Winfried Tobias inszeniert Charles Dickens "Eine Weihnachtsgeschichte"

Die Geschichte des Ebenezer Scrooge

Über 100 junge Theaterbesucher drängen in den Raum. Per Busshuttle von der Greutschule zur Bühne im Wi.Z gebracht sind die Erst- und Zweitklässler ganz schön aufgedreht.  Kein Wunder stehen doch zwei Schulstunden Theater auf dem Plan. Dazu noch ein ganz besonderes Programm: Ebenezer Scrooge will sie darüber belehren, dass Menschlichkeit wertvoller als Geld ist. Starker Tobak für die Kinder? Nicht die Spur, denn kaum geht es los, ist es mucksmäuschenstill.

Apropos Scrooge. der alte Geizkragen ist zumindest den älteren Jahrgängen bekannt, dreht sich doch bei Charles Dickens legendärer "Weihnachtsgeschichte" alles um diesen hartherzigen wie  grantigen Geldverleiher. 

In bester Erinnerung sicherlich Brian Desmond Hursts Literaturverfilmung von 1951, nicht zuletzt da in diesem Film noch Theater pur zu sehen ist. Und während auch noch Disneys Adaption  - über ein halbes Jahrhundert später gedreht - mit all den filmischen Tricks vor dem geistigen Auge erscheint, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie Regisseur Winfried Tobias einen solch komplexen Stoff wie die "Weihnachtsgeschichte" auf die Bühne bringen will.

Man erinnere sich:  Dickens Novelle spielt im London des 19. Jahrhunderts. Ebenezer Scrooge, die Hauptfigur, ein ausgemachter Geizhals vor dem Herrn, kennt als Lebenszweck nur: Geld. Liebe, Freundschaft und Lebensfreude betrachtet er als unnütze Zeitverschwendung. 

Drei Geister kommen

Und Weihnacht? Bei Scrooges Einstellung überrascht es nicht, dass er

dieses Fest für Humbug hält, stattdessen lieber über seinen Kontorbüchern sitzt. Zwei spendensammelnde Damen der Heilsarmee brüskiert er, die Einladung seines Neffen zum Dinner lehnt er ab. Auch seinem Angestellten Cratchit gegenüber zeigt sich Scrooge hartherzig: Nur widerwillig gibt er ihm am Weihnachtsfeiertag frei.

Allein in seinem Bett bekommt Scrooge Heiligabend unerwarteten Besuch: Sein verstorbener Geschäftspartner Jacob Marley erscheint. Als Geist, der für seine herzlose und eigensüchtige Lebensweise schwere Ketten tragen muss. Scrooge erklärt er, dass auch dieser im Nachleben so bestraft würde, wenn er sich nicht eines Besseren besänne. Die Ankunft von drei weiteren Geistern kündigt er noch an. Der erste - der Geist der vergangenen Weihnacht, welcher Scrooge zur Kindheit zurückführt, die ihn zu einem hartherzigen Menschen hat werden lassen.

Fröhlich erscheint der zweite Geist, der Scrooge einen Blick in die Gegenwart in das Leben anderer Menschen ermöglicht, ihm zeigt, wie Cratchit mit der Familie das Weihnachtsfest glücklich feiert trotz Armut und todkranken Kindes. Danach findet sich Scrooge bei der Party seines Neffen Fred wieder.

Schließlich erscheint als dritter der Geist der zukünftigen Weihnacht, um Scrooge zu prophezeien, was ihm bevorsteht, wenn er sich nicht ändert: Cratchits Kind stirbt, die Familie trauert. Dann steht Scrooge vor dem eigenen Totenbett, erkennt, dass niemand ihn beweint, dafür holt sich seine schlecht bezahlte Haushälterin aus dem Totenzimmer alles, was sich zu Geld machen lässt. Vor seinem eigenen Grabstein stehend, verspricht er voller Angst dem Geist, ein neues Leben zu beginnen.

Scrooge wird in der Tat zum großherzigen Menschen, der mit seiner Lebensfreude andere überrascht, seinen Neffen nun besucht und Cratchits Familie finanziell unterstützt, damit das kranke Kind ärztlich behandelt werden kann.  

