Uraufführung von Olivier Garofalos "Warte nicht auf den Malboro-Mann"

Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer?

Estragon: Komm, wir gehen!

Wladimir: Wir können nicht.

Estragon: Warum nicht?

Wladimir: Wir warten auf Godot.

Estragon: Ah!

 

Die Uraufführung von Olivier Garofalos Theaterstück  „Warte nicht auf den Marlboro-Mann“ könnte auf den ersten Blick tatsächlich an Samuel Becketts "Warten auf Godot" erinnern, bei dem Estragon und Wladimir sich den Kopf über die menschliche Existenz in der Grenzsituation zwischen Leben und Tod zerbrechen. Bei dem Autor sind die Protagonisten Sarah (Diana Wolf) und Pedro (Arwid Klaws) nicht nur völlig anders aufgestellt, ihr Nirgendwo ist der Warteraum einer Intensivstation. Angelika Daphne

Katzinger (Ausstattung) bringt ihn in sterilem Weiß auf die Bühne, schafft so einen Kontrast zu der in Schwarz gehaltenen Umgebung, assoziiert Einsamkeit und Ausgeliefertsein, Hoffnungslosigkeit und Illusion.

 

Marlboro- Mann!  Pferdegetrappel, Wiehern, Wind der Steppe – wilder Westen pur oder nur Werbung? Auf jeden Fall wird der „coole“ Typ mit diesen Reminiszenzen akustisch inszeniert. Allerdings ist der Marlboro-Mann von heute mit dem Motorrad unterwegs. Pedro in  Lederjacke mit Helm lässt seine Chopper brummen. Sarah, in leitender Position bei der Waffenindustrie, in orangefarbenem Hosenanzug und Schlangenlederschuhen. Warum gerade diese Aufmachung lässt die Inszenierung jedoch offen; weder Farbe noch Schuhdesign entsprechen den Insignien der Macht.

"Don´t be a Maybe" 

Die Rollen mit Diana Wolf und  Arwid Klaws zu besetzen, erweist sich  als kluger Schachzug des jungen Theatermachers Jonathan Giehle, überzeugen doch die Beiden  durch Authentizität. Rasch wird klar, sie sind selbst in konträrsten Szenen die perfekte Wahl. Sich elend fühlend oder kämpferisch, mal trotzig, polternd, brüllend, versöhnlich - Autor Garofalo lässt die Schauspieler das ganze zur Verfügung stehende Repertoire durchdeklinieren. Sie wälzen sich auf dem Boden, erstarren auf den Stühlen, reißen sich vor Zorn die Lederjacke vom Leib, fühlen sich zueinander hingezogen, um im nächsten Moment verbal wie körperlich wieder aufeinander einzudreschen.

Sarah und Pedro,  ein  höchst gegensätzliches Duo, das sich  mithilfe mobiler Trennwände voneinander abschottet oder zueinanderfindet,  begegnen einander zum ersten Mal nach dem Unfall des Verlobten beziehungsweise Freundes.   Zwei  grundverschiedene  Lebensmodelle prallen aufeinander, um sich  gleichzeitig  zu überkreuzen. Eine weitere dramatische Ebene öffnet sich so im Hintergrund. Pedro spricht unablässig von der Freiheit, bewundert zugleich das hierarchische Regelwerk der Ameisen, während  Sarah, die Überangepasste, der ihr zugedachten Rolle als Frau entfliehen will, indem sie  Karriere in einer  Männerdomäne macht, in der Führungsetage eines Waffenproduzenten. Ab und an hängt sie jedoch Tragträumen nach von

alten Rollenklischees. „Ich habe ihm das Gefühl gegeben, dass er mein Beschützer ist, mein Cowboy“, sagt sie über ihren Verlobten, um sogleich sich mit den Worten zu korrigieren, sie wolle nicht auf den Marlboro-Mann warten. Ihre Aufgabe sei es, die Gemeinschaft zu schützen. Das Geräusch von Explosionen, Maschinengewehrfeuer entlarven ihre Worte als Selbstbetrug,  während sie beschönigend von „Metall“  statt Waffe spricht, jede Verantwortung von sich weist.  Die Widersprüche lassen sich durch das Rollenverhalten der Eltern erklären. Sarah schildert  ihre Mutter als bedeutungslose Dienerin der Familie, während  der Vater, ein erfolgreicher wie skrupelloser Anwalt, sich ihr als Identifikationsmodell anbietet. Als Frau übernimmt sie seinen extremen männlichen Lebensentwurf, agiert bei Bedarf wie dieser an der Grenze zur Legalität.

