Theater Aalen: Ein britischer Liederabend

GET BACK

(KH) Aus dem Halbdunkel ertönen hexenartige Stimmen. Die drei unheimlichen Schwestern aus "Macbeth"? Würde passen, schließlich geht es über den Kanal ins Brexitland. Doch "Get Back" - so heißt das Theaterstück - zieht eher eine Verbindung zu den "Beatles" und zu "Swinging Sixteens". Das ist schließlich very British! Von der Sprache abgesehen, denn Diana Wolf, Philipp Dürschmied, Bernd Tauber und Arwid Klaws parlieren in publikumsfreundlichem Deutsch. Das Wörterbuch darf zurück in die Manteltasche. Pianomann Claus Wengenmayr verleiht dem Ganzen nett schwäbelnd ebenfalls eine mehr kontinentale Note. Der Sprache zum Trotz: Eines wird schnell klar, auf dieser zum Pub umfunktionierten Bühne legt das Brexit-Virus alles lahm.

Auch bei dem Quintett zeigen sich rasch die Folgen der Infektion: Neben den üblichen Kneipenkonversationen wird gejohlt, genörgelt, gezweifelt. Und gesungen, gelacht, getanzt. Alles unter den Blicken des großen Bruders Big Ben, dessen Zeiger symbolgeladen auf Fünf vor Zwölf stehen. High Noon! 

Regisseurin Tina Brüggemann spielt in dem Stück mit solch Symbolhaftem. Unübersehbar der rotglühende Sonnenuntergang hinter Big Ben. Stichwort Untergang  - als sei nicht die Titanic, sondern die Britannia im Eismeer versunken. Melancholie ruht über der Szenerie, fehlt eigentlich nur noch Céline Dions "My heart will go on".

Aber ein Pub ist eben kein Traumschiff, weshalb  der Alkohol aller Schwermut Grenzen setzt. So darf zum Vergnügen des Publikums fleißig politisiert, diskutiert und schwadroniert werden. Würde Claus Wengenmayr jetzt John Lennons  "Revolution" spielen, wäre sicherlich niemand verwundert. Schließlich geht es um den Brexit, um die Veränderung der Welt, zumindest die der Insulaner. Make Britain great again! Noch so ein möglicher Kneipen-Schlachtruf, dem manch einer auf der Insel in der Hoffnung erlegen zu sein scheint, mittels Brexit dem vermeintlichen Schlamassel namens Europa zu entkommen. Vielleicht soll auch nur verzweifelt der normativen Kraft des Faktischen etwas entgegengesetzt werden. Und sei es bloß eine der möglichen Alternativen zur Wirklichkeit, wie sie längst bis hoch in the Prime Minister´s Office hoffähig geworden sind. Andere hingegen raufen sich darob zwar die Haare, aber der Rest der Welt versteht sowieso nichts mehr. Da kommt doch Ron Goodwins fröhlich leichte Miss-Marple-Melodie wie gerufen. 

Turbulente Szenen und musikalische Ohrwürmer

Der Brexit bleibt ein profunder Theaterstoff wie ihn Shakespeare nicht hätte besser ersinnen können. So ist es nicht weit bis zu Hamlets "To be, or not to be". Allerdings folgt Robbie Williams "Somethin´ stupid". Eines der zahlreichen Verbindungen von Zitat und Lied, die der Absurdität des Themas Hand und Fuß geben, dem Publikum zugleich unübersehbar Freude bereiten.  Unzweifelhaft wäre auch die Hinwendung zu Macbeths dark and bloody drama of ambition, murder, guilt, and revenge - zumal Lord und Lady Macbeth derzeit mit einem eigenen Stück auf der Aalener Bühne vertreten sind (siehe https://www.aalener-kulturjournal.de/theater-musik-kunst/theater-aalen-macbeth/ bzw. Theater Aalen - Macbeth) - eine Inszenierungsalternative gewesen, doch die Regisseurin setzt nicht auf solch  Blutrünstiges, sondern lieber auf den "Sommernachtstraum".  

Wer allerdings angesichts des facettenreichen Wandelns durch die britische Musik- und Literaturszene denn doch tatsächliche Irrungen und Wirrungen vermutet, darf getrost auf der Akteure Schauspiel- und Sangeskunst  vertrauen, zumal Tina Brüggemann den roten Faden durch die brexitiöse Inselrealität straff hält (Dramaturgie: Kerstin Pell). Will heißen, turbulente Szenen folgen auf nachdenkliche, gewichtige Sätze auf flüchtige. Eingerahmt von beschwingtem Liedgut und fabelhaft vorgetragen. 

