Vieldeutige Inszenierung am Aalener Stadttheater

Mehr als nur Kindertheater:  "Die Schönheit und das Biest"

(AK) Wer kennt nicht das französische Märchen "Die Schöne und das Biest", im Original "La Belle et la Bête". Seit der ersten Veröffentlichung durch Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve im Jahre 1740 begeistert es Kinder wie Erwachsene.

Das Theater der Stadt Aalen zeigt nun das Märchen in der modernisierten Fassung von Thilo Reffert. Von Regisseur Winfried Tobias bereits vorab angemerkt hinreißend inszeniert.

Es war einmal ein eitler junger Prinz (Alexander Wipprecht), der in eine hässliche Bestie verwandelt wird. Der Vater (Manuel Flach) der schönen liebenswürdigen Belle (Mirjam Birkl) gerät in die Gefangenschaft des abscheulichen Ungeheuers. Um ihn zu retten, begibt

sich Belle freiwillig an Stelle des Vaters als Gefangene in das verzauberte Schloss. Nur wenn das Ungeheuer eine Frau findet, die ihn dennoch liebt, kann es erlöst werden.

"Ein Tier, ein Vieh, ein Biest", verzweifelt der verzauberte Prinz an sich selbst. "Viehischer als jedes Vieh!" Er fresse wie ein Schwein. Ungeheuer  hässlich ist er, bellt kurze Sätze, statt zu reden wie ein Mensch. Die schöne Belle leidet zwar nicht an ihrem Äußeren wie der Prinz, ist aber dennoch unzufrieden. "Wer so schön ist!" , sagt sie, um zu ergänzen: "Schön die Klappe halten!" Was sie stört, ist die Verengung auf äußere Merkmale. So steht im Märchen das blendend Schöne auf der einen Seite, auf der anderen das befremdend Hässliche. Beides macht zum Außenseiter. 

Subtiles Plädoyer für Frauenbildung

Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuves Belle ist verträumt, liest gerne, allerdings wie ihre Schöpferin betont, verwende die Schöne den "größten Theil ihrer Zeit auf das Lesen guter Bücher".  Tugendhafte Bücher wohlgemerkt!

Fordert und fördert die Aufklärung die Frauenbildung mithilfe des Lesens, wobei die Lektüre nicht so anspruchsvoll sein durfte wie die der Männer, so wird allerdings bereits Ende des 18. Jahrhunderts vor lesewütigen Frauen gewarnt. Rousseau spricht in seiner einflussreichen pädagogischen Schrift "Emile" gegen gelehrte Frauen aus. Dem Wegbereiter der französischen Revolution geht das denn doch zu weit.

Der Grund wohl die Furcht, durch zu viel Bildung könnten sie selbstständig denken lernen.  Wie aktuell!  So lässt sich die Äußerung Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuves durchaus als subtiles Plädoyer für Frauenbildung lesen.

Anders die moderne Belle in Winfried Tobias´ Inszenierung. Diese wird von ihren vergnügungs- und putzsüchtigen Schwestern als Aschenbrödel instrumentalisiert, lässt sich aber nicht so leicht ins Bockshorn jagen, geht mutig ihren eigenen Weg. Gerüstet mit den Waffen einer Frau. Wer nun erwartet, Belle würde ihre weiblichen Reize einsetzen, täuscht sich. Kampfbereit schwingt Mirjam Birkl die Bratpfanne, macht die Gerätschaft einer emsigen kleinbürgerlichen Hausfrau zur praktikablen Abwehrwaffe. Ein Klischee, dem Geschlechterkampf der 1950er Jahren entlehnt. Heute witzig wirkend.

 

Spiel mit Sprache und Klischees

Ein erneutes humoriges Spiel mit Klischee und Sprache ist das Auftreten der verzauberten Diener. So spricht die Standuhr selbstredend mit Schweizer Akzent, der Reiseschrank gibt sich weltläufig amerikanisch, die elegante Stehlampe  französisch affektiert. Von ihr erfährt aber Belle, dass es  durchaus verschiedene Auffassungen, was schön ist und was nicht, gebe. Schönheit liegt eben im Auge des Betrachters.

Belle kämpft sich frei, auch von der Bevormundung durch ihren Vater, um selbst über ihr Leben zu bestimmen. Zuerst empfindet sie für das Biest Mitleid. Doch dann wird Liebe daraus. Erlösen wird sie den Prinzen aber erst, nachdem er sein altes narzisstisches Ego abgestreift hat, ihr auf Augenhöhe begegnet. Denn für sie ist nichts abstoßender als ein selbstgefälliger Popanz. Erst als der Verzauberte das begreift, geht der größte aller Wünsche in Erfüllung: zu lieben und geliebt zu werden.

Die als Kindertheater etikettierte Inszenierung beweist, wie frisch und kein bisschen verkrustet ein altes Märchen daherkommen kann. Zumal Mirjam Birkl, Manuel Flach und Alexander Wipprecht souverän und mit überwältigender Spielfreude agieren, humorvoll in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen.

Dramaturgie (Anne Klöcker), Bühnenbild (Ariane Scherpf), Choreographie (Roman Proskurin), die Musik (Axel Nagel), mal  romantisch, mal poppig, mal kindlich verspielt, fügen sich in dieser Inszenierung zu einem stimmigen Bild zusammen voller Poesie und Magie.

INFO

Weitere Termine (jeweils 15 Uhr, Wi.Z):

2.12. (mit Seniorenfahrdienst, Anmeldung unter 07361 / 379310), 9., 16., 27, 28., 30. und 31. Dezember (an Silvester erst um 18 Uhr) und am 6. Januar.

Karten: Telefon 07361 / 522 600, eMail kasse@theateraalen.de oder www.theateraalen.de

 

FOTOS: Schlipf; HK

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal