Theater Aalen spielt Paul Maars "Kikerikiste"

Freundschaft, das ist wie Heimat  

Der erste Gedanke vor der Premiere der "Kikerikiste" gilt einem alten Kinderreim: "Der Hahn kräht oben auf dem Mist, / wenn ihm danach zu Mute ist. / Es klingt mitunter echt verboten - / denn manchmal kräht er falsche Noten."  Vielleicht kannte Kinderbuchautor Paul Maar ebenfalls die Zeilen, die ihn dann eventuell zu seiner Geschichte von der "Kikerikiste" anregten.

Von Bartholomäus zeigt sich zuerst eine Hand. Vorsichtig streckt sie der Angeber aus seiner Kiste. Von Kümmel sehen die Zuschauer hingegen erst einmal nur den Fuß. Hand und Fuß, schon fast ein symbolischer Auftakt zu einem Kindertheaterstück über den Wert von Freundschaft. Um es vorwegzunehmen, gemessen am Lachen der jungen Premierenbesucher 

war das Stück ein voller Erfolg. Mag es bei den Kleinen der komischen, lustigen und komödiantischen Szenen wegen gewesen sein, so überzeugte es bei den großen durch seine indirekte, nie plakative Darstellung der Rolle von Freundschaft in einem Leben, deren unerlässlichen sozialen Funktion. Und was Verlust und Verrat von Freundschaft letztendlich bedeuten kann. Dabei geht es in Paul Maars "Kikerikiste" nicht um eine schnöde Beste-Freunde-Geschichte, es geht vielmehr darum, wie sich zwei junge Menschen selbst finden und wie sie im Laufe der Handlung feststellen, was in ihrem Leben wirklich zählt. 

Die Inszenierung stellt mit einfachen Mitteln wahre Freundschaft in den Vordergrund, offenbart aber auch, durch was sie gefährdet ist. Ohne mahnenden Fingerzeig gelingt es Winfried Tobias sich mittels Maars  Geschichte kritisch mit falscher und oberflächlicher Freundschaft auseinanderzusetzen. Das Ziel ist klar: Jeder sollte wissen, ob ein anderer Freundschaft oder nur eigene Vorteile sucht. Ein Theaterstückchen voller Erkenntnisse, bei dem zugleich kleine und große Zuschauer Werte vermittelt bekommen, die eigentlich überlebenswichtig sind.

"Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt."

Regisseur Tobias gestaltet die Geschichte höchst unterhaltsam, wobei zugegebenermaßen Alice Katharina Schmidt einen Bartholomäus spielt, der mit seiner Prahlsucht und seinem Egoismus tatsächlich zur Reizfigur wird. Umso bewundernswerter die Geduld, die  Kümmel (Anne Klöcker) mit ihm aufbringt. Zwei gute, wenn auch höchst ungleiche Freunde,  die sich in ihren bunten Allzweckkisten so richtig wohlfühlen. In und um ihre Höhlen spielen die beiden, necken und ärgern sich. Und streiten - manchmal gar heftig! Kinder eben, denken die Erwachsenen. 

Winfried Tobias hingegen versetzt sich in deren Gefühlswelt, um dem friedlichen wie aufbrausenden Spiel den von Paul Maar gewünschten heimelig humorigen Unterton zu geben, der durchaus auch ins Grüblerische abgleiten darf. Eingebaute Slapstickszenen garantieren dabei den Erfolg, sprich, die kleinen Zuschauer kringeln sich manchmal vor Lachen.  Vor allem Anne Klöcker sorgt mit großen Augen und naiv wirkenden Gesten dafür, während Alice Katharina Schmidt immer wieder den Haudrauf in Amadäus  zum Leben erweckt. Sich beschimpfen, streiten, wieder vertragen. 

Immer geht es darum, wessen Kiste wohl größer, bunter, schöner, ja interessanter ist. Es sind Konflikte, die den jungen Zuschauern nicht fremd sind. Kinderalltag eben. Da gehört die Kopfnuss ebenso dazu wie herumalbern und spucken. Zu krass? Wenn Anthroposophie-Papst Rudolf Steiner recht hat, dann kann man aus der Art, wie ein Kind spielt, erahnen, "wie es als Erwachsener seine Lebensaufgabe ergreifen wird". Die Inszenierung der "Kikerikikiste" ermöglicht somit den großen Zuschauer zugleich die gute Chance, sich selbst an der eigenen Nase zu packen. 

Auf solch eine Dritte im Bunde  verzichten die Freunde gerne

Mitten ins solchermaßen vergnügliche Kinderspiel platzt die "Musikmarschiererin". Als aufgebrezeltes Starlet beeindruckt Mirjam Birkl mit Diven-Pose und lauter Musik aus dem Ghettoblaster, sodass Bartholomäus und Kümmel nicht bemerken, dass es die nun Dritte im Bunde keine Freundschaft sucht, sondern es lediglich auf der Beiden wertvollsten Besitz abgesehen hat: auf die Spielkisten. Die Freundschaft der beiden wird auf eine harte Probe gestellt. Denn die Musikmarschiererin spielt Bartholomäus und Kümmel geschickt gegeneinander aus, sodass aus Freunden plötzlich Rivalen werden. Und mit den Kisten raubt sie den beiden die wohlvertraute Heimat, den

Ausgangspunkt all ihrer kindlichen Phantasie. Beinahe wäre darüber die Freundschaft zerbrochen, doch Bartholomäus und Kümmel erkennen noch rechtzeitig: „Sie war nicht unser Freund, sie hat nur so getan!“ Eine Einsicht, die  zusammenschweißt.

Inmitten der von Martina Ebel (Bühnenbild und Kostüme) kunterbunt gestalteten Kinderwelt inszeniert Winfried Tobias eine Geschichte voller Herz und Witz, in der Alice Katharina Schmidt, Anne Klöcker und Mirjam Birkl unbeschwert kindliche Sorglosigkeit und Sprunghaftigkeit spiegeln, um klar zu machen:  Nicht der "Obermarschierer" zählt im Leben, sondern nur wahre Freundschaft.

 

Nach der Premiere gab es selbstverständlich eine Premierenfeier für die kleinen und großen Besucher.

INFO

 

Theater Aalen: "Kikerikiste"

 

Weitere Aufführungen im Alten Rathaus: 4., 11. und 25. Februar sowie 25. März, jeweils um 15 Uhr. Am 1. März spielt das Theater das Stück bei den Kinderbuchwochen in der Aalener Stadtbibliothek.

 

Karten: Telefon 07361 /522600 und unter www.reservix.de

Vorstellungen n für Schulen und Kindergärten: Informationen unter sandmann@theateraalen.de

Fotos: P. Schlipf; H. Kullmann

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Aalener Kulturjournal