"A Maybe never falls in love"

Pedro hingegen lebt einen extremen Individualismus, kristallisiert im  Mythos Marlboro Man, dem perfekten Männlichkeitstraum von Freiheit und Abenteuer.  Zigarette zwischen den Lippen, kantig,   ein Lebensentwurf ohne Verpflichtung,  ohne  Verantwortung. Vollkommen ungebunden. Nebenbei erwähnt – etliche der Fotomodels zur Marlboro- Werbung sind an Lungenkrebs gestorben.

Im Theaterstück verschmilzt der Marlboro-Man-Mythos mit dem des Easy Rider: Das Gefühl von Freiheit auf zwei Rädern. Die Biker unterwegs als   "wilde Horde" , was Sarahs Verlobtem zum Verhängnis wird.  „Bruderschaft“ und „Stärke“    für die Szene, von den „Spießern“ als Außenseiter, Underdogs, Outlaws definiert.

Sarah gibt Pedro dies deutlichst zu verstehen. Ihr gesamtes Leben kreist  um Erfolg und Ansehen, Nutzen und Gewinn.  Ökonomische Gesichtspunkte bestimmen Denken und Handeln. Was sich beruflich auszahlt für Sarah,  funktioniert zwischenmenschlich jedoch  nicht. Ihr Privatleben leidet darunter. Ist ihr Verhalten zu Beginn noch ambivalent, so  hofft sie, dass der Verlobte überleben möge, korrigiert sich, wenn sie von seinem Zustand spricht, indem sie vom Präteritum ins Präsens  wechselt: „Er war.“ – „Er ist.“  Am Schluss geht sie über sein Schicksal hinweg, hat sich doch das  Problem, welches ihr beruflich das Genick hätte brechen können, gelöst. Unfall und der Tod des Geliebten sind zweitrangig,  geht es doch  nun weiter auf der Karriereleiter. Vordergründig erfolgreich.

"Come to where the Flavor is"  

Das Theater biete keine  Lösungen an,   betont Olivier Garofalo in einem Interview, sondern fordere auf, sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen, darüber nachzudenken, welches Leben wir eigentlich leben wollen.  Das Stück  endet offen,  Sarah und Pedro bleiben bei ihren Lebensentwürfen, obwohl ihr Umfeld ins Wanken kommt und sie mit.

Der Mensch ist  und bleibt ein handelndes Wesen. Er muss arbeiten, um überleben zu können. Er  produziert,  was andere benötigen: Waren und Dienstleistungen.

Die auf der Bühne  problematisierte Frage ist jedoch, wie verändert sich das  soziale Miteinander, wenn  Verantwortung ausgeblendet wird, das Eigeninteresse, die Gewinnmaximierung stattdessen an erster Stelle stehen, der Mensch zum Humankapital wird. Genauso desaströs der egoistisch gelebte Freiheitsbegriff ohne Werte. Nach Karl Jaspers geben Freiheit und Verantwortung den entscheidenden Impuls, um dem Leben Sinn und Halt zu verleihen. 

Garofalos    „Warte nicht auf den Marlboro-Mann“  erweist sich nicht immer als schlüssig, doch Regisseur Giele und Dramaturgin Tina Brüggemann verschreiben dem Stück heftige Momente, bringen Dynamik in die Szenen, verhindern eine allzu große Erstarrung angesichts eines  Schicksals,  das zu einer Wende im Leben beider Protagonisten hätte führen können.

 

INFO

Theater der Stadt Aalen

Olivier Garofalo: "Warte nicht auf den Malboro-Mann"

 

Weitere Aufführungstermine:

26. Oktober; 2.; 7.; 15.; 22. und 23. November (jeweils 20 Uhr)

Altes Rathaus Aalen

www.theateraalen.de

 

 

 

Zwischenüberschriften: Zigarettenwerbung

Fotos: Peter Schlipf

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Aalener Kulturjournal