Sibylle Bergs "Viel gut essen" feiert Premiere beim Aalener Stadttheater

"Das wird man doch noch sagen dürfen!"

"Viel gut essen" heißt das Theaterstück von Sibylle Berg. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann hätte es wohl "Die ungeheuerliche Kränkung, die das Leben ist" genannt und der Sozialpsychologe Erich Fromm, der dem Aalener Stadttheater das aktuelle, leicht veränderte Spielzeitmotto "Sein oder Haben" liefert, würde sicher „ In der Existenzweise des Habens herrscht das tote Wort, in der des Seins die lebendige Erfahrung“ darüberschreiben.

 

Sibylle Berg spielt gerne mit defätistischen Gedanken, insbesondere wenn sie die Welt hassender Menschen - in ihren Geschichten meist männlich, frauenfeindlich, homo- und xenophob und Tofu-feindlich - ins Visier nimmt. Am Berliner Gorki-Theater feierte gerade ihr neuestes Stück "Nach uns das All" Premiere, in dem sie den Weltekel erneut in den Mittelpunkt rückt. Vor drei Jahren bereits veröffentlichte sie ihr Theaterstück "Viel gut essen", ein Stück, in welchem sich diejenigen  zusammenfinden, die ihren Hass  ansonsten bei Stammtischen und in Internetforen ausleben nach dem Motto "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen". 

Ihre Reizthemen: Homo-Ehe, Migration, Bio-Gemüse, Euro-Krise, Feminismus. Und das mit dem gewohnt galligen Bergschen Humor. Zwei Möglichkeiten, das Stück aufzuführen, gibt Sibylle Berg vor. Erste Variante: Ein Wutbürgerchor, ihm gegenüber ein von seiner Familie verlassener Mann. Diese Inszenierung zeigt  eine besonders provokante Sicht auf die Welt. Beim Aalener Stadttheater wählte Regisseur Arwid Klaws Sibylle Bergs zweite Variante: Ein 75 Minuten dauerndes Ein-Mann-Stück, in dem der Protagonist  tief seine Seele blicken lässt - von Philipp Dürschmied klug wie einfühlsam gespielt.

Alles im Griff !?

Die Bühne eine in schwarz-weiß gehaltene Küche - modern und kalt (Ana Tasic). Nicht abbezahlt, wie mehrmals wiederholt wird.   Ein Durchschnittsmann,  wohl um die Vierzig, schneidet Tomaten - Zutat eines geplante Versöhnungsmenüs. Die als Wiedergutmachung gedachte Aktion für die sich nicht wahrgenommen fühlende Kleinfamilie entwickelt sich jedoch nach und nach zu einer Generalabrechnung mit Eltern, Ehefrau, Sohn und dem Rest der Welt. Anfangs noch sympathisch wirkend erzählt der Namenlose in  durchaus freundlichem Ton  über sich, die Familie und das geplante Essen. Heterosexuell sei er, gesund, stehe mit einem guten Job als 

Informatiker mitten im Leben. Deutsche Mittelschicht, der es gutgehe, so seine Analyse, unterfüttert noch mit einer gehörigen Portion Selbstgerechtigkeit: "Die emotionale Seite liegt bei mir im Sollbereich".  Bergs Antiheld ist stolz auf seine Verdienste, insbesondere, dass Frau und Kind von ihm gut versorgt, dass sie dadurch von ihm abhängig gewesen seien, habe ihm zudem ein gutes Gefühl gegeben. Eben sinnstiftend, weshalb er des Abends immer gerne nach Hause gekommen sei: "Der Geruch nach Kind und Frau, nach Essen und Reinigungsmitteln waren mir immer Signal für Entspannung". 

Allerdings zeigen sich  allmählich Risse in der Fassade, offenbart sich trotz des  vorgegebenen Wohlbefindens  eine tiefsitzende Unzufriedenheit mit allen und allem. Längst zerbrochen die heile Familienwelt, die Ehefrau ausgezogen, der Sohn will Ballett-Tänzer werden.  Auch seine Hoffnung auf einen Abteilungsleiterjob wird zum Flop, denn den bekommt Frau Hüdüczü.  "Doppelter Quotenanspruch", kommentiert er sarkastisch: "Migrationshintergrund und weiblich!" Seine Arbeit verliert er, da er sie als inkompetent bezeichnet. Auch das Wohnviertel ist nicht mehr das, was es einst war, immer mehr Fremde, Schwule und Verschleierte. 

 

Jeder Vorwurf eine Keimzelle der Wahrheit

Was anfangs an persönlicher Verletzung noch lapidar nebenbei an die Oberfläche kommt, führt im Laufe des Stücks zu heftigen Wutausbrüchen. "Viel gut essen" wandelt sich - unter Beibehaltung eines melancholischen Untertons - zur schonungslos wie zynischen Provokation, die dem moralischen Elend der Wutbürger jede Ehre machen würde. Mal komisch, mal traurig, ab und an auch verständlich. Während er sich in immer mehr in Frust und Wut  monologisiert, kocht auf dem Herd das Menü als letzte Erinnerung  an ein bürgerliches Leben.

Inszeniert wird Bergs Stück von Arwid Klaws als Parabel von der Überforderung des postmodernen Menschen,  der -  unfähig zur Empathie, in ein ungewolltes Schicksal geworfen - keinen Ausweg zu haben scheint. Zynismus als Hilferuf?  Da bleibt nur noch der schmale Pfad zwischen einem empörenden  "Das darfst du so doch nicht sagen!" und dem Tabubruch, der zwingend auf "Das wird man doch noch sagen dürfen!" folgt. Die Balance fällt schwer,  noch schwerer  aber fällt es, sich von billigen Schuldzuweisungen zu distanzieren, insbesondere wenn die bürgerliche Existenz in Frage gestellt wird. 

"Die ungeheuerliche Kränkung, die das Leben ist", sagt Ingeborg Bachmann. Was auf die gesellschaftlichen Veränderungen und Verunsicherung übertragen werden darf. Wie es sich in der Literatur von Michel Houellebecg bis Sibylle Berg zeigt und mit Blick auf "Viel gut Essen" von der Süddeutschen Zeitung als „ein Blick in die mentalen Abgründe eines Menschen, der in gewählten Worten nachplappert, was im nationalen Denkdunst gärt“ umschrieben wird. 

Wenn  das Gefühl der Sicherheit verloren geht, die reale Welt unbehaglicher wird, besetzen irrationale Ängste das entstandene Vakuum. "Ich bin wütend. Ich bin so wütend. Ich habe Angst", lässt Sibylle Berg denn auch ihren Protagonisten am Ende sagen. Fast unter geht bei diesem Satz das Schrillen der Türglocke. Untergang oder Rettung? Arwid Klaws und Dramaturgin Tina Brüggemann lassen in ihrer gelungenen Inszenierung die Frage offen.

 

 

 

INFO

Weitere Aufführungstermine:

22. und 29. Oktober; 10.; 18. und 25. November, jeweils 20 Uhr im Alten Rathaus.

Karten und Infos: www.theateraalen.de oder Telefon 07361 / 522600, E-Mail kasse@theateraalen.de

 

 

Fotos: Theater Aalen (Karolina Tomanek, Peter Schlipf), Herbert Kullmann

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Aalener Kulturjournal