Chancen und Grenzen einer ungewöhnlichen Partnerschaft

Theater trifft Afrika

Auftakt der Reihe "Theater trifft …" in der neuen Spielzeit. Das städtische Theater hat ins Wi.Z geladen. Drei Herren sitzen hier auf der Bühne am Tisch. Reden wollen sie über Afrika. Nicht über Ingrid Peters "Voodoo Master" oder gar über Pollacks "Jenseits von Afrika", auch wenn zugegebenermaßen die gefühlte Temperatur im obersten Stockwerk des Wi.Z, der einer afrikanischen Savanne nahe kommt. Im Mittelpunkt des Abends soll der Roman von Prof. Dr. Christoph Nix, dem Intendanten des Konstanzer Theaters, stehen, dessen - nach dem 2008 erschienenen "Junge Hunde" - neues Buch "Muzungu" ins ferne Afrika führt. Ein politischer Kriminalroman, ganz nah an afrikanischer Realität.

Es geht um Korruption und um die Rolle privilegierter Weißer. Eine halbe Stunde lang liest Prof. Nix aus seinem Buch - ganz Theatermann lebhaft, gestenreich, eindringlich. Er berichtet von  Liv Utstedt, die im ugandischen Kibuli für "Ärzte ohne Grenzen" arbeitet und eines Tages tot im Haus des schwedischen Kulturattachés aufgefunden wird. Die Ärztin wollte die Welt aufrütteln, das Versagen der ugandischen Regierung gegenüber der Lords Resistance Army, gegenüber Korruption und Machtmissbrauch aufzeigen. Die Spur ihrer Mörder führt zurück in die 1980er Jahre, als Liv sich gegen Apartheid zu engagieren begann. Damals hatte sie eine Affäre mit einem im schwedischen Asyl lebenden Politiker. Dem jetzigen Präsidenten Ugandas. "Muzungu" - afrikanischer Ausdruck für Europäer - erweist sich rasch als Kriminalplot, der in schlichter Sprache eine skandalöse  ugandische Lebenswirklichkeit offenbart, der manch Brisantes andeutet, der aber der Phantasie des Lesers viel Raum lässt.  Die allgegenwärtigen NGOs tauchen auf, ebenso jene afrikanischen Politiker, welche die Verhältnisse ihres Landes zum Guten  ändern wollen, sich selbst aber irgendwann im Netz von Macht und Korruption verfangen. Autor Nix greift für das Buch auf Erfahrungen mit seinen Theaterkooperationen in Uganda, Togo, Malawi, Burundi oder Ruanda zurück.

Kommunale Entwicklungspolitik?

Prof. Dr. Christoph Nix

Afrika-Abend des Aalener Theaters - der zweite Teil. Oberbürgermeister Thilo Rentschler und Tonio Kleinknecht gesellen sich hinzu. Aalens Theaterintendant übernimmt die Rolle des Fragestellers, die beiden Anderen berichten von ihren jeweils verschiedenen Ausgangspunkten und Zielsetzungen, die letztlich aber  in ein übereinstimmendes Engagement münden könnten. Bei Prof. Nix ist es die bereits erwähnte Theaterarbeit, beim Aalener Stadtoberhaupt der Blick ins mosambikanische Vilankulo. Afrika mit den begrenzten Mitteln einer Stadt helfen, schwebt im Raum. Entwicklungspolitik auf der Ebene der Kommunen, nennt es OB Rentschler, der sich möglicher Schwierigkeiten bewusst ist, schließlich liegt die Küstenstadt Vilankulo nicht wie Saint-Lô, Christchurch, Tatabánya, Antakya oder  Cervia, in unmittelbarer Nachbarschaft, sondern über 8500 Kilometer entfernt. Dennoch glaubt Thilo Rentschler an eine mögliche Städtepartnerschaft, die sich allerdings von den bisherigen deutlich unterscheide. Auf Nachfrage, warum Mosambik, kommt wenig

Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler

überraschend die Sprache auf das quirlige Engagement des Aaleners Siegfried Lingel, Honorargeneralkonsul der Republik Mosambik und Präsident der Deutsch-Mosambikanischen Gesellschaft, und auf den Besuch des ehemaligen mosambikanischen Staatspräsidenten Alberto Chissano in Aalen und dessen Treffen mit Schülern.

Nach Bekunden des OBs die Initialzündung in eine umfassende Zusammenarbeit mit Vilankulo einzusteigen. In ihrer Diskussion verdeutlichen OB Rentschler und Prof. Nix, wie wichtig angesichts weltweiter Flüchtlingsströme eine enge Kooperation sei. Wirksam wie nachhaltig, betont der OB und belegt dies am Beispiel des Schulprojekts für syrische Flüchtlingskinder in Aalens Partnerstadt Antakya. Für ihn zugleich der Beleg, dass konkrete Hilfe mittels Städtepartnerschaft möglich sei, wenn der Begriff Städtepartnerschaft im Hinblick auf Vilankulo eine neue Definition erfährt.

