Theater der Stadt lädt zum liebestollen Spaziergang in den Schlosspark

Verführung ist die wahre Gewalt  

Der Wonnemonat Mai hat es bereits hinter sich, doch beim Aalener Stadttheater wollte man auf eine kleine Reminiszenz nicht verzichten, legt der Einfachheit halber Liebesleid und Liebeslust in den Juni, zumal dieser deutlich besseres Wetter verspricht. So die Intention. Allerdings eine Rechnung ohne den Wirt, denn Petrus hat noch ein Wörtchen mitzureden und bedenkt den ersten Freiluftauftritt des Theaters in der laufenden Saison mit leichtem Nieselregen.

Aller Einsprüche seines  Kollegen Eros - oder war es Amor - zum Trotz. Dessen Wunsch nach einem lauen Sommerabend wäre gewiss zuträglicher gewesen. Aber nur aus Sicht des Publikums, denn welch Wetterunbill kann schon das lodernde Feuer brennender Herzen löschen - Rosamunde Pilcher lässt grüßen!

Zumal solch famose Bühnenkünstler mit auf den Spaziergang durch den Fachsenfelder Schlosspark nahmen, dass es eine wahre Freude war, zuzusehen, mitzufühlen und ab und an mitzuleiden. Lustvoll wurde denn auch bei "Verführung ist die wahre Gewalt" gefochten und geliebt, gesungen und gerungen. Ging es in Herzensangelegenheiten ab und an dann doch nicht ganz so tiefgründig zu, durfte wenigsten mit einem Gläschen Sekt in der Hand getanzt werden.

Mit 17 hat man noch Träume

Zwei rosarot gewandete Engel geleiten das Publikum durch den Park zu den Schauplätzen holden und intriganten Liebesglücks, dem ein zuweilen vertrautes wie dramatisches Auf und Ab anhaftet. Freilich keines, das der modernen Marktlogik zeitgeistiger Datingportale folgt, sondern literarischer wie zeitloser Vorlagen. So dürfen die Schauspieler in luftig rosa Kleidern die Welt - wie Kostümbildnerin Birgit Barth ausdrücklich betont - durch die rosa Brille betrachten, auch wenn Ephraim Lessing mit "Emilia Galotti" alles andere als eine Romanze beisteuert. Angemerkt sei: Sogenannte Ehrenmorde, insbesondere an jungen Frauen, werden in dieser Welt von deren Vätern nach wie vor in Auftrag gegeben.  

Die Freiluftsaison des Aalener Theaters ist interpretationsreich mit "Verführung ist die wahre Gewalt" überschrieben. Vielsagender Auftakt ist unter dem Lindenbaum, dem überlieferten Symbol für Gerechtigkeit und Liebe. „Sieh dieses Lindenblatt! Du wirst es / Wie ein Herz gestaltet finden, / Darum sitzen die Verliebten / Auch am liebsten unter Linden“, dichtete einst Heinrich Heine.

Das Regieteam Tina Brüggemann, Petra Jenni und Jonathan Giele wollen es mit Schillers "Kabale und Liebe" kritischer angehen lassen, dem Proteststück der Stürmer und Dränger, welche aufbegehren gegen eine unmenschliche Väterwillkür, die um den Machterhalt die eigenen Kinder opfert. Junge Menschen, die das Recht einfordern, sich selbstbestimmt den Ehepartner wählen zu dürfen. Eine Freiheit, die auch nach 250 Jahren in manch einer Kultur noch immer nicht selbstverständlich ist.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel  

Um es nicht zu vergessen: dem Liebeslustwandeln durch den Park fehlt es keineswegs an Humor. Man habe nicht nur dramatische Werke ausgesucht, versichert Mitregisseurin Petra Jenni. Wer mag, darf deshalb schon einmal im Vorgriff die Melodie der Arie "Deh vieni non tardar, o gioia bella – O säume länger nicht, geliebte Seele“ aus Mozarts Oper "Figaros Hochzeit" vor sich hinsummen, wartet doch der Figaro bereits hinterm Baume, um sein  nächtliche Verwirrspiel aus dem vierten Akt beizusteuern. Derlei heitere Liebesscherze gehören nun mal zum Leben. Zwei Herzen schlagen einfach gerne im Dreivierteltakt wie Oper, Operette und Musical reichlich belegen. Wer es nicht glauben mag, dem sei der Schlager empfohlen, erinnert sei an Caterina Valentes "Steig in das Traumboot der Liebe". 

