Theater Aalen

"Macbeth" – Tonio Kleinknechts kluge wie klare Inszenierung 

"Macbeth" auf der Aalener Theaterbühne. Vielversprechend! Doch der Tragödie wievielter Teil? Johann Strauß symphonische Dichtung, Verdis Oper, gleich acht Kinoverfilmungen, unvergessen Roman Polanskis schauerlich bluttriefende. "Macbeth", die letzte und kürzeste von Shakespeares großen Tragödien, bewegt durch alle Zeiten die Menschen. Aus gutem Grund, thematisiert doch Shakespeare in diesem Drama Verbrechen, welche einer Pandemie gleich zivilisierte Gesellschaften 

destabilisieren und schließlich zerstören könnten, gewännen nicht am Ende ordnende Kräfte die Oberhand. Hieraus speist sich der ewig wiederkehrende Konflikt von Gut und Böse, von Sein und Schein.

Dessen Deutung bestimmt der jeweilige Zeitgeist, ob nun D´Avenants Inszenierung im 17. , Schillers im 18. oder Verdis  im 19. Jahrhundert, nicht anders die aktuelleren Verfilmungen  beziehungsweise Bühnenfassungen. Erlaubt ist dabei nicht nur, was Sinn macht. So durften die Premierenbesucher im Alten Rathaus gespannt sein, ob sich Regisseur Tonio Kleinknecht für Monty Phyton, Polanski  oder  doch für Shakespeare entscheidet.

Fasziniert vom Bösen

Die Bühne schwarz, in der Mitte ein metallisch glänzender Tisch. Lord und Lady Macbeth erproben sich im Strategiespiel. Kein frommes Schach, vielmehr in kalter Kriegssymbolik beim Kampf um Macht. Eiserne Spielfiguren stehen für die Heere, die fallen oder siegen. Eine beklemmend düstere Atmosphäre, die keiner Worte bedarf, aber bereits deutlich den Weg zur Macht vorzeichnet. In fünf kurzen Akten offenbart Shakespeare das Schicksal des Paares, von Tonio Kleinknecht verdichtet auf die wesentlichen Schlüsselszenen.

 

"Macbeth" - höchst eindringlich zeigt Arwid Klaws einen zögerlichen, dennoch machtlüsternen Feldherrn, der zum Königsmörder und Tyrannen wird.  In einer Mischung aus Grace Jones und einer der Phantasie eines Marquis de Sade entsprungenen Domina gibt Alice Katharina Schmidt  authentisch Lady Macbeth, die selbstherrlich wie machtgierig ihren willensschwachen Mann manipuliert, dessen Gewissen zum Schweigen bringt. Am Ende versinkt jedoch auch sie im Wahnsinn.

Keines der  Shakespeareschen Dramen ist so reich an Monologen wie "Macbeth". Kleinknecht bleibt ganz bei dem Original, wenn er  die quälenden, unter die Haut gehenden  Selbstgespräche in den Fokus rückt (Dramaturgie: Tina Brüggemann), um die  Gewissensnot des Protagonisten zu offenbaren: durchaus fasziniert vom Bösen, bleibt er im Gegensatz zu seiner Frau nicht ohne moralische Skrupel. 

 

Die Thematik der Tragödie, von dem Autor als Gewissensdrama angelegt, wird nochmals gespiegelt durch die Kontrastgestalt des Banquo (eine Arwid Klaws nachempfundene Handpuppe, die zweite Seele in seiner Brust). Dieser kann durchaus Macbeths Ansinnen nachvollziehen, schreckt aber vor dem Letzen zurück, da  für ihn Loyalität und Integrität an erster Stelle stehen. Folglich muss  er als Mitwisser liquidiert werden. Die Schuldverstrickung des Macbeth wird immer größer, gleichzeitig kommt es - wie bei jedem Gewaltherrscher - zur wahnhaften Wahrnehmung der Umwelt. Opfer erscheinen als Geister,  gleichzeitig wird er sehr real bedrängt von den Gegnern.

Am Ende bleibt keine Hoffnung

Die notwendige Zuspitzung des Stückes gelingt Tonio Kleinknecht und seinem Co-Regisseur Jan Jedenak (Figurentheater) durch einen genialen Kunstgriff: Alle Akteure - außer den Macbeths - treten als Puppen (Puppenbau: Januscz Debinski) auf beziehungsweise die Figurenspieler Anne Brüssau, Robert Buschbacher und Emilien Truche tragen Masken. Symbol für den Menschen, der vom Schicksal oder der Willkür gezwungen wird, mechanisch wie eine Marionette zu handeln. Sie leiten über, ergänzen, führen neue Gedanken in die Handlung ein.  

Die drei Hexen, zu Shakespeares Zeiten Sinnbild des Bösen, jedoch nicht bei dem Autor, agieren mit Gesichtsmasken, ohne Emotionen. Banquo wird zur mahnenden Handpuppe und Shakespeares Pförtner lastet als überdimensionierte Marionette kommentierend über der Szenerie, um mit Hilfe der Komik vom  allgegenwärtigen Grauen abzulenken.

Claus Wengenmayr als Geräuschespezialist lässt es blubbern, klopfen, rascheln. Seine Klänge verweben sich mit Licht und Schatten, schaffen zusammen mit dem Spiel der Puppen eine surrealistisch anmutende Atmosphäre.  Starke Bilder!

Um die Tragödie ganz zu begreifen, würde es allerdings ratsam, sich zuvor mit deren Inhalt vertraut zu machen.  Auch weil sich der Regisseur auf eine Veränderung einlässt. Bei Shakespeare enthauptet Malcom, der legitime Thronfolger, seinen Widersacher Macbeth, stellt so die Ordnung wieder her. 

Die Aalener Fassung neigt zu einem pessimistischeren Schluss: Malcolm entpuppt sich am Ende  als ein dem Tyrannen gleichwertiger Machtmensch, der für seine Ziele ebenfalls über Leichen gehen wird. Es gibt es keine Erlösung. Hass und Zerstörung bestimmen den Fortgang der Geschichte. Aber nicht weil die Hexen mit ihrem vieldeutigen "Fair is foul, and foul is fair - Gut ist bös’, und bös’ ist gut" die Fäden in Händen halten, sondern eingedenk Schillers "Macbeth"-Inszenierung hat der Mensch immer die Möglichkeit zur Willensfreiheit, das heißt sich gegen das Böse, gegen die Korrumpierung durch die Macht zu entscheiden.

 

INFO

Weitere Termine: 08., 09., 15., 16. Dezember und 6. Januar, 20 Uhr im Alten Rathaus; 31. Dezember, 17 Uhr, im Alten Rathaus, 27. Januar und 03. Februar, 20 Uhr im Wi.Z. Karten und Infos: www.theateraalen.de, E-Mail an kasse@theateraalen.de oder Telefon 07361 / 522600.

 

Fotos: Theater Aalen (K.Tomanek, P.Schlipf)

 

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Aalener Kulturjournal