Theaterring Aalen 

Emmas Glück

Lakonisch erklärt der Arzt seinem Patienten Max (Gerd Plankenhorn), dass dieser nicht mehr lange zu leben habe. "Bauchspeicheldrüsenkrebs - vielleicht noch drei Monate". Gewiss kein schöner Auftakt, den Aalens Theaterring mit diesem Stück bietet, zumal der Titel nach anderem klingt: "Emmas Glück". Sicherlich keines der üblichen Lustspiele, die das Theater Lindenhof in bewährter Manier auf die Bühne der Stadthalle bringt. Es geht um nichts weniger als das Glück zweier Menschen, dem die Autorin Claudia Schreiber viel melodramatisches Potential auferlegt. 

Regisseur  Heiner Kondschak macht daraus eine Tragikomödie mit einem Hang zur wehmütigen Todesromanze.

Um dem Publikum diesen höchstproblematischen Stoff dennoch "leicht" nahe zu bringen,  greift Kondschak selbst zur Mandoline, um gemeinsam mit Tini Stiefelmayer (Violine) die Szenen bänkelsangartig zu begleiten. So wird "Emmas Glück" fast zum unterhaltsamen Roadmovie, bliebe nicht der unausgesprochene philosophische Überbau, der immer wieder den landläufig gebräuchlichen  Glücksbegriff in Frage stellt.  

 

Reich und glücklich 

Emma (Linda Schlepps) ist Schweinehalterin aus Leidenschaft. Sie liebt ihre Tiere, redet mit ihnen, doch wenn ihre Zeit gekommen ist, "streichelt" sie sie in den Tod. Mehr vom Leben erwartet sie nicht, zumal ihr das Glück abhold ist. Ihr Bauernhof steht vor der Pfändung und außer dem Dorfpolizisten Henner (auch den spielt Heiner Kondschak) will kein Mann etwas von ihr wissen. "Herr, lass mich reich werden oder glücklich", betet sie vor dem Einschlafen. Plötzlich  geht beides in Erfüllung. Der sterbenskranke Max überschlägt sich mit einem gestohlenen Ferrari direkt vor Emmas Fenster. Und da sie eine Frau der Tat ist, schleppt sie den bewusstlosen Max in ihr Bett, versteckt klammheimlich die Tüte voller Geld, die er bei sich trägt, im Nachtschränkchen. 

Wie von der Operette abgeschaut, wird die Geschichte vom Bühnenrand aus in den Liedern erzählt, weshalb die Figuren wenig reden müssen und eigentlich auch nur andeutungsweise agieren. Aber durchaus deutlich, mal humorig, mal derb. Das passt zu den angeschnittenen Lebensthemen Arbeit, Liebe und Glück, Krankheit und Tod. Die Figuren sind grob skizziert - ab und an fast klischeehaft. Auf der Bühne hasten  sie zwischen Scheunentor, Schweinestall, Küche und Bett hin und her (Bühne: Ilona Lenk). Emmas kleine Welt, durch die Linda Schlepps - tatkräftig zupackend und Gummistiefel bewehrt - schreitet. Ihre finanziell brenzlige Situation ignorierend, hofft sie immer auf ein Wunder. So wortkarg sie ist, so wortreich sorgt Henne mit Mandolinen-Unterstützung für Atmosphäre, erklärt, erzählt, singt und greift immer wieder in das Geschehen ein. Nur - seine Aufmachung  als  höchst nachlässig gekleideter Dorfpolizist wird im Zusammenhang nicht ganz klar.

 

Spiel mir das Lied vom Tod  

Die Situation auf dem Hof ändert sich mit Max´ Unfall.  Eigentlich wollte er seine letzten Tage  mit dem gestohlenen (Schwarz-) Geld seines Chefs in Mexiko verbringen. Die Flucht endet bei Emma: Bei ihr findet er allen Schmerzen zum Trotz, das Glück, nach dem er sich - wie Emma - so lange gesehnt hat.

Bei Emma findet er Verständnis und Trost: "Schlimm ist die Angst vor dem Tod, nicht der Tod selbst." Hilfe ist das freilich nicht, auch Emmas Lebenslust und ihre Gefühle für Max  können diesen nicht heilen. Glücklich sind beide dennoch, auch wenn sie realisieren müssen, dass ihre Liebe keine Zukunft hat. Emma steht Max bis zur letzten Konsequenz bei, so wie sie ihren Schweinen beim Sterben beisteht - schließlich ist sie Fachfrau für sanftes Sterben. 

In diesem märchenhaften Stück kann es kein klassisches Happy End geben. Für Emma ist die Erinnerung an das kurze Glück mit Max indes wertvoll genug, um sich über seinen Tod hinweg zu trösten. Wobei Heiner Kondschak Claudia Schreibers traurige Geschichte von Glück und Tod auf eine zugleich humorige wie ernste Ebene hebt. Darauf müssen sich die Zuschauer einlassen. Sozusagen als außenstehende Beobachter, die sich immer wieder der eigentlichen Bedeutung des Stückes vergewissern müssen, denn Emmas aktive "Sterbehilfe", ihre letzte verzweifelte Liebestat, wirft ethische Fragen über den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod auf.

 

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Aalener Kulturjournal