Szenisch-musikalischer Streifzug durchs Fachsenfelder Schloss

Lebendige Bilder

(AK)      Zu einer seltsamen Begegnung kommt es Anno 1768 in der Bibliothek des Schlosses Nöthnitz: 13 ehrbare Männer treffen sich hier zum gelehrten Disput.  Indes - diese geschichtsträchtige Episode hat es in Wirklichkeit so nie gegeben. Dennoch fand der Historienmaler Theobald von Oer  solchen Gefallen daran, dass er die Gelehrtenrunde für die Nachwelt auf der Leinwand festhält. Im Mittelpunkt des  Gemäldes steht kein Geringerer als Johann Joachim Winckelmann, eine Apoll-Büste mit den Worten „Ein himmlischer Geist erfüllt diese Figur“ tätschelnd. In Kniestrümpfen, Gehrock und mit gepuderter Perücke umstehen ihn der Dichter Gotthold Ephraim Lessing, Hofmaler Canaletto, der päpstliche Botschafter Albericio Archinto, Publizist Gottlieb Wilhelm Rabener und selbstredend Gastgeber Heinrich Graf von Bünau samt Schlossbibliothekar Michael Francke. Doch plötzlich steigen die Figuren aus dem Bilderrahmen. Eine ägyptische Künstlerin  bemalt Menschen und lässt sie zu einem Gemälde erstarren. Noch ein Spiel mit der Illusion: In Heidelberg kam vor einigen Jahren Louis Andriessens Oper „Writing to Vermeer“ auf die Bühne, eine Inszenierung, die Jan Vermeers Bilderwelt zum Leben erweckt.

Einen anderen Weg geht das Aalener  Stadttheater gemeinsam mit dem Bläserensemble der Musikschule (Christoph Wegel) im Fachsenfelder Schloss, dessen szenisch-musikalische Führung durch die gegenwärtige Spitzweg-Ausstellung sich vielversprechend "Lebendige Bilder"  nennt.  Die zu Ende gehende Bilderschau zeigt rund 40 der berühmtesten Werke des deutschen Malers Carl Spitzweg, welche mitnehmen in die Zeit des Biedermeiers, in die Welt nach der Revolution von 1848. Die Aufstände sind gescheitert, die Barrikaden in den Städten weggeräumt, Beschaulichkeit weht durch deutsche Stuben.

Offene Meinungsäußerung kostet damals die Freiheit oder gar das Leben. Wie in autoritären Staaten noch heute, kann nur hinter vorgehaltener Hand oder künstlerische verfremdet Kritik geübt werden. Aus diesem Blickwinkel betrachtet Spitzweg den damaligen Zeitgeist, malt seine Mitmenschen bei harmlos scheinenden Aktivitäten, öffnet aber insgeheim einer kritischen Sicht Tür und Tor.

Dabei solle es nicht in erster Linie um Spitzwegs eigene Biographie gehen, meint Regisseur Jonathan Giele. Am Herzen liegt ihm vielmehr zu verdeutlichen, was die einzelnen Bilder selbst offenbaren können. Was es in ihnen zu entdecken gibt, wie sie auf heutige Zeitgenossen wirken. Vielleicht spiegelten sich gar aktuelle politische und gesellschaftliche Themen zeitlos in den Bildern?, so Giele. So ist es wenig überraschend, dass er in Spitzweg einen das kleinbürgerliche Leben kritisierenden  Romantiker erkennt, der seine Protagonisten mit Ironie und Humor in ein spätbiedermeierliches Licht rückt.  

Symbolbeladen versammeln sich die Besucher unter dem Hirschgeweih in der Eingangshalle des Schlosses. Die Musiker stimmen vergnüglich mit "Probier´s mal mit Gemütlichkeit" aus dem Musical "Dschungelbuch" ein. Derweil kommt ein biedermeierlich gekleidetes Paar die Schlosstreppe herab, lässt sich auf einem Bänkchen nieder, um recht verdrießlich ein Vesperbrot zu verspeisen. Spitzwegs Bild "Auf der Ruhebank"  wird von Arwid Klaws und Philipp Dürschmied köstlich nachgestaltet.

