Badische Landesbühne Bruchsal zeigt im Wi.Z Goethes "Urfaust"

"Habe nun ach! Theater geschaut."

Beim Aalener Stadttheater gastierte die Badische Landesbühne Bruchsal mit Johann Wolfgang von Goethes „Urfaust“,  dem zwischen 1772 und 1775 entstandenen dramatischen Entwurf zu dem späteren Weltseller "Faust".  Auf den Frankfurter Jahrmärkten lernt der junge Goethe die Legende  vom "weitbeschreiten Zauberer und Schwarzkünstler" bereits in  der Kindheit als  „Puppenspiel vom Doktor Faust“ kennen. „Die bedeutende Puppenspielfabel klang und summte gar vieltönig in mir“, stellt er später fest. Nie mehr wird der Stoff ihn loslassen. 60 Jahre - von seiner Jugend als Stürmer und Dränger - bis zum Alter beschäftigt sich Goethe mit der Thematik, um erst in seinem zweiundachtzigsten Lebensjahr seinen "Faust" zu beenden, das berühmteste Werk der deutschen Literatur.

Angeregt wird der junge Jurist Goethe durch den Fall der Frankfurter Magd Susanna Margareta Brandt, die 1772 als Kindsmörderin hingerichtet wird. In der Literatur des Sturm und Drang ein häufiges Motiv. Werden doch nicht selten junge bürgerliche Mädchen von Adligen verführt, geschwängert, im  Stich gelassen. Kindsmord aus Verzweiflung oder  aus "Furcht vor der Schand" , wie in den Prozessakten der Susanna Margareta Brandt  zu lesen ist und von Goethe wörtlich zitiert wird,  kommt immer wieder vor. Die Badische Landesbühne  geht mit Goethes "Urfaust" indes recht frei um.  Was legitim ist, muss doch die Inszenierung einen über 200 Jahre alten Text für die Gegenwart erschließen.

Viele offene Fragen

Die Szenerie auf der Bühne gleicht einer Rumpelkammer mit Bergen von alten Klamotten, aus denen bei dem turbulenten Spiel Staubwolken aufsteigen. Als Opener dient Goethes „Prometheus“, die programmatische Anti-Hymne des Sturm und Drang, die Rebellion der Jugend gegen eine verkrustete Gesellschaft. Zwar werden  die Götter verhöhnt, der Zukunft des befreiten Menschen jedoch hoffnungsvoll entgegen gesehen. Niederträchtig zischend und  boshaft hämisch von den Schauspielern rezitiert. Als Fingerzeig? Auf die Hybris des Menschen? Eine Welt aus den Fugen aufgrund menschlicher Selbstüberschätzung ?

Goethes Faust, ein alternder Wissenschaftler in der Midlife-Crisis, unzufrieden, auf der Sinnsuche, unfähig, den Augenblick zu genießen symbolisiert bereits im „Urfaust“ den Erkenntnisdrang des Menschen. "Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie! / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. / Da steh ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor."  Unfreiwillig komisch wirkt, als Faust bei dem Bekenntnis, er wolle erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, in den Rachen Valentins starrt. Wahrlich auch symbolhaft!

Allerdings nimmt in der Inszenierung die Gretchentragödie den größeren Teil ein, während die Gelehrtentragödie nur kurz umrissen ist. Um zu erfahren, "was die Welt im Innersten zusammenhält", macht Faust mit Mephistopheles gemeinsame Sache. Eine Wette gibt es noch nicht. Genauso wie die Szenen „Hexenküche“ und „Walpurgisnacht“ fehlen.

Weder gelehrt noch leidenschaftlich

Faust begegnet Gretchen eher zufällig, ist aber sofort von ihr besessen. "Hans Lüderlich / der begehrt iede liebe Blum für sich“,  höhnt Mephisto. Wobei der Bruchsaler Faust (Frederik Kienle) weder wie ein erkenntnissuchender Gelehrter noch wie ein leidenschaftlicher Liebhaber wirkt, eher wie ein frustrierter Messie, der das Leben eines jungen Mädchens zerstört.

