Simon Stephens "Heisenberg" beim Aalener Stadttheater

Eine Welt ohne Gewissheit

"Heisenberg", lautet der Titel des Kammerspiels. Dennoch muss es niemandem Bange werden. Denn weder geht es um Physik noch um Mathematik, auch wenn irgendwie doch ein naturwissenschaftliches Phänomen herumgeistert. Gemeint ist die Heisenbergsche Unschärferelation. 1927  formulierte der Physiker Werner Heisenberg die nach ihm benannte Erkenntnis, mit welcher er das Weltbild der Physik verändert. Ort und Impuls eines Teilchens können prinzipiell nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden, sondern eine "Unschärfe", eine gewisse Ungenauigkeit, muss in Kauf genommen werden,  wenn man beides zugleich messen will. Das heißt: Die Welt kennt keine Gewissheit.

Wer in den kommenden Wochen ins Theater der Stadt geht, um sich dessen  "Heisenberg"-Variante anzuschauen, braucht wie gesagt kein Physik-Ass zu sein. Der Grund:  Britanniens Erfolgsdramatiker Simon Stephens lässt in "Heisenberg" kein Δx auf Δpx prallen. Dafür seziert er zwei grundverschiedene Menschen in einem unterhaltsamen Zwei-Personen-Stück, bei dem der Name "Heisenberg" kein einziges Mal fällt. Dennoch lässt sich die Intention des Autors  rasch erahnen.  Sein Stück beschäftigt sich mit der Frage, welche Bedeutung die Unschärferelation für  zwischenmenschliche Beziehungen hat.   "Wenn man etwas intensiv beobachtet, begreift man, dass man unmöglich sagen kann, wohin es sich bewegt und wie schnell es dorthin gelangt", fasst  Georgie, die Protagonistin des Stücks, treffend zusammen.

Danach sieht es zumindest in diesem Bühnenstück aus - und doch nicht. Alex (ein wie immer fabelhafter Bernd Tauber) sitzt resigniert dreinblickend im Überall. Alex Priest verfügt über nichts, was ihn auszeichnet. Außer vielleicht dies: Seit 67 Jahren schreibt er pedantisch Tagebuch, hält täglich in 50 Worten sein ereignisloses Leben fest. Ein Liebhaber von Bachs Violinsonaten, leidenschaftlicher Spaziergänger. Von Beruf Metzger. Ein grüblerischer, vielleicht mit der Grund, warum die Geschäfte mehr schlecht als recht laufen. Stephens Alex Priest ist ein unauffälliger Durchschnittsmensch, wie in jeder Stadt zu finden.

Verloren, wartet  der 73jährige Alex stumm auf nichts. Bis plötzlich die fremde Georgie, eine Frau mittleren Alters, ihm in den Nacken küsst. Versehen oder Absicht?  Georgie bricht in sein Leben ein,  schrill, chaotisch, schon optisch mit ihrer bunten Kleidung  als Kontrastfigur zu erkennen, von Diana Wolf prächtig verkörpert.  Beide Figuren entspringen verschiedenen Welten, ähneln sich jedoch in ihrer Einsamkeit, auf welche sie ihrem Charakter gemäß reagieren.

Alex erstarrt nach dem Kuss für Sekunden, begreift nicht. Die folgenden Geschehnisse bleiben im Ungewissen, spiegeln so die Verbindung zwischen Handlung und Heisenberg.  

Georgie handelt sprunghaft, entpuppt sich als  notorische Lügnerin, redet sich die Welt schön. Bis zum Schluss wird nicht klar, ob der verlorene Sohn, den sie in  Amerika suchen will, tatsächlich existiert oder nur ein Phantasiegebilde ist. Anfangs reagiert Alex abweisend auf ihre distanzlose Neugierde, fühlt sich aber bald von ihr angezogen. Beharrlich fragt Georgie, welche seine Pedanterie stört, ihn aus, lauscht den knappen Antworten, kommentiert, gibt Ratschläge. Beide beginnen eine Verbundenheit zu spüren. Authentisch wird auf der Bühne dargestellt, wie Enttäuschung und Lebensglück, Gegensätze und Übereinstimmungen  zum Vorschein kommen. 

Georgie und Alex bewegen sich in einem Prozess aufeinander zu, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Die einzelnen Stationen dieser Entwicklung sind stimmig veranschaulicht mithilfe einer karussellartigen Stellage. Ein kurzer Dreh und schon geht´s in die Metzgerei, zum Sex auf die Matratze oder zurück auf die Bank (Bühnenbildnerin Annette Wolf). Die Dramaturgin Tina Brüggemann sorgt dafür, dass die Handlung des Stücks, die sich im Grunde in wenigen Sätzen zusammenfassen lässt, unterhaltsam bleibt, während Regisseur Tonio Kleinknecht das Innere seiner Protagonisten Schicht um Schicht frei legt. Am, Ende lassen Alex und Georgie Altes zurück, um Neues zu beginnen.

Fotos: Karolina Tomanek; P.Schlipf

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal