Frankreich - geriet er in Kriegsgefangenschaft. Seine Kompanie wurde bei Nancy festgehalten. 

Mit dabei weitere Musiker wie der Klarinettist Henri Akoka, für den Messiaen ein Solostück schrieb, aus dem er später den dritten Satz des berühmten Quartetts entwickelt. In einem Gefangenenlager komponiert er angesichts des Leids sowjetischer Kriegsgefangener das „Quatuor pour la fin du temps“, uraufgeführt 1941 im französischen Lagerteil, am Klavier Messiaen selbst. Jean Le Boulaire spielte Violine, Henri Akoka Klarinette und Etienne Pasquier Violoncello. Das Quartett entpuppt sich als eine von tiefer Religiosität geprägte Musik, die gerade deshalb auch heute noch so intensiv wirkt. Mit einem unbekannten Duft und mit einem "Vogel ohne Schlaf" vergleicht sie  Messiaen.  Musik sei wie ein farbiges Kirchenfenster, "ein Wirbel der komplementären Farben, ein theologischer Regenbogen." Assoziationen, die sich sinngemäß im "Quartett auf das Ende der Zeit" wiederfinden. 

Körperlos, geistig, katholisch

Der dritte Satz, der Messiaen zur Komposition anregte, ist mit  "Abîme des oiseaux - Abgrund der Vögel“ überschrieben. Der Titel bezieht sich auf das Bild der über dem Abgrund der Zeit kreisenden Vögel, kurz bevor der Engel der Apokalypse erscheint, um das Ende aller Zeit einzuläuten.

Für ihr Klarinettensolo erhebt sich Melanie Gichert, spielt in ansteigendem Ton eine Melodie über Vogelstimmen. Jenes Lied, das Messiaens im Lager für Klarinettist Henri Akoka komponierte und in dem rhythmische Virtuosität Vogelgesang nachahmt.

Auf die einzelnen Sätze bezogen, erweist sich Messiaens musikalische Sprache nach eigenem

Bekunden  indes eher "körperlos, geistig, katholisch". Eine Herausforderung, da sich die thematischen Motive melodisch wie harmonisch in einem über die Neue Musik hinausgehenden Timbre aus "der Ewigkeit in Raum und Unendlichkeit" entfalten.

Wie von Messiaen gewollt, rücken die vier Musiker - auch in den Soli - mittels hervorgehobener freier Rhythmen alles Zeitliche in die Ferne, geben Raum für geistige Tiefe - gleich ob in harschen Passagen oder gefühlvollen Soli. Beispielhaft hierbei: "Louange à l’Éternité de Jésus" (5. Satz), ein anmutig intoniertes Cellosolo mit Klavierbegleitung von berührender Schönheit, fein von Klarinettenklang eingehüllt, umwoben von der zarten Stimme der Violine.  

Messiaen selbst erinnert an die Grenzen der Musik

Die Musiker werden jedem von Messiaen bedacht gesetzten Ton gerecht, verdeutlichen so Absicht und Sinn des Komponisten. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, selbst die acht Sätze sind wohl überlegt. „Warum acht Sätze? Sieben ist die vollkommene Zahl, die Schöpfung von sechs Tagen, geheiligt durch den göttlichen Sabbat; dieser siebte Tag dehnt sich aus in die Ewigkeit und wird zum achten des unauslöschlichen Lichts und des unvergänglichen Friedens“, postuliert Messiaen. Zu dieser symbolischen Struktur gab er noch jedem Satz eine Programmatik mit auf den Weg, die von Tina Brüggemann zwischen den einzelnen Sätzen Wort für Wort verlesen wurde. 

Eine notwendige Erklärung, denn eigentlich müsste mit dem siebten Satz "Fouillis d’arcs-en-ciel, pour l’Ange qui annonce la fin du Temps" - der Ankündigung des Endes durch den Engel" der Schlusspunkt erreicht sein. Doch mit einem weitläufigen Violinsolo preist Messiaen in "Louange à l’Immortalité de Jésus" (8.Satz) nochmals die Unsterblichkeit Jesu, symbolisiert erneut den Aufstieg des Gottessohnes in den Himmel, des vergöttlichten Geschöpfes ins Paradies.

Danach herrscht in der Kirche minutenlange Stille, bevor mit Applaus den Musikern Respekt für ihre Leistung gezollt wird. Indes erkennt Messiaen selbst die Grenzen seiner Musik: „All dies bleibt Versuch und Stammeln, wenn man die erdrückende Größe des Themas bedenkt!“

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Aalener Kulturjournal