Szenische Lesung von "Die Mauer beginnt im Kopf"

Das gute alte Für und Wider beleben

Zur "Szenischen Lesung" lud das Theater der Stadt in die Bibliothek des Fachsenfelder Schlosses. Aufgeschlagen wurde „Furor“, ein Theaterstück der Autoren Lutz Hübner und Sarah Nemitz. Intendant Tonio Kleinknecht schlüpfte in die Rolle des Tontechnikers, spielte zum Auftakt vom Band die altbekannte Grundgesetzformel ab „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“. Und weil es so schön passt, durfte Udo Lindenberg "Wir haben doch nicht die Mauer eingerissen, damit die jetzt schon wieder neue bauen!" nuscheln.

Die Schauspieler Anne Klöcker und Bernd Tauber kommen in die Bibliothek, in der Hand jeweils ein Bündel loser Blätter, das Manuskript zum Theaterstück, aus dem sie verschiedene Szenen vorlesen. In denen geht es immer wieder um die Frage, wie es geschehen konnte, dass sich in der Bundesrepublik Politik- und Demokratieverdrossenheit so vehement ausbreitet und warum in Folge demokratische Werte so rasant erodieren.

Mit ihrem Stück „Furor“ weisen Sarah Nemitz und Lutz Hübner in die richtige Richtung, wenn man den Titel als „Wut“ beziehungsweise „Raserei“ versteht.

Der Ministerialdirigent  und Oberbürgermeister-Kandidat Heiko Braubach (Bernd Tauber) fährt einen drogenabhängigen Jugendlichen an,  verletzt ihn so schwer, dass dieser wohl  an den Rollstuhl gefesselt bleibt. Schuld trägt er an dem Unfall nicht, denn der Junge lief ihm unter Drogen einfach vor den Wagen.  Dennoch will Braubach dessen Mutter (Anne Klöcker) , eine Altenpflegerin, die jeden Cent umdrehen muss, unterstützen, damit ihr Sohn die richtige Hilfe bekommt. Die Mutter reagiert anfangs ungläubig, dann zunehmend dankbar. Bei einem Entschuldigungsbesuch kommt jedoch  ihr  Neffe Jerome (Manuel Flach) hinzu, der sich als Verlierer sieht.

Für ihn ist klar, dass die Geschichte während Braubachs Wahlkampfs nicht hochkochen soll. Dessen angebotene Hilfe wertet er  als „Schuldeingeständnis“. Und er sieht die  Chance,  sein  Feindbild Politiker ins Visier zu nehmen, greift dementsprechend Braubach sofort an, will ihn um Geld erpressen.

Eine „Scheißwut“ habe er  auf die Politik, die das Land  verkaufe, verrate, nicht für die Leute sorge. Er selbst schufte bei einem Paketdienst als „Lohnsklave“, müsse unbezahlte Überstunden leisten. Verantwortlich dafür sei die Politik. Ein aggressiver Redeschwall gegen die  „Scheiß-Demokratie“ ergießt sich über Braubach. Getrieben von Enttäuschung, Wut und Hass. Eine Haltung, die sich tatsächlich in Teilen der Gesellschaft findet. Zwischen dem Politiker Braubach, der sich  vom Schlosser zum Ministerialdirigenten hochgearbeitet hat,  und Jerome, einem  Schulabbrecher in prekärem Arbeitsverhältnis,  kommt es zu einem Streitgespräch, bei welchem am Ende jede gemeinsame Gesprächsbasis zerstört ist.  

Das Stück  „Furor“  liefert deprimierende wie stimmige Gedanken zum Zustand unserer Gesellschaft, welche sich in einem fundamentalen Wandel befindet. „Wutbürger“, „Hassrede“, "Lügenpresse", „Fake-News“, das  Smartphone als Waffe, mit der sich diffamieren lässt, sind  transnationale Erscheinungen, ausgelöst durch die Globalisierung und Ökonomisierung aller  Lebensbereiche, welche in der Tat  viele Verlierer und wenige Profiteure produziert.

Für die Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch  ist der Aufstieg  des  Rechtspopulismus kein „Schluckauf des Systems“, sondern eine  Reaktion auf fundamentale gesellschaftliche Veränderung. In ihrem aktuellen Buch  „Die Gesellschaft des Zorns“  erläutert sie, warum ganze Bevölkerungsgruppen sich vom Konsens abwenden. Der enthemmte Zorn könne als zurückgedrehte Zivilisierung begriffen werden. Während die globale Klasse, so Koppetsch, eine Kultur von Selbstoptimierung, Leistungsbereitschaft, Achtsamkeit, wählerischem Konsum, Arbeit als Selbstverwirklichung pflege, erscheine all das  auf der anderen Seite als  hohle Lüge.

Im Stück und in der Lesung spitzt sich die Auseinandersetzung zwischen Jerome und Braubach derart zu, dass Jerome zum Messer greift und Braubach nach dem Staatsanwalt ruft. Die hitzige Auseinandersetzung der Beiden spiegelt die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verwerfungen, die auf  allen Ebenen ein einfaches  Schwarz-Weiß-Denken beflügelt, statt der berechtigten Kritik an dieser Entwicklung differenziert und damit lösungsorientiert zu begegnen.

 

INFO

 

Theater Aalen

"Die Mauer beginnt im Kopf"

Szenische Lesung

Weitere Termine

26. und 27. Oktober (jeweils 18 Uhr, Schloss Fachsenfeld);

  9. November (20 Uhr, Wi.Z), diese Lesung beginnt bereits um 18.30 mit einem "Theater trifft". Gäste: MdL Winfried Mack und Buchautor Christian Bommarius

 

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Aalener Kulturjournal