Mirjam Birkl, Bernd Tauber, Philipp Dürschmied, Dominik Weber und Stefan Weixler spielen sich charmant wie überzeugend durch gut 20 verschiedene Rollen. Trotz Bart darf Dürschmied zur Freude der kleinen Zuschauer auch mal eine Heilsarmee-Aktivistin spielen, während Axel Nagel blendende Musik beisteuert und nebenbei einen halben Schauspieler mimt. Eine glänzend agierende Truppe, die Tobias´ Auftrag, mit dem Stück die ganze Familie, Kinder und Eltern, anzusprechen, erfolgreich erfüllt. Wobei sich die Älteren vom filmischen Vorbild verabschieden müssen, wirkt doch Bernd Tauber trotz aller Grantelei eher wie ein gemütlicher Großvater denn wie ein Scrooge á la Alastair Sim, der ihn vor fast 70 Jahren so grimmig wie verbittert mimte. 

"Süßer die Kassen nie klingeln!"

Dafür passt Tauber glänzend in die Aalener Inszenierung, spielt er doch überzeugend die Wandlung des Ebenezer Scrooge. Übrigens vor einem Hintergrund, der in schummrigem Schwarz-Weiß die einzelnen Stationen schlüssig zusammenführt, nicht zuletzt dank Marco Kreuzers phantasievollen Videoeinspielungen, mit denen die drei Geister ihrem Auftrag erst richtig nachkommen können.  

Gleichzeitig schaffen sie die jeweils passende Stimmung im Stück, beispielsweise für die Geister eine schaurig gruselige oder eine heimelige für Weihnachten. Spätestens hier löst Winfried Tobias sein Versprechen einer märchenhaften Inszenierung ein. Und damit das Schauspielerquintett angesichts der vielen Rollen entlastet wird, lässt sich der Regisseur einen genialen Kunstgriff einfallen: Cratchits drei Kinder kommen als Handpuppen auf die Bühne (Jan Jedenak). 

Übergroß prangt die Uhr von Big Ben an der Bühnenwand, mal läuft sie im Sekundentakt, mal - wenn Scrooge mit den Geistern unterwegs ist - im Eiltempo zurück in die Vergangenheit oder voran in die Zukunft. Auch schlägt sie geheimnisvoll schön. Genauso stimmig Scrooges hochaktueller Weihnachtssong „Süßer die Kassen nie klingeln. Die Musik kommt gut an, selbst Axel Nagels  Gitarrenriffs zu Beginn - vermutlich in memoriam Malcom Young (AC/DC). Für das notwendige sozialkritische Timbre sorgen die im Kurt-Weil-Duktus gesungenen Lieder, ohne welche die Weihnachtsbotschaft sinnlos wäre. Die Ausnahme: Für Freds Weihnachtsdinner dürfen musikalisch die Beatles ran - britisch eben. Ganz nah um die englische 19.-Jahrhundert-Atmosphäre rankt sich das in sich schlüssige Bühnenbild und die famose Bekleidung (Ariane Scherpf, Stephanie Krey) der Schauspieler, welche die kleinbürgerliche Welt des englischen Frühkapitalismus lebendig machen. 

Aufgrund des  Bühnenformats musste sich Winfried Tobias auf die Haupthandlung konzentrieren. Deren Figuren bleiben indes nach wie vor hochaktuell. Es geht um die glücklosen Menschen, am Ende gar um die gänzlich abgestürzten. Auch über diese wird kein Urteil gefällt. Allerdings am Beispiel von Scrooge zu erklären versucht, welche Verantwortung die Glücklicheren tragen.

Winfried Tobias bleibt nah bei Dickens, wenn er Scrooge nach der Begegnung mit dem ersten Geist den Entschluss fassen lässt, sein Leben zu ändern. Das beweist , dass er sich seines Tuns schon immer bewusst gewesen ist. Er hat er begriffen, dass er mitverantwortlich ist für jene, die im Leben weniger Glück haben.

Dank geschickter Dramaturgie (Anne Klöcker) baut sich ein Spannungsbogen auf, der über die gesamte Inszenierung hält, der viel Raum für den Zauber der Erzählung lässt.

 Während der Regisseur nicht vergisst, mit Dickens "Weihnachtsgeschichte" für eine sozial engagierte Gesellschaft zu werben, fällt auf, wie zeitlos die Geschichte ist, wenn aktuell darüber gestritten wird, ob am Heiligabend - heuer ein Sonntag - der Einzelhandel seine Türen soll. Wie singt Scrooge? "Süßer die Kassen nie klingeln."

INFO

Eine Weihnachtsgeschichte

Premiere: 26. November um 15 Uhr im Wi.Z.

Weitere Vorstellungen:  3., 6., 10., 17., 27., 29., 30. Dezember und 7. Januar, jeweils um 15 Uhr im Wi.Z. Karten und Infos: www.theateraalen.de, E-Mail an kasse@theateraalen.de oder Telefon 07361 / 522600.

 

Fotos: M. Kreuzer, Pete Schlipf, Theater Aalen

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Aalener Kulturjournal