Zivilgesellschaft stärken

In Armut und Bevölkerungsexplosion sieht Rentschler Afrikas Hauptprobleme. Man müsse den Menschen einen Lebenssinn geben, so Prof Nix. "Es geht darum, die jeweiligen Zivilgesellschaft durch Engagement zu stärken." Konstanz Theaterintendant ist sich sicher, dass sich so auch der Blick auf die eigene und fremde Kultur zum Positiven verändert. Nur wer sich engagiere, könne an der Veränderung der Gesellschaft mitwirken. In Chinas Aktivitäten auf dem afrikanischen Kontinent sieht er indes eine Gefahr, weshalb er fordert: "Wir müssen unsere Kultur der Vielfalt weitergeben." Prof. Nix warnt im Verlauf, dies mit einer Kosten-Nutzen-Rechnung zu verbinden.

Bei seiner Theaterarbeit nimmt er sich afrikanischer wie europäischer Stücke an. In jüngster Vergangenheit  einem Stück über das Lachen in der Diktatur und er inszenierte Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" sowie einen afrikanischen "Parzival". Theater mit kulturübergreifendem Anspruch. Bei der Spielzeiteröffnung des Aalener Stadttheaters  vergangene Woche spielte Tonio Kleinknecht mit dem Gedanken, afrikanische

Theaterensembles auch nach Aalen einzuladen, wie das Teatro Avenida. Bis zu seinem Tod betreute der schwedischen Krimiautor Henning Mankell die Bühne der mosambikanischen Hauptstadt Maputo. Das könnte sich tatsächlich etwas auftun, beispielsweise ein vielversprechender Kulturaustausch.

Angesichts der Entfernung setzt auch Prof. Nix  auf kleine hier initiierte Projekte. Beispielhaft nennt er das Engagement Konstanzer Apotheker bei Aufbau und Unterstützung einer Apotheke in einer afrikanischen Stadt. Vergleichbares könne er sich von Schreiner-, Bäcker- und anderen Handwerksbetrieben vorstellen. Eine Idee, die bei OB Rentschler auf offene Ohren stößt. Dass dies nur erste, von gegenseitiger Achtung getragene Impulse sein können, darin stimmt er mit Prof. Nix überein. "Wir müssen mutig sein", fordert dieser. Mutig im Sinne von: kleine Initiativen setzen Zeichen, in der Stadt  gründen sich Unterstützungsvereine, die wiederum gemeinsam an einem großen Netzwerk arbeiten.

Bürger für Afrika

Aalens OB weiß allerdings um allgegenwärtige Vorurteile in Sachen Hilfsprojekte für Afrika. "Was verbratet ihr Steuergelder", sei eines der häufigsten. Auch Korruption werde immer wieder als Gegenargument angeführt. Dennoch überwiegen für Rentschler die positiven Signale eines kommunalen und bürgerschaftlichen Engagements für Afrika, zumal Unterstützung von nationaler und europäischer Seite - beispielsweise durch "Europa hilft Afrika" - bereitstehe. Das Stadtoberhaupt legt indes besonderen Wert auf die Feststellung, dass mögliche kommunale Projekte nicht vergleichbar mit staatlichen Großprojekten seien. "Das ist etwas völlig anderes", so Thilo Rentschler. Der OB bläst in das gleiche Horn wie Prof. Nix. Kleine lokale Partnerschaften sollen es richten: Betriebe, Schulen, Hochschule. "Die Bürger einer Stadt engagieren sich für Afrika, besser

Jeanine Lang

geht es nicht", ist sich Rentschler sicher. Aller möglicher Schwierigkeiten zum Trotz, wie Prof Nix aus eigener Erfahrung anfügt. Die Sprache nennt er allerdings als Haupthindernisgrund. Englisch, Französisch und afrikanische Dialekte. Er habe sich damit immer schwer getan, deshalb sei es wichtig, jemanden zur Seite zu haben, der für Verständigung sorgen könne.

Das Stichwort für Intendant Tonio Kleinknecht, der die neue Spielzeit seines Theaters mit "Welche Sprache passt zu mir?" überschreibt. Was darunter zu verstehen ist, wollte Jeanine Lang im Anschluss an OB Rentschler und Prof. Nix von Tina Brüggemann und Winfried Tobias (beide Theater Aalen) wissen. Nach Buchlesung und Diskussion dann Teil drei des Abends: "Samstagnachtfieber" erneut mit Jeanine Lang. Jetzt als Poetry-Slammerin.

 

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Aalener Kulturjournal