Sommertheater im Wasseralfinger Schloss: "Was ihr wollt"

Ein ungestümes Was-ihr-wollt-Durcheinander

Regisseurin Marlene Anna Schäfer wünscht sich ausdrücklich, dass Zeitgeist und Zeitgeschehen in ihrer "Was ihr wollt"-Inszenierung mitschwingen, dass die Zuschauer beides mit ins ferne Illyrien nehmen. Indes nicht in das verheißungsvolle Land, wo die Zitronen blüh´n, vielmehr in jenes, wo die Triebe barrierefrei zwischen den Geschlechtern glüh´n.

Illyrien liegt doch so nah.

Ein Schiffsjunge geleitet die Besucher zum einem ungewöhnlichen Ort. Eine kleine Terrasse ist Treffpunkt des diesjährigen Theater Open Airs im Wasseralfinger Schloss. Kaum sind alle an Bord, schlägt der Bootsmann die Schiffsglocke, gibt das Signal zum Aufbruch.

Symbolträchtig geht´s übers Meer - will heißen, zu Fuß rund ums halbe Schloss - bis vor die Küste Illyriens. Hier treffen die Reisenden erstmals auf die schiffbrüchige Viola. Bei einer Schiffskatastrophe sei ihr Bruder Cesario ertrunken, wehklagt diese, bevor ein kleiner Narr (Malena Tomanek) sie aufgreift, um sie ins Schloss des Herzogs Orsino zu bringen. Sie gibt sich als ihr Bruder aus, tritt als Page in die Dienste des Herzogs.

Die fünfminütige Schiffspassage von der Terrasse zum Schlosstor soll den Reisenden das Gefühl vermitteln, Fremde in einem fremden Land zu sein  - wie Viola. Wasseralfingen und Wasserschloss - für Regisseurin Schäfer und Dramaturgin Kerstin Pell ein idealer Ort, um Shakespeares "Was ihr wollt" zu inszenieren. Nicht als Robinsonade, auch nicht mit Titanic-Melancholie ausstaffiert und schon gar nicht - wie in der Vergangenheit - komödienhaft á la "Zerbrochenem Krug". 

Wirrungen und Irrungen

Dem Schlosshof genehmigte Bühnenausstatter Robert Kraatz allerdings nur ein schlichtes Baugerüst. In diesem Luftschloss harrt in Standbildmanier Shakespeares Figuren auf die Entwicklung einer Geschichte, der der Autor tragische wie komödiantische Aspekte mit auf den Weg gegeben hat.

Lautes Blubbern ruft erneut den Schiffsuntergang ins Gedächtnis, bis lauter werdende Musik das Geräusch von im Wasser aufsteigenden Luftblasen allmählich übertönt. Für Herzog Orsino das Zeichen, sich mit den Worten "Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter; gebt mir im Übermaß davon" aus seiner Erstarrung zu lösen. Ein wegweisender Satz, ist er doch Auftakt zum Verwirrspiel, bei dem in erotischer Hinsicht so manches drunter und drüber geht, bei dem das ungestüme

Was-ihr-wollt-Durcheinander Fahrt aufnimmt. Eines, das alles andere als subtil soziale und sexuelle Identitäten vertauscht. Und mehr versteht sich, keimen doch klammheimlich auch Zweifel an der gesellschaftlichen Ordnung auf, welcher der stählerne Kubus symbolisiert. Der wird jedoch rasch zum eigentlichen Hort der Wirrungen und Irrungen, der Unschuld und Erkenntnis. Alsbald spielt die Geschlechterzugehörigkeit keine Rolle mehr. Ein Mann begehrt einen vermeintlichen Mann, eine vermeintliche Frau eine Frau. Um es jedoch vorwegzunehmen: Derartige Begierde geriert sich nicht wie in O´Brians Rocky-Horror-Show.  Zwar   verheißen die großen Lettern  über der Bühne "For your pleasure" , aber mit Abstrichen gesittet viktorianisch. Deftig darf es dennoch werden, schließlich wollen Shakespeare und das Sommertheater unterhalten.

Die Liebe - ein wechselvolles Spiel

Was wäre besser geeignet als der frivole Schabernack, den der zügellose Trunkenbold Tobias von Rülp (unübertrefflich: Philipp Dürschmied) und der beschränkte Hasenfuß Andreas von Bleichenwang (durchschlagend: Marcus Krone) miteinander und gegeneinander treiben. Hinzugesellt sich das Kammermädchen Maria (quirlig und köstlich: Alessandra Ehrlich), die den Beiden in nichts nachsteht. Ziel ihrer frechen und unflätigen  Attacken: Spaßbremse Malvolio. Arwid Klaws spielt den heimlich in die Gräfin Olivia vernarrten Nieselpriem so wunderbar aufgeblasen wie blasiert, dass sein Auftritt alleine schon den Theaterbesuch wert ist. Zumal dieser - vor Selbstgefälligkeit blind -  sich zur Freude des Publikums bis zur Schmerzgrenze vorführen und unter dem Gejohle der Kammerzofe und der beiden Junker zum Narren machen lässt.

Apropos Liebe, das große Thema des Stückes. Raphael Westermeier spielt den etwas blassen Herzog Orsino, der sich in schwärmerischer Liebe nach Olivia verzehrt, die jedoch nichts von  ihm wissen will. Orsino wirft indes auch ein Auge auf den Pagen Cesario alias Viola. Und Olivia, die aufgrund eines Gelübdes sieben Jahre lang um ihren verstorbenen Bruder trauert, (ambivalent: Diana Wolf) offenbart mit ihrem Shape-Body unter schwarzem Schleier offensichtlich auch andere Gelüste, zumal sie ebenfalls intensivst um Cesario buhlt, was dieser - Viola also - nicht unangenehm scheint. In   homoerotischen Flirtszenen lösen sich die Geschlechter auf. Frauen und Frauen, Männer und Männer! Spielt bei "Was ihr wollt" alles keine Rolle, ebenso wenig die sozialen Unterschiede. Am Ende finden sich alle - außer dem  selbstgerechten Miesepeter Malvolio - dicht gedrängt unter dem Baugerüst. Ein schöner Sommernachtstraum!

 

Fotos: H. Kullmann, P.Schlipf

 

INFO:  Alle Aufführungstermine unter www.theateraalen.de

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Aalener Kulturjournal