Gretchen (Yasmin Vanessa Münter), unschuldig, bieder wie eine Klosterschülerin, anfangs eine "reine Seele", über die Mephisto keine Gewalt hat, wird von Faust verführt, geschwängert.  Die Mutter vergiftet, der Bruder Valentin getötet. Am Ende tötet sie ihr Kind. „Meine Mutter, die Hur, die mich umgebracht hat“, singt sie wahnsinnig geworden im  Kerker. Während im "Urfaust" Mephistopheles Gretchens Richter ist, wird sie in „Faust I“ durch eine höhere Macht gerettet. Das naive Kindmädchen übernimmt hier im Unterschied zu Faust für ihr Tun Verantwortung, wächst über sich hinaus, während Mephisto und Faust fliehen. Joerg Bitterichs Inszenierung lässt sie abgleiten in eine schillernde Halbwelt, Orgien mit Faust und Mephisto feiern. Alles habe sie nur aus Liebe getan, kommentiert Gretchen wiederholt ihr Elend. Ein vom Regisseur sicher so gewollter inhaltlicher Bruch.

Die Zeiten haben sich verändert. Erstmals verkörperte Maria Becker 1977 in München als Frau den Schalk. Bei den Bruchsalern gibt nun Franziska Plüschke den Mephistopheles, den  Verführer und Manipulator. Grell geschminkt wie ein Vamp, hyperaktiv, aber wenig magisch. Warum eine Frau die Rolle inne hat, erschließt sich aus der Handlung nicht. Warum diese Mephistophela am Schluss ein Brautkleid trägt, an ihrer Seite Gretchen, die kurz zuvor noch verzweifelt "Heinrich, mir graut vor dir " gerufen hat, auch nicht. Weit mehr müsste es Gretchen doch vor Mephisto grauen. Vielleicht vom Regisseur gedacht als Reminiszenz an die Gender-Debatte?

Statt Sturmglocken Gebimmel  

Im modernen Gewand ebenfalls die Valentinszene: Gretchen streitet mit ihrem Bruder, aus ihr bricht die Empörung über ihre Rolle als Frau heraus.  Ende und Höhepunkt Valentins aggressive Forderung, Gretchen müsse ihm ein Schnitzel braten. Wie banal! Olympe de Gouges (1748-1793), Theaterfrau zur  Zeit der Aufklärung, Revolutionärin, Frauenrechtlerin, die 1791 die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin verfasst, dafür aufs Schafott geht, fordert: "Frau wach auf! Die Sturmglocke der Vernunft ist auf der ganzen Welt zu hören!" Ein Appell, der für Frauen auch heute noch tödlich enden kann. Oder Goethe, der seine Iphigenie feststellen lässt: "Das Los der Frauen ist beklagenswert", dann aber auch: "Ich bin genauso frei geboren wie ein Mann."  Wie revolutionär!

Wildester Körpereinsatz der Schauspieler, das enorme Tempo des Spiels, die zahlreichen Regie-Einfälle, aufgepeppte gerappte Goethe-Verse, Lichteffekte, eingebaute englische Wortpassagen verleihen Bitterichs Inszenierung jedoch einen gewissen Unterhaltungswert.

Goethe distanziert sich  später von seinem „Urfaust“, bezeichnet diesen als  ein „höchst konfuses Manuskript“.
Ob die Inszenierung den zahlreich anwesenden Schülern, deren Sternchenthema "Faust I" ist , nicht der "Urfaust", hilft, die Intention Goethes besser zu begreifen, ist fraglich. Im "Faust I" , an dessen Ende der Protagonist Faust große moralische Schuld auf sich geladen hat, Mephisto deshalb Vorwürfe macht, wird dieser darauf hingewiesen, dass der Mensch nicht die Gemeinschaft mit dem Bösen suchen müsse, dass er sich freiwillig dazu entschieden habe. Gretchen, das kleine naive Mädchen, ist im ersten Teil von Goethes "Faust" die einzige Figur, die zur inneren Größe sich durchringt. Gerade eine Überwindung des Nihilismus von innen. Nicht so die   Bruchsaler Inszenierung des "Urfaust". 

Fotos: Badische Landesbühne Bruchsal , Sonja Ramm

 

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Aalener Kulturjournal