Eine überaus charmante Art der skurrilen Brexit-Infektion beizukommen. Doch Obacht, das Virus grassiert nicht nur in Britannia.  "Get back" will folgerichtig kein auf die Insulaner bezogener Imperativ sein, zumal auf dem Kontinent die Anfälligkeit nicht minder gegeben ist.

Diana Wolf, Philipp Dürschmied, Bernd Tauber, Arwid Klaws - ihre Dialoge spiegeln die Hoffnungslosigkeit und Verbitterung, unterschwellig mit viel Galgen- und schwarzem Humor. Da möchte man gerne bei Claus Wengenmayrs leisem "Get back" mit einstimmen. Kein lautes "Kommt zurück!" Eher ein verhaltenes "Zurück in die Zukunft", als ob Zemeckis gleichnamige Komödie angesichts des Unfugs eine erwägenswerte Alternative sein könnte. Doch das Stück bleibt auf launigem Kurs, nicht zu nachdenklich, aber auch nicht zu lustig, sonst hätte Tina Brüggemann ihr Ensemble "zurück ins U-Boot" schicken müssen. Ganz Beatles-like ins  Yellow Submarine. 

Wir haben ein Problem!?

"Der Kummer ist der Feind des Lebens", meint Arwid Klaws und öffnet damit gleich zu Beginn des Stückes der unterschwellig lauernden Depression Tür und Tor. Allerdings hält er für sich und seine Pub-Kumpane eine wohlfeile Therapie bereit: Sarkasmus und eine gute Portion Musik. Das macht "Get back" zum vergnüglichen mit Loriotschem Humor gewürzten Singspiel - der tatsächlichen Brisanz zum Trotz, manchmal englisch trocken bis zur karierten Socke (Kostüme: Birgit Barth). Tina Brüggemann vermischt amüsant Phantasie und Realität, bricht das Ganze auf Kneipen-Atmosphäre herunter, lässt die Protagonisten bei Beer and Wine über Gott und die Welt palavern. Drumherum wabernder Alkoholdunst, in den Bernd Tauber ein lasziv verzweifeltes "You can leave your hat on" singt, was sogar noch Tom Jones "Sexbomb"  toppt.

Nur der mühsam gewonnenen Erkenntnis "Wir haben ein Problem" kommen die Kumpane so nicht bei, auch nicht mit ihrem hoffnungslosen Warten auf die Queen. Aber Claus Wengenmayr weiß glücklicherweise Rat:  Mit Musik geht alles besser!

 Der Pianist haut fröhlich in die Tasten, es wird gesungen und getanzt, die Zuschauer applaudieren freudig im Rhythmus. Bis schließlich aus dem Dunkeln heraus ein Saxophon sich einmischt. Special Guest Lee Mayall gesellt sich pustend und prustend dazu. Mal solo, mal mit Klavierbegleitung serviert er ein ganzes Potpourri an Melodien.

Lady Madonna, wonder how you manage to make ends meet - ich weiß nicht, was soll das bedeuten. Aber eines wird deutlich: Die Hoffnung stirbt zuletzt, weshalb die Schauspielerriege den Refrain "Here comes the sun" anstimmt.

 

Ende. Beifall. Die Schauspieler verbeugen sich, das Publikum ist begeistert, jubelt, klatscht. So lange, bis die Zugabe unausweichlich ist. Eine Zugabe zum Brexit? Tina Brüggemann verbindet das Unmögliche mit dem Unausweichlichen, denn wenn schon im Leben vieles schief läuft,  das Leben einen verrückt zu machen droht, wenn geschimpft, geflucht, am Knorpel des Lebens auch noch gekaut wird, dann ist es am besten, nicht lange herumzumosern. Einfach fröhlich ein Lied zu pfeifen, hilft. Die heimliche Quintessens von "Get Back", zusammengefasst mit Monty Pythons: "Always look on the bright side of life".

 

INFO

Weitere Aufführungstermine (jeweils im Wi.Z)

16. Februar, 20 Uhr

18. Februar, 19 Uhr (im Anschluss „Theater trifft...“ den Städtepartnerschaftsverein)

24. Februar, 20 Uhr

25. Februar, 19 Uhr.

März

01. März, 20 Uhr

09. März, 20 Uhr (Frauenvorstellung mit einer Sufragette als Special Guest)

18. März, 19 Uhr

22. März, 20 Uhr (im Anschluss „Theater trifft...“ Dr. Wolfgang Palm)

25. März, 19 Uhr.

 

Karten: Telefon 07361 / 522600, E-Mail kasse@theateraalen.de oder www.reservix.de.

Infos unter www.theateraalen.de

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Aalener Kulturjournal