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Theater Pforzheim: "Brahms - Glaube Liebe Hoffnung"

Ein besorgter Blick auf den Zustand der Gesellschaft

Von Tanz und Musik sich in fremde Welten entführen lassen. Bei dieser Inszenierung jedoch in keine unbekannte, schließlich entwarf Choreograf Guido Markowitz sein Tanzstück "Brahms - Glaube Liebe Hoffnung" unter dem Eindruck der Corona-Pandemie. Für den Aalener Theaterring stand am Mittwochabend das Ballett des Theaters Pforzheim auf der Bühne, um Markowitz´ zeitgenössischen Tanz regelrecht zu zelebrieren. Rhythmisch geleitet von Johannes Brahms wunderbarer "Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 ". Eigentlich im Orchestergraben der Stadthalle: die Badische Philharmonie Pforzheim unter Leitung von Generalmusikdirektor Robin Davis. Doch wie derzeit leider zu oft, machte dem Live-Musik-Erlebnis auch hier Corona ein Strich durch die Rechnung, dafür gab´s Brahms von der CD, ebenso das "Adagio for strings" von Samuel Barber.

Fahl-weiß die von weißen Kuben begrenzte Bühne. Auf Videoleinwänden Schwarzweiß-Einspielungen. Blaues Licht und Barbers Adagio künden symbolisch einen im Himmel spielenden Prolog an, in dem sich "Der Glaube", "Die Liebe" und "Die Hoffnung" zoffen, tänzerisch um ihren jeweiligen Stellenwert ringen und dabei das Finale vorwegnehmen: Glaube, Liebe, Hoffnung sind untrennbar miteinander verbunden, bedingen sich absolut.  Ein 'Pas de trois', dem so uneingeschränkt kein weiterer folgt, da "Der Glaube", "Die Liebe" und "Die Hoffnung" im Verlauf Teil der ganzen Compagnie werden, aus ihr heraus mal verwirrend, mal eindeutig auf ihren Anspruch aufmerksam machen.

Suche nach einer Antwort

Das Trio fordert über seinen Tanz zum Nachdenken auf, stellt die Frage aller Fragen: Was ist Glaube ohne Liebe und gibt es Hoffnung ohne Glaube und Liebe? Markowitz sucht nicht nur in der Choreografie nach einer Antwort, sondern auch in der Musik. Brahms Sinfonie liefert ihm das ideale Fundament, ein mit Bedacht eruptives, immer drängendes und doch so vehement grüblerisches wie verschlossenes. Bis zum Höhepunkt, dem Adagio des vierten Satzes. "Die Introduction so düster, wahrhaft erschütternd klärt sich dann so nach und nach bis zu dem sonnigen Motiv des letzten Satzes, bei dem sich das Herz einem förmlich erweitert, wie Frühlingsluft nach langen trüben Tagen erquickt ", wie Clara Schumann  treffend umschreibt - als habe sie sich nicht alleine Brahms Musik bezogen beziehen wollen,  sondern auch auf Markowitz´ Choreografie. Schade, dass diese schöne Komposition nur vom Band lief. Dem Tanzstück ging durchaus etwas an Lebendigkeit und Atmosphäre verloren.

Unentbehrlich in diesem facettenreichen Tanzgeschehen voll ungestümer, indes vertrauter Bilder und Gesten, die jedes und jede für sich eine eigene Geschichte erzählen, um letztlich mosaiksteinartig von der ganz großen Geschichte zu künden, war sie indes allemal. Eine mit realem Hintergrund: Markowitz berichtet mit „Brahms – Glaube Liebe Hoffnung“, wie er im zurückliegenden Lockdown besorgt und fassungslos auf das pandemische Weltgeschehen und die Menschen blickt. Das "Hohelied der Liebe" (1. Korinther 13) kommt ihm in den Sinn: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“.

Ein Tanzstück voller Erzählkraft

Wobei der Choreograf die Gewichtung verändert, indem er die Hoffnung auf Platz drei setzt, um der seelischen Reflexion Raum zu eröffnen und Bezugspunkte zum wirklichen Leben (in Zeiten der Pandemie) zu finden. Damit verleiht er seinem Tanzstück parallel Form und Erzählkraft. Die Compagnie zeigt, wie aus Glaube Zorn wird, die Liebe verloren geht, Hoffnungslosigkeit sich breit macht. Oftmals genügen nur wenige Tanzschritte, minimale Gesten.

Irrlichternd wirbt "Der Glaube" kraftvoll wie emotional um "Die Hoffnung" und "Die Liebe", versucht die verloren gegangene Einheit wieder herzustellen. Derweil treibt "Die Liebe" in kleinen Schritten dahin, steht auch mal beobachtend abseits des Tanzgeschehens, um sich dann mit der weiß geschminkten Hoffnung erneut zu streiten. Rangeln, zappeln, umarmen. Einer gegen zwei, alle gegen alle.  Dynamische Tänze bestimmen die Choreografie, mal fließend, mal stockend, formen sich zu einer episodischen Parabel, in der sich virtuos zeitgenössischer Tanz mit klassischen Momenten vereint. Widerstreitende Gefühle auf der Suche nach Erlösung und am Ende die Einsicht: Jeder Einzelne ist verantwortlich, damit in seiner Seele Glaube, Liebe und Hoffnung zusammenfinden können.

 

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Aalener Kulturjournal