Theater Aalen spielt Eric-Emmanuel Schmitts "Kleine Eheverbrechen"  

Wenn aus Eheversprechen Eheverbrechen werden  

Fontanes "Effi Briest" oder zeitgenössischer Kristine Bilkaus "Eine Liebe, in Gedanken" - die Sache mit Frauen und Männern zieht sich durch die Literatur wie ein roter Faden, ganz gleich, was sich auch immer daraus entwickeln mag. Spannender Theaterstoff ergibt sich - im Guten wie im Bösen - daraus auf alle Fälle. Es muss dabei nicht immer wie in Robert Bentons "Kramer gegen Kramer" auf die Pauke gehauen werden, es geht auch subtiler, feiner, hintergründiger. Genau so ein Stück stammt aus der Feder des französischen Autors Eric-Emmanuel Schmitt, der bei den letztjährigen Hamburger Privattheatertagen (mit "Enigma") den Publikumspreis gewonnen hat.  Seine "Kleine Eheverbrechen" sind auf der Bühne im Alten Rathaus zu sehen. Aalens stellvertretende Theaterintendantin Tina Brüggemann bringt das Zwei-Personen-Stück als gewitztes Kammerspiel auf die Bühne, bei dem sich die Spannung aus Humor und Drama speist, wobei angesichts starker und dichter Dialoge das Ganze auch als Hörspiel durchgehen könnte,

wären da nicht die beiden Darsteller Margarete Lamprecht und Arwid Klaws, die mit überragender Bühnenpräsenz Schmitts launige wie pointenreiche Sprache unterhaltsam in amüsante Bilder umzusetzen verstehen. Zumal Tina Brüggemann als Regisseurin und Dramaturgin das Stück auf seine eigentliche Essenz konzentriert, um die Paarbeziehung einem stramm gespannten Roten Faden entlang zu analysieren.

Mit großer Kraft und noch mehr Feingefühl haucht das Duo Lambrecht/Klaws den beiden Protagonisten Lisa und Gille Leben ein, vermitteln Wirklichkeitsnähe in all der denn doch konstruiert wirkenden Beziehungskrise eines "altgedienten"  Paares, das 15 gemeinsame Jahre hinter sich hat. Gute wie es scheint, bis Gille nach einem mysteriösen Unfall vorgibt, sich an nichts mehr zu erinnern. Amnesie attestieren die Ärzte. Lisa soll ihm helfen, die Erinnerung zurückzugewinnen.

Gilles steht grübelnd  in seiner Wohnung. Ausstatterin Ana Tasic beschert ihr eine unaufgeregte Ausstattung, taucht alles in Weiß, nichts soll Assoziationen wecken. Gilles ist Krimiautor und Hobbymaler. Die Bilder sind das einzig Bunte im Zimmer, allesamt Originale des Lauchheimer Künstlers Paul Groll.

Lisa beäugt ihren von allem Vergangenen abgeschnittenen Gatten, der so hoffnungslos rätselnd die Wohnung nach einem Halt durchforstet. Alles komme ihm total unbekannt vor, bekennt er und beginnt Lisa auszufragen. Ein anfänglich komödiantisch wirkendes Frage-und-Antwort-Spiel mit dem Beigeschmack eines Lügendetektor-Verhörs, zeigt sich doch rasch, dass es eben nicht um die vergangenen 15 Jahre geht, sondern um die Suche nach der Liebe. Es geht um nichts weniger, als um die Brüchigkeit einer Liebesbeziehung, aber auch um Authentizität und Verlässlichkeit.

Die Liebe als subjektives Phänomen. Lisa erzählt von einem wunderbaren Eheleben, zeichnet ein wundervolles Bild ihrer Liebe. Doch ist das die Wahrheit? Gilles gibt vor, wie ein erwachsenes Neugeborenes zu sein, das nichts erklären oder gar einordnen könne. "Nichts kommt mir bekannt vor, ich habe mich verloren", gesteht er und fleht: "Hilf mir, zu mir zurückzufinden." Eine Selbstverständlichkeit? Allerdings  zerbröselt die anfänglich vielbeschworene Innigkeit zu einem zunehmend argwöhnischen Dialog. Sogar die Frage "Liebst Du mich?" wird mit schmerzender Stille beantwortet.

Nach und nach schält sich der eigentliche Kern des Stückes heraus: Die Frage, was echte Liebe ist, ob es sie überhaupt gibt und ob sie Bestand haben kann. Was macht sie mit zwei Menschen, wie verändern diese sich, wenn die erste Verliebtheit der normativen Kraft des banal Faktischen unterworfen wird.

Liebe wird so bei Eric-Emanuel Schmitt zu etwas Irrationalem, zu einer komplizierten Chimäre, von der indes keiner genug bekommen kann. Jedoch schlägt das Stück einen etwas altbackenen Pfad ein, indem Lisa in masochistischer Manier dominant und hilflos, zugleich aber auch verletzend und verletzlich mit ihrem inneren Dämon ringt. Margarete Lamprecht zelebriert fabelhaft diese offenkundige Widersprüchlichkeit. Arwid Klaws spielt hingegen einen Gille, der letztlich nicht ohne Nonchalance über allem steht, alles versteht, gute Ratschläge parat hat.  "Du musst zeigen, dass es die Liebe gibt, nicht sie muss es dir beweisen." Bleibt die Frage, ob das auf der Bühne gut gehen kann. Regisseurin Tina Brüggemann hat jedenfalls ein bemerkenswerte Antwort gefunden, gepackt in 60 höchst anregende wie kurzweilige Minuten

 

INFO

Kleine Eheverbrechen

Theater Aalen

Bühne im Alten Rathaus

Weitere Vorstellungen:

13.; 14.; 20.; 28. und 31. Dezember

 

Infos unter www.theateraalen.de

Fotos: Theater Aalen

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Aalener Kulturjournal