Theaterring Aalen: "Der kleine Lord" als Musical

Von Schuhputzern, Krämern und von kleinen und alten Lords

Alle Jahre wieder flimmert "Der kleine Lord" in der Verfilmung von 1980 mit Alec Guiness zur Weihnachtszeit über die Bildschirme. Er gehört dazu wie Weihnachtsmarkt und Punsch oder - um beim Theater zu bleiben - wie der "Nussknacker" beziehungsweise das "Schwanensee"-Ballett. Aalens Theaterring-Freunde hatten am Donnerstagabend das große Vergnügen, endlich auch einmal Frances Hodgson Burnetts großen Roman über den kleinen New Yorker Jungen, auf den im fernen Großbritannien ein Schloss samt großväterlichem Earl wartet, auf die Bühne zu bringen. In einer besonderen Fassung des Münchner a.gon-Theaters: als Familienmusical.

Zum Auftakt geht es zurück ins New York des 19. Jahrhunderts. Ein nostalgisches Bühnenbild zeigt einen kleinen Straßenmarkt (ein raffinierter Vorhang macht daraus im Handumdrehen ein prächtiges Schloss). Hinzu kommen fantasievollen Kostüme, gefällige musikalische Arrangements und eine temporeiche Choreografie. Leben bringt allerdings erst das spielfreudige Ensemble in die Szenerie, wobei die Schauspieler teils in wechselnden Rollen auftreten.

Auf der Bühne eine scheinbar typische Straßenszene, aufgedruckt auf einen Bühnenvorhang. Davor erkennbar arme Menschen: Schuhputzer, Krämer, Blumenverkäufer. Mitten hinein tanzt ein fröhlicher Junge, Cedric ErrolI (Isabel Kott), die Hauptperson. Mit seiner Mutter (Tanja Maria Froidl) lebt er gleich nebenan  in bescheidenen Verhältnissen. Mit dem Erscheinen des Rechtsanwalts Mr. Havisham (Michael Müller) wird er aus seinem gewohnten Leben herausgerissen, da ihm eröffnet wird, der künftige Lord Fauntleroy zu sein. Der Wehmutstropfen, der gegenwärtige Earl of Dorincourt, Cedrics Großvater, gilt als hartherzig und mürrisch. So will er auch den Jungen erziehen. Doch die Lehrstunden bekommt der alte Graf selbst. Mit kindlicher Naivität zeigt Cedric ihm, was Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Großherzigkeit bedeuten.

Eine Kurzfassung

Wer die Geschichte bereits kennt, merkt rasch, wie stark der Text des Musicals gekürzt wurde, wie der Focus auf der Straßenszene liegt, ein weiterer auf den Geschehnissen im Schloss - alles auf seinen Kern reduziert. Die Beschreibung des Lebens in den Dörfern rund um das Schloss, die soziale Lage der armen Bauern, der Knechte und Mägde - der Autorin waren diese Passagen so wichtig wie die Wandlung des alten Lords, der seine Verantwortung für andere Menschen wiederfindet, seine Abneigung gegen die Schwiegertochter überwindet.

Gabrielle Misch beschreibt im Libretto Cedric als den naiven, lieben Jungen, der in seiner herzlich offenen Art allen und jedem freundlich begegnet. Regisseur Stefan Zimmermann macht einen leicht überdrehten aus ihm und lässt Darstellerin Isabel Kott folglich durch New Yorks Straße und später durch das Schloss hüpfen. Entschädigt  wird das Publikum dafür durch viel Musik, erklärende Lieder und vor allem durch eine vierköpfige Liveband. Und fabelhafte Sänger, aus deren Mitte Tanja Maria Froidl mit ausdrucksstarker voller Stimme herausragt. So wird zugleich eine ganz neue Sicht auf dieses Plädoyer, an das Gute im Menschen zu glauben, gelegt.

Eine erfolgreiche Autorin - extravagant und sozial engagiert

Frances Hodgson Burnett (1849 - 1924) übt mit ihrem "Der kleine Lord" im Grunde genommen scharfe Kritik an den sozialen Verhältnissen im England des 19. Jahrhunderts, ohne dabei dieselbigen in den USA zu verniedlichen, denn auch dort fristen die Menschen ein Leben in Armut, sind von anderen abhängig, von denen sie schlecht behandelt werden (Schuhputzer Dick und Tunichtgut Jake). Die Schriftstellerin entdeckte das Schreiben als eine Möglichkeit die eigene soziale wie rechtliche Lage zu verbessern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für eine Frau gar die einzige Chance zu einer eigenständigen Entwicklung und Unabhängigkeit. Fünfjahrzehnte lang war Frances Hodgson Burnett eine der erfolgreichsten anglo-amerikanischen Autorinnen.- Ihre berühmtesten Bücher sind "Der kleine Lord", „Prinzessin Sara" und "Der geheimnisvolle Garten". Der Erfolg gab ihr Recht. Nach einer gescheiterten Ehe lebte sie in England, Frankreich und Italien, erlaubte sich alles, was sich eine Frau ihrer Zeit nicht erlauben durfte, war sozial engagiert und unterstützte finanziell ihre verarmte Verwandtschaft.

Die Kernaussage in all ihren Romanen war die Botschaft von Hoffnung und Glaube an das Gute. Im Fall des `Kleinen Lords´ mache die "liebevoll zelebrierte Utopie einer paradiesischen  Gerechtigkeit und Harmonie" die Geschichte so zeitlos. "Sie hält den Traum eines friedvollen, gleichberechtigten und zufriedenen Miteinanders von arm und reich, alt und jung bis heute in jedem von uns wach", schreibt a.gon-Geschäftsführerin Iris von Zastrow. 

Frances Hodgson stammte ursprünglich aus einer wohlhabenden Familie, die erst nach dem Tod des Vaters verarmte. Vom englischen Manchester aus zog ihre Mutter samt den fünf Kindern  ins ländliche Tennessee (USA). Befreit von den strengen englischen Konventionen schrieb Frances Hodgson Burnett für Zeitungen und Magazine, um sich dann der Literatur zu widmen.

Gefragt, was denn der Grund für ihren Erfolg sei, antwortete Frances Hodgson Burnett einmal:  „Ich interessiere mich für alles auf der Welt – von Kaisern und Premierministern bis zu Schweinehirten, von Hunden und Katzen bis zu den dünnsten Grashalmen, die je wuchsen. Es ist alles miteinander verbunden. Ich versuche zu verstehen, warum wir bestimmte Dinge tun und auch, warum nicht." 

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Aalener Kulturjournal