Inzwischen haben Cyrano de Bergerac und Christian von Neuvillette beim Ökonomiegebäude zum Degen gegriffen, um sich zu duellieren. Vordergründig wegen de Bergeracs wenig ansehnlicher Fassade (sprich langer Nase), aber eigentlich - wer erwartet etwas anderes - geht es um die von beiden begehrte Roxane. Temperamentvoll fechten Arwid Klaws und Manuel Flach mit dem Florett. Da passen nicht nur in dieser Szene Wort und Spiel trefflich zum Thema, der Spaziergang vorbei an blühenden Rosen, duftendem Jasmin, entlang dunkler Waldpfade und über moosbegrünte Steintreppen tun ein Übriges. An besonders verwunschenen Orten spielt Musik. Birte Widmann erweist sich als erfreulicher Neuzugang, kann die junge Schauspielerin doch singen, tanzen und eben diverse Musikinstrumente auf das Trefflichste erklingen lassen.

Nur nicht aus Liebe weinen

Während Kleists Käthchen auf der Blumenwiese von ihrem Grafen träumt, rundet  "Hedda Gablers" (Henrik Ibsen) Langeweile an der Seite ihres kleinbürgerlichen Ehemannes Jörgen Tesman die vom Regieteam des Theaters zusammengetragenen Szenen einer Liebe ab. Sicherlich kein Gesamtbild, doch alleine die lustvolle Schauspielerei von Mirjam Birkl, Birte Widmann, Diana Wolf, Arwid Klaws, und Manuel Flach sowie die Einlagen von Bernard Ayena verdeutlichen dessen Vielschichtigkeit - ganz abgesehen vom humorig bis ernsten Unterhaltungswert.

Wobei die Theatermacher erfahrungsgemäß aus unendlich vielen - durchaus auch gegensätzlichen - Zwiegesängen hätten auswählen können. Beispielsweise Romeo und Julia, Tristan und Isolde oder gar Nero und Poppea. Wirklichkeit und Fiktion sind austauschbar.

Und manchmal nicht zu unterscheiden. Wie bei Marianne ("Geschichten aus dem Wienerwald"), die zwar dem Fleischer Oskar versprochen ist, aber im Techtelmechtel mit dem Hallodri Alfred einen Ausweg aus der ungewollten Verlobung zu sehen glaubt. Es muss nicht immer um "dieses Kribbeln im Bauch, das man nie mehr vergisst, als ob da im Magen der Teufel los ist" (Pe Werner) gehen, wenn von Liebe die Rede ist. Überzuschäumen vor Glück kann lediglich einer spontanen Dopamin-Flut geschuldet sein, aber auch wohlüberlegtem Kalkül.  Und wenn Verführung wirklich oder auch nur mutmaßlich wahre Gewalt darstellt, dann ist es bis zum Meister aller Liebes- und Intrigengeschichten William Shakespeare nur ein paar Aphorismen weit. Folgerichtig setzt seine Komödie  "Viel Lärm um Nichts?" den überaus spöttelnder Schlusspunkt hinter diesen "liebestollen Spaziergang".

INFO

Der liebestolle Spaziergang durch den Fachsenfelder Schlosspark wird am

14.; 15.; 21.¸22.; 28. und 29. Juni wiederholt. Danach wird  das "Stück" an anderen Schauplätzen aufgeführt. Die Termine hierzu finden sich unter https://www.theateraalen.de/spielplan

 

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Aalener Kulturjournal