Theater Aalen eröffnet Spielzeit mit einer Diskussion und szenischen Lesung

Antoine Leiris: "Meinen Hass bekommt ihr nicht"

Zum Auftakt der Aalener Theatersaison luden die Theatermacher ins Alte Rathaus.  Diskutieren sollte das Publikum, sich auseinandersetzen mit dem Spielzeitmotto "Innere Sicherheit". Ein Thema, bei dem es um den Schutz von Staat und Gesellschaft vor Kriminalität, Terrorismus und verwandten Bedrohungen geht? Oder steht mehr die Frage nach zwischenmenschlicher Beziehung und gegenseitigem Vertrauen im Mittelpunkt? Regisseur Michael Petzold führt vor knapp zwei Jahrzehnten beides in seinem Spielfilm "Die Innere Sicherheit" treffend zusammen. Ähnlich gehen nun Aalens Theatermacher vor, indem sie thematisch höchst unterschiedlich die Problematik beleuchten.  

Bei der Auftaktveranstaltung durften sich auch Theaterbesucher dazu äußern, allerdings blieb die ausführliche Auslegung Thilo Rentschler vorbehalten.  Aalens Oberbürgermeister verwies auf die statistisch belegte gute Sicherheitslage in der Stadt, wusste allerdings auch, dass die gefühlte eine andere sein könne. Den kulturellen Aktivitäten sprach er eine wichtige Bedeutung zu, denn nur wenn sich Menschen im öffentlichen Raum friedlich begegnen könnten, könne auch das Gefühl von Sicherheit entstehen.

An diesem Abend stand die szenische Lesung (Manuel Flach) aus dem Buch "Meinen Hass bekommt ihr nicht" im Mittelpunkt.  Darin schildert der französische Journalist Antoine Leiris tagebuchartig sein Leben in den Tagen nach der Ermordung seiner Frau durch Islamisten in Paris.

Antoine Leiris: "Meinen Hass bekommt ihr nicht"

Islamistische Terrorkommandos verüben am 13. November 2015 Anschläge am Pariser Stade de France und in der Konzerthalle „Bataclan“, ermorden  130 Menschen und verletzen Hunderte schwer.  Unter den Opfern des Massakers ist Hélène Muyal-Leiris, die Frau des französischen Journalisten Antoine und Mutter eines 17 Monate alten Jungen.

Zwei Tage und Nächte hofft Leiris vergeblich, dass seine Frau überlebt haben könnte. In einem  offenen Brief - veröffentlicht auf Facebook, wenige Tage später -  wendet er sich an die Mörder seiner Frau. „Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen.“    

 Sätze, die nur für seine Familie und Freunde gedacht sind, die jedoch über die  sozialen Netzwerke verbreitet weltweit rasch  Millionen Menschen  erreichen.

 In dem schmalen herzzerreißenden Buch geht es nicht  um die vermeintlichen Motive der Terroristen oder um Politik. Dreizehn Tage, vom 13. bis zum 26.  November, hält  Leiris in einem Art Tagebuch  Ereignisse und Gefühle nach dem Tod seiner Frau fest, und wie er versucht trotz des  ungeheuren Schmerzes, seinem kleinen Sohn Halt zu geben. Rituale wie  Essen, Lesen, Baden, Schmusen strukturieren  den Alltag, geben dem Kind Geborgenheit und retten den Vater vor dem Abgrund.  Der Kleine vermisst seine Mutter.  „Er weint, wie ich ihn noch nie habe weinen sehen“,  notiert Leiris, in dem in diesem Moment alles zusammenbricht.

„Alle Träume sind zerschlagen.“

„Wir weinen, Wir weinen alles, was wir an Tränen  noch in uns haben.“ Überall in der Wohnung finden sich Erinnerungen an Hélène – ihre Kleidung, ihre Brille, ihr Geruch. „Alle Träume sind zerschlagen.“   In der Gerichtsmedizin muss Antoine seine tote Frau identifizieren. „Wir beide wollten zusammen alt werden.“ Er muss die Kleidung für ihre Bestattung auswählen. Nur wenige verstehen, dass er nicht danach fragt, wie sie ums Leben gekommen ist.  

Antoine Leiris muss tapfer sein um des Kindes willen. Nie  würden sie in ihr Leben von vorher zurückkehren, aber sie würden sich kein Leben gegen diese Menschen aufbauen, sondern mit ihrem eigenen Leben weitermachen, schreibt er. Denn er wolle nicht,  dass das Verbrechen das Leben seines Sohnes zerstöre. Gemeinsam wollten sie glücklich sein, dem Terror trotzen. „Sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch die Stirn bieten, weil er glücklich und frei ist“,  richtet er sich  an die IS-Terroristen. „Denn, auch seinen Hass bekommt ihr nicht.“  Obwohl er weder vergesse noch verzeihe. Absicht der Verbrecher sei es, Hass zu wecken, Vertrauen zu töten, um den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu zerstören.

Die Männer hätten mit ihren automatischen Waffen ihr Urteil gesprochen. Für ihn und den kleinen Melvil werde es lebenslänglich sein. „Die Worte, die ich geschrieben habe, werden mich nicht heilen. Aber sie helfen mir,  den Tod zu zähmen. Wie ein wildes Tier“, schreibt er.   In einem Interview ein Jahr nach dem Massaker erklärt  Antoine Leiris, was er mit dem Satz „ Meinen Hass bekommt ihr nicht“ habe ausdrücken wollen. Hass empfinde er instinktiv auch. Eine bewusste Entscheidung sei es, dem nicht nachzugeben. Ein täglicher Kampf mit sich selbst.  Denn er habe Angst, dass er sich von diesem Hass, sollte er sich ihm hingeben, nie mehr befreien könne.

Menschliche und hoffnungsvolle Botschaft als Symbol gegen Terror

Der Satz reflektiere die Entschlossenheit, sich  und sein Kind  nicht in die Spirale des Hasses hineinziehen zu lassen. Denn das wäre ein nachträglicher Sieg der Terroristen, den er ihnen nicht geben wolle. Er wolle nicht falsch verstanden werden, der Islamische Staat müsse bekämpft werden. Allerdings mit Vernunft, nicht reflexartig, sondern besonnen. Obwohl sich ein Gefühl der Angst installiert habe, müssten die Menschen versuchen, ihr Leben so normal wie möglich weiterzuleben.

Aus Antoine Leiris´ Posting wird ein Weltseller, übersetzt in über 20 Sprachen. 

Am 10. November 2016 erhält er in Dresden den Literaturpreis „Hommage à la France“ für sein Buch  „Meinen Hass bekommt ihr nicht“. Die Begründung: Antoine Leiris sei durch ein furchtbares Schicksal und seine zugleich zutiefst menschliche und hoffnungsvolle Botschaft zum Symbol für den Widerstand gegen den Terror in Paris geworden ist.  Ehrlich und ergreifend spreche er über sein aktuelles Leben, seinen zerstörten und doch so zärtlichen Alltag zwischen Vater und Sohn. Er trotze Terror und Gewalt mit einem wundervollen Bekenntnis: „Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen der Welt.“

 

Antoine Leiris: Meinen Hass bekommt ihr nicht.
Aus dem Französischen übersetzt von Doris Heinemann.
Blanvalet Verlag, München 2016.
140 Seiten
ISBN-13: 9783764506025

 

 

INFO

Die szenische Lesung   "Meinen Hass bekommt ihr nicht"   findet im Alten Rathaus  am 3. Oktober (19 Uhr) nochmals statt

www.theateraalen.de

 

Fotos: Verlag; kul

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