Tournee-Theater Fürth: "Der Fremde im Haus"

Der Mörder ist nicht immer der Gärtner

Aalens Theaterring hat sich eine der ganz großen Krimiautorinnen ins Haus geholt: Agatha Christie. Allerdings kommen mit ihr nicht die detektivische Unterhaltung mit Miss Marple auf die Bühne, sondern ein Psychothriller, der alte Klassiker "Der Fremde im Haus". Eine spannende Geschichte, inszeniert von Thomas Rohmer für das Tourneetheater Fürth, in mehreren Akten und mit dramatischen Szenen. Letzteres die entscheidende Voraussetzung für einen  amüsanten (trotz des Genres) wie spannenden Theaterabend. Auch weil, wie es Theaterkritiker Alfred Kerr einst treffend formulierte, Kriminalstücke gleich drei Vorzüge haben. "Primo: Das Publikum wird ethisch gebesserte - insofern der Schuft sein Fett abkriegt! Secundo: Das Publikum wird gespannt - als Entspannung vom Daseinsernst. Tertio: Das Publikum wird geneckt, Scharfsinn gekitzelt, Assoziationskraft gemeidigt."

Klingt wie Agatha Christie ins Stammbuch geschrieben. Auf der Bühne jedenfalls beginnt alles harmlos, gar freudig, denn die junge Cecily (zunächst schön naiv und blauäugig, am Ende listig und gewieft von Sarah Elena Timpe gespielt) gewinnt im Lotto und will gerade eine Weltreise antreten, als Bruce Lovell (der Name ist Programm und Saša Kekez die Idealbesetzung, gelingt ihm doch überzeugend der Wechsel von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde) in ihr Leben tritt. Ganz allmählich nur entwickelt sich die zunächst an eine Komödie erinnernde Geschichte zu einem packenden Psychothriller, bei dem es um mehr geht, als nur um Cecilys Millionen. Nur Stunden nach ihrer Bekanntschaft mit Bruce löst Cecily ihre Verlobung mit dem biederen Nigel (Markus Baumeister), um sich mit Herz aber ohne Verstand in eine Beziehung zu Bruce zu stürzen, die dank Selbstaufgabe in einer

Blitzhochzeit endet. Blind vor scheinbarem Liebesglück verfällt sie dem Charme von Bruce, obwohl sie über den ihr fremden Mann nichts weiß. Zugleich schlägt sie alle Warnungen ihrer besten Freundin Mavis (Franziska Janetzko) und von Tante Loo-Loo (Johanna Liebeneiner) in den Wind, sodass Bruce Lovell sein perfides Vorhaben ungestört in die Tat umsetzen kann.

Das Publikum weiß zu diesem Zeitpunkt allerdings längst, dass er in Wirklichkeit nicht der ehrliche Liebhaber, den er vorgibt zu sein, ist, sondern ein sadistischer Serienmörder, der kaltblütig allzu vertrauensselige Frauen ermordet. Ob es soweit kommt, lässt sich aus den bis dato meist netten Dialogen indes nicht schließen. In bestimmten Situationen scheint sich allerdings bereits etwas zusammenzubrauen, dann dröhnt stakkatohaft einsetzende Musik aus dem Off, um daran zu erinnern, dass hier keine Liebeskomödie gespielt wird. Spätestens  im

zweiten Akt sind schließlich alle Zweifel verflogen: Cecily findet sich in einem abgelegenen Cottage wieder. Die schöne Scheinwelt zerbröselt unter Bruces seltsamem Verhalten. Als die Attacken zunehmen, er immer häufiger die Kontrolle verliert, erkennt Cecily, in welch großer Gefahr sie sich befindet, zumal Bruce ihr die Schuld für seine Ausbrüche gibt.

Insgeheim fiebert er wahnhaft auf den Mord an Cecily hin, von dem er sich eine Art inneren Erlösung erhofft. Agatha Christie schreibt ihm allerdings unverblümt die Lust an Geld, Macht und Erotik ins Portfolio. "Es geht um die Macht, um dieses göttliche Gefühl", bricht es denn auch in einer beklemmend wirkenden Szene aus ihm heraus.  Cecily bleiben nur zwei Optionen: Opfer sein oder sich wehren. Mit Agatha Christie hat sie die richtige Autorin an ihrer Seite, die vor allem eines beherrscht: einen rigorosen Spannungsbogen, den sie mit allerlei Überraschungen zu unterfüttern versteht. Denn so wie zunächst vermutet, kommt es

eben in diesem Krimi nicht.  Manch anfängliche Dialoge hätten allerdings durchaus gestrafft werden können, wobei im letzten Akt kein Wort zu viel ist. Die Spannung wächst und hält sich im Wortsinne bis zur allerletzten Minute. Der Kontrollverlust und die darauf folgenden Wutausbrüche von Bruce sorgen bei manch einem Zuschauer für Gänsehaut. Machtberauscht lässt Bruce seine sadistischen Phantasien aufblühen, greift nach dem Würgeschal. Doch längst ist aus der naiven Cecily eine überlebenskluge geworden, die um ihre Ausweglosigkeit weiß. Der Scheherezade gleich erfindet sie Geschichten, um Bruce vom Morden abzuhalten, dichtet sich dabei phantasiereich ein Mördergen an, zerrüttet über vorgeblich eigene Grausamkeit nach und nach das Nervenkostüm ihres potenziellen Mörders, bis er schließlich seinem eigenen Wahn zum Opfer fällt.

Es darf aufgeatmet werden. Agatha Christie und mit ihr das spielfreudige Ensemble haben treffliche Arbeit geleistet und zwei Stunden lang bestens unterhalten. 

Halt! Da war noch `was! Genau, ein Gärtner ist noch dabei. Entgegen aller Vermutungen ist er jedoch nicht immer der Mörder (Reinhard Mey lässt grüßen), aber dem Publikum ist er schon wohlbekannt. Der in Aalen lebende Schauspieler Michael Kausch stellt nämlich den freundlichen Blumenliebhaber und dienstbeflissenen Gartenmann dar. Eine Rolle, die ihm wie auf den Leib geschnitten ist und die er mit gärtnerischem Leben füllt.

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Aalener Kulturjournal