Theater Aalen :    Das Faustexperiment. 

Eine multimediale Neuinterpretation von Goethes Faust durch Erich Fromms "Haben oder Sein"

Studierzimmer, groß, gewölbt, in gotischem Stil. Spärliche Beleuchtung. An den Wänden Bücherschränke, astrologische und alchemistische Gerätschaften (Welt- und Himmelskugel, Planetenbilder, Retorten und seltsame Gläser), anatomische Präparate (Skelette von Menschen und Tieren) und sonstige Requisiten der Nekromantie. Dazwischen sitzt Doktor Faust in altdeutscher Gelehrtentracht. So beschreibt Heinrich Heine einst in seinem "Tanzpoem" das Bühnenbild. Für Regisseur und Klangkünstler Marko Timlin, der im Aalener Wi.Z den Doktor auf die Bühne bringt, allerdings keine Alternative. Mit seiner multimedialen Faust-Inszenierung will er anderes, weshalb er ambitioniert mit Licht, Klang und Highttech (Videoprojektion: Marek Pluciennik) umgeht. 

Die Bühne leer und dunkel. Links  bunt flackernde Würfel, die mit etwas Phantasie an `Rubik´s Cube´ erinnern, rechts ein Ein-Arm-Roboter, dazwischen einer auf vier Rädern wie in einer Automotiv-Fabrik (Roboterbau: Prof. Ulrich Klauk, Programmierung: Markus Knödler, Andreas Stelzer). Mitten drin der Doktor - ganz in puristischem Weiß. Ein Abbild moderner Hightech-Laboratorien samt Personal. Düstere Töne in Moll, die nichts Gutes verheißen, kommen aus dem Off, suchende Klaviermusik gesellt sich hinzu. Der Spannungsbogen zu Timlins "Faust-Experiment" steht. Ein humoriger dazu, nutzt doch der Doktor den Roboter zunächst als Gehstockhalter, dann als Kleiderständer. Bundesdeutsche Digitalisierung 4.0 ?

Der arme Tor

Timlins Faust ist nicht von Goethescher Art, der in einem großen Eingangsmonolog seine Existenz-und Lebenskrise umreißt: Die Erkenntnis, nichts  zu wissen, Verlust von Glauben und traditioneller Weltanschauung, von Hoffnung, Freude und Lebenslust, schließlich das Bewusstsein fehlender Anerkennung. Stattdessen zeigt Timlin auf der Bühne einen erstarrten, verlorenen Menschen. Gemein bleibt beiden nur der  Selbstzweifel. Und so darf auch der Timlinsche fabulieren: "Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. / Da steh ich nun, ich armer Tor! /
Und bin so klug als wie zuvor." Kristine Walther spielt diesen Faust, die weibliche  Besetzung hat keine besondere Bewandtnis für das Stück. 

Ein zutiefst verzweifelter Faust greift  zur  Spritze. Offen bleibt: Soll es der  goldene Schuss sein oder eine Bewusstseinserweiterung mittels Droge?  Jedenfalls zieht es den Doktor unter dem Sound der Technomusik wie magisch in die Zauberwürfel, er wird regelrecht verschluckt, am Ende einfach wieder ausgespuckt. Als ob dies nicht schon genug wäre, fallen schließlich auch noch die Algorithmen über ihn her, der langarmige Arbeitsroboter und dessen fahrbarer Kollege. Die sind zwar weder R2-D2 noch C-3PO, erinnert sei an Star Wars, doch auf kosmisches Mobbing versteht sich das Duo blendend.

 

"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust."

Faust findet sich umhüllt von einem überdimensionierten Duschvorhang, hinter dem er wie sein Homunculus in sphärischem Plasma kauert. Gefangen in der Algorithmic Bias, in algorithmischer Voreingenommenheit, verliert er die Sicht auf die eigene Unzulänglichkeit. Faust, von Goethe als idealtypische Verkörperung der Menschheit angelegt, ist sich seiner  Zwienatur bewusst: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen; / Die eine hält, in derber Liebeslust, / Sich an die Welt mit klammernden Organen; / Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust / Zu den Gefilden hoher Ahnen."  

Timlin belässt die widerstrebenden Prinzipien, das göttliche und das mephistophelische, in einer Person als innerpsychischer Vorgang, das heißt Faust ist zugleich Mephistopheles. Ein tragisches Dilemma, die Ambivalenz menschlichen Handelns offenbarend, das den verzweifelten Wissenschaftler fast zerreißt, ihm, wie Kristine Walther ausdrucksvoll spielt,  "schier das Herz verbrennt".  So wendet sich Faust der Magie zu, die ihn allerdings eilends wie erwähnt - in `Rubik´s Cube´ führt. Währenddessen tanzt Giorgio Convertito seinen rätselhaften Tanz, nach und nach zum taekwondoartigen Schattenboxen mutierend, der überraschenderweise zu Faustens Befreiung führt.

 

Die Spannung wankt

Zunehmend  wenden sich die Szenen vom Original ab, um einer "Neuinterpretation" Raum zu geben. Faust soll durch die "Haben oder Sein"-Brille des Sozialpsychologen Erich Fromm betrachtet werden.  Die Existenzweise des Habens hält Fromm für den Grund  der Krise der Gegenwart, die des Seins führe hingegen zu einem erfüllten Leben. Der Mensch löse sich vom Aktionismus, um seine Fähigkeiten sinnvoll einsetzen zu können. Der Leitspruch des Engelschors "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ wird ausgehebelt. Nur noch die Welt des Seins zähle, lässt Dramaturg Tonio Kleinknecht wissen. Faust und der Tänzer entzaubern den Roboter, lassen die hinter 

den Bits und Bytes verborgen gebliebene Natur und Kultur sichtbar werden. Sinnbildlich entledigen die Beiden den Roboter seines Blechkleides, zeigen, dass auch in ihm ein Grasbüschel als Herz schlägt. Symbol für die Natur. 

"Einfach nur da sein, das Leben als Geschenk empfinden, sich zu fragen, was ist gut für den Menschen und nicht, was ist gut für das Wachstum des Systems." Dafür soll das Faustexperiment stehen. Ein im Ansatz zunächst erfolgreicher wie interessanter Versuch, dessen Spannungsbogen aber bald erschlafft.  Zumal Timlin die komplexe Thematik so stark kürzt, dass  von der vielschichtigen Welt- und Problemerfassung des Werks recht wenig übrig bleibt. Auch nicht, wie Fromm und Goethe zueinander gebracht werden können.

INFO

 

Weitere Aufführungstermine

20.; 21.; 27. und 28. Oktober (jeweils 20 Uhr) im Wi.Z

Weitere Infos unter www.theateraalen.de

 

Fotos: Theater Aalen (Peter Schlipf)

 
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Aalener Kulturjournal