Sommertheater mit Molière 

"Sorgen Sie dafür, dass ich lachen kann!"

Über Wasseralfingens Schloss kein Regen in Sicht. Doch kaum hat man Platz genommen, schon prasselt´s kräftig nieder. Was für ein Glück, dass die Zuschauer unter den Riesenschirmen trocken bleiben.  "Molière!" steht im Spielplan. Auf der Bühne des Sommertheaters ein karger Holzaufbau, der mal als Gebäude, mal als Theaterbühne auf der Theaterbühne dient. Muss sich anfangs  Molieres „Illustre Theâtre" mit einer Bretterbude begnügen, so stehen am Ende die Schauspieler mit der heranziehenden 

"Comédie Francaise" vor einer prunkvollen Kulisse (Bühnenbild: Ana Tasic). 

Bis dato kamen auf die Wasseralfinger Freilichtbühne fast immer nur Komödien, passen diese doch wunderbar zur Leichtigkeit des sommerlichen Seins und eben auch zur guten Tradition des Aalener Stadttheaters. Außerdem: Hand aufs Herz. Wer möchte schon zwischen Sonnenbad und abendlichem Caipirinha große Probleme wälzen! 

"Molière!" - Eine Komödie" steht denn auch wenig überraschend auf dem Programm, wobei zuvor schon "Molière im Park" süße Stückchen aus "Der Geizige", "Der eingebildete Kranke" und Co serviert hat. Vergnügliches eben, läge da nicht, zunächst nur gefühlt, irgendwo ein Stolperstein. Ein unentbehrlicher, denn Belustigung allein würde einem Molière nicht gerecht werden; folglich hat sich Intendant Tonio Kleinknecht, um  das unstete Leben des großen Franzosen darzustellen, zu einer wohlbedachten Stückentwicklung entschlossen. Der rote Faden: Molières Leben und seine Komödien miteinander verflechten. Das erlaubt sowohl einen kritischen  Blick auf das soziale, politische und gesellschaftliche Leben des 17. Jahrhunderts wie auch einen auf die vergnüglichen Lustspiele. 

"Gestatten, Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière!"

Wer diesen Jean-Baptiste Poquelin - Künstlername Molière - kennt, weiß, wie gegensätzlich und dennoch so überaus kohärent diese beiden Teile sind. Für Kleinknecht die eigentliche Herausforderung,gerade weil hinter Molières Humor bissige Satire steckt. Nahezu das ganze künstlerische Wirken steht im Dienste der Gesellschaftskritik, sein facettenreiches Leben und Repertoire verschmelzen regelrecht miteinander. Ein ideale Voraussetzung für Kleinknecht, der bis zu Jean-Baptistes Kindheit zurückführt, zum "Theaterspiel" unter Kindern. Peu á peu entwickelt sich daraus ein 

ungewöhnliches Leben, in dessen Mittelpunkt Molières beharrlicher Kampf um Anerkennung steht - gegenüber dem eigenen Vater, aber auch gegenüber den Theaterkollegen und dem Publikum. Indes: Ein Anspruch an eine Wirklichkeit, die nicht danach verlangt. Dafür muss er sich gegen Vereinnahmung durch andere wehren, sieht sich kirchlichen wie politischen Gegnern gegenüber, die seine in die Lustspiele eingebauten kritischen Reflexionen mehr und mehr fürchten lernen. 

Eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, die in der Inszenierung allerdings zunächst leicht sperrig wirkt, dann aber den roten Faden sicher aufnimmt, um ihn bis zum Ende straff zu halten. Kleinknecht handelt nach bewährter Manier: Molières einzelne Lebensphasen sind durch vier Schauspieler dargestellt. Von der Kindheit (Rafael Brüggemann) führt der Weg zum erfolgreichen Künstler und Geschäftsmann (Marcus Krone, Philipp Dürschmied), der es nicht lassen kann, seine Zeitgenossen und die ihn umgebende Wirklichkeit mit spöttischem Blick wahrzunehmen. Der Stoff für subversive Komödien! Arwid Klaws spielt gegen Ende des Stücks den alten Molière, vielleicht die schwierigste darzustellende Lebensphase. Einerseits steht Molière in dieser Zeit im Zenit seines Erfolgs, andererseits wird er wegen seiner Kritik an allen Autoritäten von höfischen wie kirchlichen Intriganten übel angegangen.

Es darf gelacht werden!

Zurück zum Lustspiel. Wenn die Wandertruppe mit dem Thespiskarren durch die Provinz tingelt, erfolglos mit ernsten Stücken um die Gunst des Publikums buhlt, dasselbige jedoch mit "faulen Eiern" wirft, weil es eben doch lieber Possen und Zoten sehen will, dann darf im Wasseralfinger Schlosshof ordentlich gelacht werden - übrigens weder zum ersten noch zum letzten Mal. Geschickt platziert Kleinknecht solch komödiantischen Szenen, gekonnt von der Dramaturgie (Tina Brüggemann, Winfried Tobias) zugespitzt. 

Damit werden die Zuschauer aus dem oft nicht erfreulichen Leben des realen Molière herausgerissen, um in die humorige  Welt des "Geizigen",  "Don Juans"  und des "eingebildeten Kranken" zu entführen.

Ein Highlight, der Auftritt Philipp Dürschmieds als Philosoph Descartes, der als selbstverliebter Gockel mit existenzialistischer Attitüde über die Bühne stolziert. 

Apropos großartige Darsteller. Alice Katharina Schmidt ist die Rolle der Madeleine Béjart auf den Leib geschrieben. Leidenschaftlich veranschaulicht sie ihr Verhältnis zu Molière, ihren Beitrag zu dessen Erfolg, aber auch ihre Liebe zu ihm. Arwid Klaws glänzt wie erwartet gleich in fünf verschiedenen Rollen und Marcus Krone in vier. Fehlt noch Mirjam Birkl. Als Armande Béjart wird sie nach Molières Tod die Theatertruppe zur "Comédie Francaise" führen und als blasierte Erzählerin fügt sie die einzelnen Episoden zu einem schlüssigen Gesamtbild.  

Die Zuschauer dürfen sich auf zwei Stunden famoses Theater freuen, in dem übrigens nicht nur Profis auf der Bühne stehen, sondern auch Mitglieder der Theaterclubs, die einzelne Szenen bereichern. Und es gibt natürlich prächtige Kostüme. Edle Spitze, Rüschen, Schleifen, Silber- und Goldstickereien bei den Damen wie den Herren. Verantwortlich für die pompöse Stoffinflation: Birgit Barth. Ein weiterer fabelhafter Schachzug ist die Einbindung eines Videoclips von Britta Sturm, das mithilfe von Scherenschnittbildern in Stummfilm-Manier zeigt, wie wenig romantisch das Leben im  Thespiskarren gewesen ist. 

"Sorgen Sie dafür, dass ich lachen kann", fordert im Stück Louis XIV, der Sonnenkönig. Molière liefert mit seinen frechen Komödien. Die Aalener Bühne macht hieraus erfolgreich ein Stück über Molières Leben, von dem es bekanntlich heißt, es sei ein einziges Theaterstück gewesen.

 

INFO

Aufführungstermine:

7., 8., 9., 12., 13., 16., 18., 19., 20., 21., 22. und 23. Juli, jeweils 20.30 Uhr;

27., 28., 29., 30., 31. Juli und 1. August jeweils 20 Uhr.

Karten: Telefon 07361 / 522600,     

E-Mail kasse@theateraalen.de und unter www.reservix.de

FOTOS: Peter Schlipf, Herbert Kullmann 

 

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Aalener Kulturjournal