Aalener Stadttheater inszeniert "Venedig im Schnee"

Das darf doch wohl nicht wahr sein! Oder doch?

 Venedig im Schnee? Am 14. Januar 2017 verwandelte sich Italiens Lagunenstadt zumindest für kurze Zeit in eine kleine Winterlandschaft. Die Rialto-Brücke und der Dogenpalast in dichtem Schneetreiben. Kaum zu glauben, aber wahr! Keine Fake News, keine alternativen Fakten. "Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, der wird nie die Wahrheit erobern", weiß Friedrich Schiller. Fast könnte man glauben, er habe Gilles Dyrek zugeflüstert, als dieser 2003 sein Theaterstück "Venedig im Schnee" verfasste. Beim Aalener Stadttheater steht es auf dem Spielplan, doch wie sich seit der Premiere zeigt, von einer Komödie kann nur vordergründig die Rede sein. Wobei - zugegebenermaßen - all jenen, denen der Sinn nach einer vergnüglichen Lustspiel steht, das von Tina Brüggemann inszenierte Stück mit gutem Gewissen ans Herz gelegt werden darf, bietet doch die Geschichte zweier grundverschiedener Paare beste Unterhaltung.

Eine Komödie

Ein waschechtes Gute-Laune-Stück, eine Humoreske, die beste Unterhaltung garantiert - zumindest bis das Blatt sich überraschend wendet.

So ausgelassen hat man die Schauspieler Mirjam Birkl und Arwid Klaws schon lange nicht mehr erlebt. Als Nathalie und Jean-Luc geben sie auf der Bühne ein immerwährend turtelndes Paar, dessen kindisches Gurren und Säuseln anfänglich putzig wirkt, dann jedoch zunehmend nervt. Gleichwohl sind die beiden die auserkorenen Lieblinge des amüsierten Publikums, zumal ihr Gegenüber - Patricia und Christophe - äußerst gereizt wie muffelig daherkommt, in ihrem zänkischen Auftreten sich nicht eben als Sympathieträger geriert.  Margarete Lamprecht und Philipp Dürschmied ist diese Rolle als Spaßbremse wie auf den Leib geschneidert. Maßlos in gegenseitiger Kränkung, wirsch den Freunden gegenüber, erweisen sie sich als jene Art von Gästen, die man gerne wieder verabschiedet. 

In Gilles Dyreks französischen Boulevardkomödie "Venedig im Schnee" treffen die Paare aufeinander, verhalten sich indes so, als sei das andere nicht anwesend. Nathalie und Jean-Luc raspeln unentwegt Süßholz, planen eine gemeinsame Zukunft. Bei Patricia und Christophe hängt hingegen der  Haussegen offensichtlich schief. Sie streiten unentwegt, ihre Beziehung scheint am Ende. Eine konfliktreiche Konstellation, in die sich die Paare recht schnell verwickeln. Rasch wird klar, das Abendessen, zu dem Nathalie und Jean-Luc Christophe mit Freundin in ihre Pariser Altbauwohnung eingeladen haben, muss einfach aus dem Ruder laufen. Eine kleine Katastrophe, die dem Publikum indes amüsante Bonmots beschert.  Insbesondere da Patricia im Dauerclinch mit Christophe Nathalies und Jean-Lucs Geturtel sich einer Kommunikation verweigert, stattdessen kurzerhand eine slawisch klingende Kunstsprache und ein Geburtsland namens Chouwenien erfindet. 

Beide Paare finden sich in einem von Ana Tasic konzipierten Spielraum wieder, der mit Stapeln von Umzugskartons die trügerische Atmosphäre spiegelt. Nichts ist, wie es scheint, obwohl Nathalie und Jean-Luc zeitlich längst das provisorische Umzugsdurcheinander hinter sich haben. Ein kleiner Fingerzeig auf das, was hinter der humorigen Leichtigkeit ihres Miteinanders lauert. Überraschung auch bei Patricia und Christophe, deren Beziehung sich als inniger erweist als anfänglich erwartet. Regisseurin Tina Brüggemann und Dramaturg  Jonathan Giele fädeln die Geschichte mit leichter Hand ein, offenbaren geschickt doppelbödige Beziehungen, um gleichzeitig den Spannungsbogen von den ersten bis zur letzten Minute zu erhalten.

Keine Komödie

Schaut man allerdings tiefer, landet man relativ schnell in modernen Zeiten, eben in postfaktischen, bei denen nichts ist, wie es scheint, in denen sich Menschen der Realität verweigern, um selbst den krudesten Vorgaben oder gar Verschwörungstheorien Glauben schenken zu können. In der Vergangenheit hätten man vermutlich vom Münchhausen-Syndrom gesprochen. Nicht seitens des Erzählers, sondern des Zuhörers wohlgemerkt. Bei „Venedig im Schnee“ trifft es die zwei Paare, die - wie eingangs erwähnt - im siebten Himmel schwebende Nathalie  und Jean-Luc. Sie gurren miteinander, rufen kindische Kosenamen, verbreiten überdrehte Hochzeitsstimmung. Ihre Gäste - das Gegenteil davon. Bei Patricia und Christophe knistert’s zwar auch vernehmlich, doch Streitereien wegen, die beider Beziehung in Frage zu stellen drohen. Patricia verweigert

deshalb in der gemeinsamen Gesprächsrunde jedes Wort. Daraus folgern Nathalie und Jean-Luc, die von dem schwelenden Konflikt der Beiden nichts ahnen, Patricia müsse schlicht und einfach Ausländerin sein, die keinen Deut versteht. Als Patricia das peinliche Missverständnis begreift, spielt sie mit dem Irrtum, erfindet ein Fantasieland samt Fantasiesprache. Sie deutet gar an, eine illegale Einwanderin zu sein, was bei Nathalie und Jean-Luc auf fruchtbaren Boden fällt und ein wohlbekanntes Helfersyndrom auslöst. "Das Einzige, was für mich zählt, ist Leuten in Not zu helfen", bekennt Jean-Luc folgerichtig und findet umgehend Unterstützung bei Nathalie: "Ganz meine Meinung!" 

Doch der Gutmenschen-Reflex hat seine Schattenseite: Die Beiden packen in ihrer

"großherzigen" Solidarität zusammen, was eh für den Sperrmüll bereitliegt beziehungsweise

sich als unnützer Kram erweist. Spätestens jetzt offenbart sich die vermeintliche Beziehungskomödie denn doch eher als launig aufgezogene  Gesellschaftssatire. Regisseurin Brüggemann inszeniert diese mit ihrem höchst spielfreudigen Schauspielerquartett so frisch, so schön überspitzt, dass es eine wahre Freude ist zuzusehen und zuzuhören. Bei manch einer Szene kann man einfach nur noch über den Realitätsverlust dieser Gutmenschen lachen. Was freilich auch an der Überzeugungskraft der Schauspieler liegt, an Mirjam Birkl als drolliger Gute-Laune-Fundamentalistin und Arwid Klaws als klischeebeladener Spießer. Und selbst am Spaß der

trotzigen Patricia  beziehungsweise dem davon immer wieder peinlich berührten Christophe geht kein Lachen vorbei.

Doch Vorsicht! Vielleicht hält Gilles Dyrek mit "Venedig im Schnee" dem Zuschauer doch nur den Spiegel vor. "Man kann Zeiten an ihrem Gang erkennen, wie Menschen - nicht an ihrem Lauf", schreibt David Precht in seinem Buch "Erkenne dich selbst". Jede Zeit hat ihre Eigenart, ihren Rhythmus und ihr Lebensgefühl. Da mag man sich das Postfaktische gar nicht vorstellen. Lieber darüber lachen.

Fotos: P. Schlipf

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