Theaterring Aalen: Badische Landesbühne  inszeniert den "Steppenwolf"

Die Hölle meines Inneren

(AK/KH) „Wie ein Traum fährt mein Leben dahin, und wie ein Maskenfest.“  Vor bald 100 Jahren - übrigens kurz nach der Fertigstellung von "Siddhartha" - stellte der Schriftsteller Hermann Hesse diesen Satz vor sein "Tagebuch eines Entgleisten". Der gedankliche Auftakt zum "Steppenwolf", ein Roman, der seit seinem Erscheinen 1927, insbesondere junge Menschen immer wieder aufs Neue in seinen Bann zieht und begeistert. In den 1970er Jahren  gehörten "Siddhartha" und der "Steppenwolf" genauso zum Muss wie der graue Mantel mit Fischgrätenmuster. In genau solch einem lässt Regisseur Wolf Rahlfs seinen Harry Haller (eindrücklich gespielt von Markus Hennes) auf die in Schwarz gehaltene Bühne treten. Eingehüllt in eine zeit- und raumentrückte Welt geht der Steppenwolf auf die Suche nach dem eigenen Ich. Die Badische Landesbühne macht daraus kein Schabernack und keine Werbeveranstaltung für "Sex & Drugs", sondern lehnt sich zurecht eng an Hesses Original an, um die facettenreiche Persönlichkeit des Protagonisten mitsamt ihren Widersprüchen zu offenbaren. Harry Haller ist der "Steppenwolf". Ein Intellektueller, der sich vor der Welt und vor sich selbst ekelt. Er verkörpert das zerrissene Ich, den einsamen Wolf, der die moderne Großstadt durchstreift.

Zwei Seelen finden sich in dessen Brust: die bürgerliche, angepasste Seite und die unangepasste, kulturkritische. Er leidet am Leben, am Krieg, an der Orientierungslosigkeit seiner Zeit. Am Niedergang der abendländischen Kultur. "Es ist die Geschichte eines Menschen, welcher komischerweise darunter leidet, dass er zur Hälfte ein Mensch, zur anderen ein Wolf ist", schreibt Hesse 1925, als er den Roman zu planen beginnt.

Das Leben als Dreckshölle der Herzensleere und Verzweiflung

Alle Menschen haben diese Doppelnatur, können im Unterschied zu Haller diese aber  ausbalancieren. Der sucht das Extreme, trinkt zu viel, vernachlässigt sich. Die Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens schätzt er durchaus, verachtet aber die bürgerlichen Pflichten und Institutionen, will "fressen, saufen und morden". Sein Problem ist der Konflikt zwischen dem "Wölfischen" und "Menschlichen", der sein Leben zur "Dreckshölle der Herzensleere und Verzweiflung" macht. Er beklagt die von "Aktiengesellschaften ausgesogene Erde", gleichzeitig lebt er von den Zinsen seiner Wertpapiere. Mit seinem Wissen kann er aus unterschiedlichen Gründen  nichts anfangen. Sein Drang nach Freiheit führt in die Einsamkeit. In Gedanken spielt er mit Selbstmord.

 

Bei einem seiner Streifzüge durch die nächtliche Stadt gibt ihm ein Mann (Cornelia Heilmann) ein "kleines Büchlein", das "Tractat vom Steppenwolf", welches genau seinen Seelenzustand trifft, ohne ihm aber helfen zu können. In einem Tanzlokal begegnet er der seelenverwandten Hermine (Nadine Pape), die einer Geheimloge angehört. Durch sie erlebt er eine Welt von unbekannter Sinnlichkeit. Der Jazztrompeter Pablo (Colin Hausberg), den Haller anfangs für eine "hübsche Null" hält, löst homoerotische Gefühle aus, führt ihn  in sein "Magisches Theater" ein.  Die zahlreichen Logentüren verkörpern Urbilder des menschlichen Seins, hinter denen Haller den Zugang zu Facetten seiner Seele finden kann. Bewusstes und Unbewusstes verschmelzen, befreit vom  Steppenwolf wie  vom Moralisten.  So stellt der frühere "Kriegsgegner" fest, wie viel Spaß es ihm  bereitet, aus einem Versteck heraus vorüberfahrende Automobile wahllos abzuschießen. Ein Gegenangriff auf die überbordende Technisierung des Lebens. Oder: Die Aussage  "Alle Mädchen sind deins"  meint weder die Phantasien eines Pubertierenden noch die eines alternden Mannes, sondern eine von pietistischen Gewissensqualen befreite Erotik. Hinter einer weiteren Tür fordert Mozart  ihn auf: "Nehmen Sie endlich Vernunft an! Sie sollen leben, und Sie sollen das Lachen lernen. Sie sollen die verfluchte Radiomusik des Lebens anhören lernen, sollen den Geist hinter ihr verehren, sollen über den Klimbim in ihr lachen lernen." Hass und Ekel sollen überwunden, das Leben bejaht werden mithilfe eines mozartischen Humors.