Die Besucher folgen danach in die Wohnung des letzten Barons, Reinhardt Freiherr von Koenig-Fachsenfeld, der nach heutigen Vorstellung in  seinen Privatsräumen höchst bescheiden lebte. Beim Gang durch die Stuben glaubt man im 19. Jahrhundert angekommen zu sein,  denn die  Einrichtung scheint Spitzweggemälden entliehen. Beabsichtigt und ansprechend gemacht. So im einstigen Schlafzimmer des Barons. Mit Blick auf das Bild "Der alte Türke" gilt es hier die Ohren zu spitzen, denn was den Raum beherrscht, ist nicht nur das fiese Surren einer Schmeißfliege, sondern auch das brummelige Schnarchen des Barons.

Dann geht es zu Spitzwegs "Gefährlicher Passage"! Ein Rednerpult im Raum, aus dem Off eine Stimme, die man zunächst nicht recht wahrnimmt, deren poetisch-radikaler Aufruf indes eindringlicher wird, zumal es um eine zugespitzte Rede über Protestaktionen geht. Entlehnt ist der Text dem Buch „Der kommende Aufstand“, herausgegeben erstmals von einem "Unsichtbaren Komitee" vor zehn Jahren in Frankreich. Inhaltlich höchst widersprüchlich, in der biedermeierlichen Atmosphäre des Schlosses jedoch eher an die Frankfurter Paulskirche erinnernd.

Inmitten des Wortschwalls erklingt Beethovens Neunte und mit ihr  Schillers "O Freunde, nicht diese Töne! Sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudenvollere." So relativiert sich das umstürzlerische Geschwätz des "Unsichtbaren Komitees", stellt zugleich revolutionäres Gebaren vom Kopf auf die Füße. Nicht von ungefähr war Friedrich Schiller über den Blutrausch der französischen Revolutionäre entsetzt und Beethoven so wutentbrannt, dass er sie aus der Widmung seiner Neunten strich.

Den Besuchern bleibt allerdings keine Zeit zum rebellischen Nachsinnen - wogegen auch immer, denn der Weg führt schnurstracks ins Badezimmer des Barons. Keine neumodisch wie kleinbürgerliche Wellness-Oase, es riecht vielmehr nach Bohnerwachs und Holzfeuer, mit dem einst im Warmwasserkessel das Bad vorbereitet wurde.  Es plätschert und blubbert aus dem Lautsprecher. Jemand nimmt ganz offensichtlich ein Bad. Die Anlehnung an Spitzwegs "Susanna im Bad" bleibt aber flüchtig, denn die Sinne erstarren. Jonathan Giele will keine Badewannentango-Impressionen. Er lässt vielmehr Schauspielerin Anne Klöcker  aus Eve Enslers "Vagina-Monologe" lesen, jene grauenvollen Texte von Frauen, die über ihre Vergewaltigung im Bosnienkrieg berichten.

Schwer zu ertragen, auch angesichts des Kontrasts der stimmungsvollen Repräsentationsräume des Schlosses, durch die der Weg zur nächsten Szene führt. Arbeitszimmer, Wohnzimmer, Speisezimmer.

Die Bibliothek als Ziel. Am flackernden Kamin: Dürschmied und Klaws. Nun als Märchenerzähler. Das Bläserensemble sammelt sich zum Chor, singt unter Drehleierbegleitung das Lied von "Hänsel und Gretel".  Nach Revolution und Gewalt fehl am Platz? Keineswegs, denn das  Motiv der im Wald ausgesetzten, von vielerlei Gefahren bedrohten  Kinder  fügt sich nahtlos in die "Lebendigen Bilder"-Inszenierung ein. Hier passend zu Spitzwegs  "Schulkinder" von 1850.  Bei den Gebrüder Grimm geht es um den Reifeprozess von Kindern, der sich im Wald abspielt, dem - wie in vielen europäischen Märchen -  Ort der Wandlung. Das Märchen ist symbolisch aufgeladen, so stehen die die Brotkrumen  aufpickenden Vögel  für die seelische Wandlung, vor der jedoch  die Konfrontation mit der Hexe zu bestehen ist. Märchen seien Menschheitsträume vom Gelingen der Liebe und des Lebens, so Psychoanalytiker  Eugen Drewermann.

 

Fotos: Theater Aalen, H. Kullmann

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Aalener Kulturjournal