Theater Aalen: Zwei Tauben für Aschenputtel

Nichts Poetisches in der Rappelkiste

(ak) Die Weihnachtszeit ist immer auch die Hochzeit für Kindertheater. - Das ist in den großen Städten so und auf dem Land allenmal. Die Theater greifen dann gerne zu klassischem Stoff, bevorzugt zu Märchen, denn die locken immer Publikum jedweden Alters vor die Bühne. Beim Aalener Stadttheater hat sich Winfried Tobias diesbezüglich gar viele Meriten erworben, erinnert sei an seine legendäre Inszenierung der "Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens. Allerdings hat er damit auch tiefe Fußspuren hinterlassen, an denen sich nun manch ein anderer messen lassen muss. Bernd Plöger ist eigens aus Düsseldorf angereist, um am Stadttheater das Grimmsche Märchen "Zwei Tauben für Aschenputtel" zu inszenieren. Ein Stoff, der es bei genauerer Betrachtung in sich hat. Disney machte in den 1950er Jahren sein kitschiges "Cinderella" daraus, bei Václav Vorlíčeks Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenputtel" durfte sich dieselbige 1973 emanzipieren. Um beides macht Bernd Plöger einen großen Bogen, die

Tolles Ensemble

klassische Version von 1819 wollte ihm allerdings auch nicht so recht schmecken. Bei den Autorinnen Catharina Fillers und Stefanie Schnitzler fand er, was er suchte, ein Aschenputtel, das irgendwie an das alte Märchen erinnerte, aber dennoch in modernem Gewand daherkommt.

Ausstatterin Marlies Schröder umgibt die Handlungsorte mit einer Stahlrohrstellage. Mal Schloss, mal Wohnstube, auch Friedhof und Abstellplatz für Schauspieler, die nicht gerade in Aktion sind. Alles eine Frage der Interpretation, für die jedoch das Ensemble des Aalener Theaters Hervorragendes leistet, denn ohne die Spielfreude von Anne Klöcker, Julia Sylvester, Theresa Fassbender, Manuel Flach und Alexander Wipprecht wäre alles nichts. Musiker Axel Nagel nicht zu vergessen, der die Gesänge der Truppe mit allerlei Instrumentarium untermalt. Alle sechs Akteure sind immer auf der Bühne, immer sichtbar, immer irgendwie beteiligt. Sie spielen, kommentieren, schauen zu.

Verzicht auf Märchenhaftes

Und erzählen Versatzstücke aus dem Märchen, damit auch bloß jeder weiß, was gerade abläuft.

Behutsam modernisiert sei die Fassung, heißt es. Bei einem Foto würde man sicherlich von einem Wimmelbild sprechen, beim Blick auf die Bühne, erinnert sich manch einer an die "Rappelkiste" (ZDF-Serie). Laute und schrille Szenen, leise und zaghafte, manchmal gar melancholische. Bis zu drei Rollen müssen die Schauspieler bewältigen, manchmal reicht ein Schal und ein anderer Blick, um sich von der Stiefmutter in einen Tanzlehrer zu verwandeln oder von der Taube in den König. Regisseur Plöger lässt den Schauspieler viel Raum zur Entfaltung. Vor allem deren komödiantisches Potential kommt gut an, beispielsweise wenn Anne Glöcker als Stiefmutter vielsagend mit den Augen rollt oder Alexander Wipprecht der Figur des Königs einen leicht tollpatschigen Anstrich gibt.

Eigentlich müssten hier alle nochmals einzeln aufgeführt werden, also auch Julia Sylvester, die das Aschenputtel trefflich durch das Wechselbad der Gefühle führt, Theresa Fassbender die als ulknudelige Stiefschwester das Publikum zum Lachen bringt, Manuel Flach, der als Prinz so recht unentschlossen zur Damenwahl schreitet.

Wenig Raum für neue Interpretationen

Dramatisches gibt es auch, aber nur ein ganz klein wenig, schließlich ist das Stück auch für Kinder ab sechs Jahren vorgesehen. Denen gefallen vor allem Szenen mit Slapstickanleihen, wenn der König beispielsweise seine Krone falsch herum aufsetzt. Das Stück verzichtet bewusst auf den Zauber des Märchenhaften. Ob die Gegenbildern der Vernunft von einer schützenden Güte im Hintergrund mit kessen Sprüchen erzählen können, darf bezweifelt werden. Wer den klassischen Rahmen verlässt, müsste inhaltlich wie interpretatorisch mehr zu bieten haben. Im Züricher Schauspielhaus läuft derzeit "Schneewittchen Beauty Queen", ebenfalls nach der Grimmschen Vorlage. Das Märchen entpuppt sich hier auf höchst subtile Weise sozialkritisch, in dem es alte Rollenmuster und Handlungsweisen in Frage stellt. Davon ist das Autorenduo Fillers/Schnitzler allerdings weit entfernt.

"Märchen sind Menschheitsträume, vom Gelingen der Liebe und des Lebens und der Suche nach sich selber und dem Anderen", postuliert  Psychoanalytiker Eugen Drewermann mit Blick auf das Aschenputtel-Märchen, in welchem ein Kind, seine Mutter verliert und im Vater den beschützenden Vater nicht mehr findet. Abgelehnt und geächtet von Stiefmutter und Stiefschwester muss es an sich glauben, an die eigenen Gefühle.

Die ewige Suche nach Liebe

 So greifen Märchen zentrale Lebensfragen auf, erzählen von der ewigen Suche nach Liebe. Glück gibt es nur durch die Liebe, so die Intention. Der Schlüssel auch zu Aschenputtels Rettung. Hört sich wenig modern an, aber wer Märchen erzählen will, greift eben unweigerlich zur einzigen Gattung der Weltliteratur, die darauf beharrt. In Zürich baut Regisseur Nicolas Stemann  seine Weltsicht in ein Märchen-Patchwork ein, verlässt aber bewusst das tradierte Märchen. Nicht so am Aalener Theater. Hier ist das Märchen ein Märchen, auch wenn ihm der Modernität wegen die poetische Schönheit abhanden gekommen ist.  Nicht einmal das emanzipatorische Element der Vorlíček-Verfilmung findet sich wieder. Dafür aber Rollenklischees von anno dazumal. Am Vater geht das Leid der Tochter  vorbei, Stiefmutter und Stiefschwester keifen und üben sich im Zickenkrieg und das Aschenputtel sucht nach dem Prinzen, um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Damit wurde eine Chance vertan, denn tatsächlich modern wäre, ihr  den Glauben an sich selbst zu vermitteln und sie so von der Angst minderwertig zu sein zu erlösen.  Damit würde „Aschenputtel“ zur Geschichte aller Kinder werden, die selbst unter ungünstigsten Umständen ihre Hoffnung auf Liebe und Glück behalten dürfen. In einer Welt voller Gemeinheit und Bösartigkeit triumphiert das Gute. Märchen versuchten, der Grausamkeit unseres Lebens etwas entgegenzusetzen, was uns ermögliche, uns eine andere Welt vorzustellen, so die Schriftstellerin Felicitas Hoppe.

 

INFO

Theater Aalen

"Zwei Tauben für Aschenputtel"

Weitere Vorstellungen (jeweils 15 Uhr; Wi.Z) am 1.;8.; 22.;27.; 28. und 29.12. sowie am 5.1.

 

Fotos: P.Schlipf

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Aalener Kulturjournal