Der Steppenwolf in Hermann Hesse

"Der Steppenwolf" spiegelt  die Lebenskrise des Autors Hesse. Harry Haller wie sein Schöpfer leiden an den Widersprüchlichkeiten des Lebens. Beide empfinden sich als Außenseiter.  "Mich selbst zu zerstören, in vielerlei Formen, ist das einzige, was ich seit Jahren getan habe", schreibt Hesse kurz vor seinem 50. Geburtstag.  Ein Eremit, Neurotiker und Psychopath sei er. Seine erste Frau ist in der Psychiatrie, die drei Söhne im Heim, die zweite Ehe gerade gescheitert. Hesse denkt an Selbstmord. Von Kindheit an ist der hochneurotische Hesse physisch wie psychisch wenig stabil, hat mehrere Selbstmordversuche unternommen. "Die eine Hälfte will fressen, saufen, morden und dergleichen einfache Dinge, die andere will denken, Mozart hören und so weiter, dadurch entstehen Störungen", beschreibt Hesse seinen  seelischen Zustand.  Gunnar Decker schreibt in seiner bemerkenswerten Hesse-Biographie: Der "Steppenwolf" ist "eine Chronik der Selbsterkenntnis am Rande der Selbstvernichtung. Ein höchst intimer Beitrag zum Nihilismusproblem, der Entwertung aller Werte, wie es Nietzsche dem 20. Jahrhundert prophezeit hatte."

Dazu konsumiert Hermann Hesse temporär übermäßig Alkohol, leidet an Kopfschmerzen, innerer Unruhe und Angstzuständen. 1916/17 beginnt er eine Psychotherapie nach C.G. Jung, wird zeitweise vom Meister selbst behandelt. Hesses intensive Beschäftigung mit Jungs Schriften findet seinen Ausdruck eben im "Steppenwolf". Während der Therapie wird Hesse zum Malen, zu Tanzstunden, zum Führen eines Traumtagebuchs angeregt.

Hermann Hesse, ein schwäbischer Missionarssohn, 1877 in   Calw geboren, gerät früh in Konflikt mit dem pietistischen Elternhaus. Sein Roman "Unterm Rad" erzählt davon. Nach seiner Lehre als Buchhändler  in Tübingen arbeitet er in Basel auch als Antiquar. Ab 1904 als freier Schriftsteller. Wenn  er nicht durch Europa und Indien reist, lebt er am Bodensee und später im Tessin, wo er 1962 in Montagnola stirbt. 1946 erhält er den Literaturnobelpreis, 1955 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Hesses Erzählkunst ist beeinflusst von Goethe und Gottfried Keller, in der Frühzeit seines Schaffens auch von der Neuromantik und dem Impressionismus.  Existenziell erschüttert durch den Ersten Weltkrieg geht er zum romantischen Kulturverständnis auf kritische Distanz, beschäftigt sich eingehend mit der aufkommenden Psychoanalyse, was sich in dem Roman "Der Steppenwolf" (Untertitel: "Nur für Verrückte", 1927) spiegelt.  Bei seinem Erscheinen  ist der Roman  ein Skandal.

 In "Narziß und Goldmund" thematisiert Hesse  die Ambivalenz von Geist und Natur (1930), das Nebeneinander widersprüchlicher menschlicher Gefühle und Gedanken will er zu einem harmonischen Ausgleich bringen, in seinem Alterswerk "Das Glasperlenspiel" (1943)  die westliche und östliche Philosophie zusammenführen.

Guru aller lesenden Hippies

Wenig bekannt ist, dass Hermann  Hesse zum Guru der Flower-Power-Bewegung wird. Der angenommene gemeinsame Nenner: östliche Philosophie, Selbstverwirklichung, Naturverbundenheit, experimentelle Lebensweisen. Hesse sei naiv psychologisierend  von der Drogenszene vereinnahmt worden, hätte wohl fassungslos auf die Deutung des magischen Theaters als LSD-Trip durch den amerikanischen Drogenpapst Timothy Leary reagiert. "Vor deiner LSD-Sitzung solltest du `Siddharta´ und  `Steppenwolf` lesen" , so eine Anweisung.

"Der tiefste Sinn des magischen Theaters sei die "die Zeitaufhebung, die unio mystica - Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit in der Collage." Für Gunnar Decker eine Dreistigkeit, diese mythische Dimension auf einen Drogenrausch zu reduzieren.

In den Vereinigten Staaten nur von Hochschulgermanisten   gelesen,  erlebt Hesse mit der Beat-Generation und den Hippies eine unglaubliche Renaissance, wird zum meist verkauften Autor der USA.

1969 wird sein "Steppenwolf"  gar zum Kultbuch, 360.000 mal in einem Monat verkauft. Die Gesamtauflage von Hesses Werk erreicht 11 Millionen. Was Hermann Hesse nicht mehr erlebt, stirbt er doch 1962 im Alter von 85 Jahren. Musik und Kunst jener Zeit lassen sich von Hesse beeinflussen. Die Rockgruppe "Steppenwolf" benennt sich nach dessen Roman. Das Album "Abraxas" der Latin-Rock-Gruppe  "Santana" ist von Hesses "Demian" inspiriert. Und Andy Warhol kreiert ein Hesse-Poster.

Zu Lebzeiten klagt Hesse, dass "Der Steppenwolf" gerade von den Anhängern oft missverstanden wird. "Zum Teil kommt die Häufigkeit dieser Fälle davon her, dass dieses Buch, von einem 50-Jährigen geschrieben und von den Problemen eben diesen handelnd, sehr häufig ganz jungen Lesern in die Hände fiel", schreibt er 14 Jahre nach der ersten Auflage 1941.

 

Lesetipp:

Gunnar, Decker:

Hesse. Der Wanderer und sein Schatten.

Biographie

Suhrkamp Verlag

 

Fotos: Badische Landesbühne (Peter Empl)

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Aalener Kulturjournal