Uraufführung beim Aalener Stadttheater

Vom Leben und Überleben: Lisa Sommerfeldts "Wing.Suit"

Von Wingsuit, dieser seltsam anmutenden Sportart, ist entgegen erster Vermutungen in diesem Theaterstück wenig die Rede. Zwar fabuliert Florian gerne vom "geilen Base-Jumping", aber das war´s denn auch schon in Sachen Fliegen mit angenähten Stoffflügeln. Der Extremsport dient der Autorin Lisa Sommerfeldt allerdings als Matrix, um einen möglicherweise  selbstverschuldeten Tod einem schicksalhaften gegenüberzustellen. In ihrem eigens für das Aalener Stadttheater geschriebenen Stück "Wing.Suit"  entzündet sich aus dieser Konfrontation ein Ehedrama, gespeist aus einer Dreiecksbeziehung.

 

Eine konventionelle Geschichte eines konventionellen Paares. Die Konstellation: Florian (Marc-Philipp Kochendörfer), ein erfolgreicher Anwalt,  der den Nervenkitzel als BirdMan sucht, will zu seiner Geliebten Lena (Julia Sylvester) ziehen. Just als er dies seiner Gattin Marie (Margarete Lambrecht) mitteilt, erklärt diese ihm, an Brustkrebs erkrankt zu sein. Marie ist Hausfrau, pflegt die vermeintliche Idylle im Haus auf dem Land. Ursprünglich war vereinbart, gemeinsam für die beiden Kinder und den Alltag Sorge zu tragen. Die Realität sieht freilich anders aus. Während er seinem Beruf nachgeht,  kümmert sie sich um Kinder und Haushalt. Er  fühlt sich eingeengt durch die Familie, Marie langweilt ihn, so kommt ihm die  junge  naive Lena gelegen. 

 

Der Traum vom Sterben

 

Als Beziehungsdrama eine alte Geschichte, die beim Aalener Stadttheater auf fabelhaft agierende Darsteller trifft. Kochendörfer verleiht Florian die richtige Farbe: der typische Macher, energiegeladen, dem  Freiheit im Denken und Handeln wichtig ist,  der Abwechslung und Herausforderungen sucht. Einer, der weiß, wo´s langgeht. Bald zeigt es sich jedoch, dass der Schein trügt. In seiner Egozentrik begreift er nichts. Als Marie, wunderbar verkörpert von Margarete Lambrecht, ihm die Diagnose "Brustkrebs" mitteilt, die in ihr Angst, Unsicherheit und Verzweiflung auslöst, reagiert er gleichgültig, lässt sie mit ihrer schweren Erkrankung allein. Sie leidet. während er mit der Geliebten tanzt. Gleichzeitig schwadroniert Florian voller Selbstmitleid von Mensch, Schicksal  und Freiheit, stilisiert sich zum Opfer. Marie erinnert ihn an seine Verantwortung, auch für die Kinder. Für beide eine Ausnahmesituation, in der sie vom Tod träumen: Er, der Wingsuiter  als Ikarus der Sonne entgegenfliegend, sie vom Krebs zerfressen werdend.

 

Die Affäre entwickelt sich für alle zur emotionalen Belastung. Überzeugend mimt Julia Sylvester Lena, die Geliebte im Wartestand, die klammert, sich demütigt, im Laufe der Handlung allerdings erkennt, wie selbstzerstörerisch sie handelt. Auf der Bühne ein einziges Streiten, Versöhnen, Streiten, bis die Frauen aussteigen. Die authentischen Dialoge des Stückes bedürfen kaum einer zusätzlichen Dramatisierung, scheinen sie doch dem wahren Leben entnommen.  Das überzeugt, kennt doch jeder solch schwierige wie verkorkste Beziehungskisten. Allerdings bleibt das vage Gefühl, dass da noch etwas  fehlt.  Zu konventionell  verläuft Lisa Sommerfeldts Geschichte, zu wenig differenziert.  

 

 

Der Griff zur Mythologie

 

Ein interessanter Aspekt hingegen der Kronos- und Ikarusmythos als Rahmen der Handlung, mit dem die Autorin die Ehekrise des Paares auf eine zweite Ebene hebt.  Kronos, in der griechischen Mythologie Weltenschöpfer und Kinderfresser wie sein Vater Uranos,  welche beide aus Angst vor einem Machtverlust ihre  Kinder vernichten. Diesen Kronosmythos zitierend beginnt das Theaterstück.

Neben  Kronos kennt die griechische Mythologie auch den  Chronos, die Personifikation der Zeit. Schon früh verschmelzen beide, obgleich die Götter nichts gemein haben. Wohl einst eine Verwechslung der Namen. In dem Gedicht „An Schwager Kronos (In der Postchaise)“ schafft   Johann Wolfgang von Goethe ein Mischwesen aus beiden, das auf dem Kutschbock eines Wagens die Reise zwischen Leben und Tod unternimmt. Welche Intention Lisa Sommerfeldt bevorzugt, wird in der Handlung indes nicht ganz deutlich; jedoch lassen sich beide auf den Kontext beziehen, geht es doch jeweils um die Verantwortung für und um das Leben.

Der zweite Rückgriff auf die Mythologie gilt dem Ikarus, der zwangsläufig an seiner Selbstüberschätzung scheitern muss.  Sommerfeldt vergleicht ihn mit dem Fliegen im Wingsuit, ein äußerst riskantes Unterfangen, bei dem immer die  Nähe zum Tod gesucht wird, um sich des eigenen  Selbst zu vergewissern.  Für die Autorin  eine Folge des Optimierungswahns in der Moderne, wie sie in einem Interview umreißt. „Der Unwille , sich für jemand anderen, für etwas Gemeinsames einzuschränken. Und die Unfähigkeit zu sehen, dass Verzicht auch Reichtum bedeuten kann, weil er die Konzentration auf das Wesentliche lenkt.“

Regisseur Tonio Kleinknecht und Dramaturgin Tina Brüggemann haben die Vorlage mit Fingerspitzengefühl in einer schlüssigen Abfolge kleinerer Szenen intensiv, dramatisch und unsentimental auf die Bühne gebracht. Passend dazu verlegt Ana Tasic die Handlung in ein kaltes Nirgendwo, in der transparente Rollwände trennen und die Farbe Grau der Einsamkeit Vorschub leisten. Im Kontrast dazu spiegeln farbige Kinderzeichnungen auf dem Bühnenprospekt die von der Mythologie geforderte  Verantwortung für und um das Leben.

 

INFO

 

Die nächsten Aufführungen von "Wing.Suit" auf der Bühne im Wi.Z sind am 5. und 25. Oktober sowie am 8. November (jeweils 20 Uhr).

Weitere Infos unter www.theateraalen.de

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Aalener Kulturjournal