Aalens Theaterring bittet Martinus Luther auf die Bühne

"Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“

Noch ein Luther-Stück? Lieferte das abgelaufene 500-Jahre-Thesen-Anschlag-Jubiläumsjahr nicht schon zahlreiche Veranstaltungen solcher Art - von der Literatur bis hin zur Musik? Als Aalener Schlusspunkt bat der Theaterring das Münchner Ensemble "Theaterlust" auf die Stadthallenbühne, um abermals einen Einblick in das Leben des "Martinus Luther" zu geben. Nach dem Willen des Berliner Autors John von Düffel einen recht persönlichen, will er doch das Zwiespältige des Menschen Luther ans Tageslicht holen. Regisseur Thomas Luft macht  daraus eine zweistündige Inszenierung, ein Luther-Psychogramm, das insbesondere im ersten Teil viel Stehvermögen vom Publikum abverlangt, im zweiten indes nicht minder harte Kost serviert.

Dennoch: Die drei Schauspieler Sebastian Gerasch, Anja Klawun und Thomas Kügel

bewältigen auf bemerkenswerte Weise  Gewaltiges.

Bekanntermaßen ist das Schöne am Theater, dass es Edles wie Profanes, Anspruchsloses wie Pathetisches mühelos zusammenführen kann. Das Große bei Luther selbstredend der Thesenanschlag, mit welchem er die Weltgeschichte verändert; das Kleine: die Sinnsuche des jungen Augustinermönchs. Von Düffel geht allerdings in seinem Schauspiel noch weiter, da er ein recht befremdliches Bild des alten Luthers formt.

Ein Psychogramm, das spaltet

Die Situation auf der dunklen Bühne ist schwer erträglich. Der junge Luther wälzt sich heulend und schreiend über den mit einem beleuchteten Kruzifix bedeckten Boden. Keine Bühnendekoration lenkt ab von den wie im Fieberwahn geschrienen Worten. Mit den selbstquälerischen Monologen schafft sich der junge Luther sein Martyrium. Verzweifelt und innerlich zerrissen, kämpft er mit sich, gegen seine Sexualität, rebelliert gegen den Vater, der für den Sohn eine Karriere als Jurist plant. Ein heftiges Gewitters hat ihm einen Strich durch diese Rechnung gemacht; Todesängste ließen  Martin Luther das Gelübde ablegen, Bettelmönch zu werden. 

Der Eintritt ins Kloster, die Auseinandersetzung mit dem enttäuschten Vater, die Abkehr von der Welt. Eine Entwicklung, an deren Ende der Widerstand gegen überkommene Autoritäten, namentlich gegen die höchste Macht, den Papst, steht. Eine Auseinandersetzung folgt, die  mit der Kirchenspaltung endet, was der historische Luther nie gewollt hat.

Der zweifelnde junge Luther bekommt es mit dieser machtbewussten Kirche, deren Glaubenssätze wie Handeln er in Frage stellt, zu tun. Der auf der Bühne zitierte Satz des Ablasspredigers Johannes Tetzel "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt" treibt den Mönch zur Weißglut, da er hierin einen Missbrauch des christlichen Glaubens erkennt. Damit beginnt Luthers Weg, die innere Freiheit des Christenmenschen zu propagieren ohne Rücksicht auf institutionelle Ansprüche. Allerdings nie politisch begriffen.

Wie Luther wurde, was er war; und wie er aufhörte, Luther zu sein.

Teil zwei spiegelt die persönliche Perspektive des Autors: Luthers Rolle geht nun von Sebastian Gerasch (junger Luther) auf Thomas Kügel über, der den alten Reformator spielt, den übersättigten, kranken, verbitterten. Einer, der nur noch der Schatten seiner selbst ist. Ein hartherziger alter Mann, der seine Frau Käthe ebenso plagt wie seine Mitmenschen; Anja Klawun gibt die resolute Katharina Luther, die ihren Mann vor sich selbst  und der Welt schützen will. Luthers Ideale sind längst zerbrochen, gescheitert an der kirchlichen wie weltlichen Macht. 

Für den Autor liegt hier der eigentliche Grundgedanke: Wie Luther wurde, was er war; und wie er aufhörte, Luther zu sein. 

Was jedoch in dem Schauspiel wenig deutlich wird. Luther  bleibt fremd, wirkt am Ende wie ein desillusionierter Spießer, dem sein einstiges Anliegen abhanden gekommen ist. Wie historisch dies gesehen werden kann, bleibt offen. Wer in Lyndal Ropers Biographie „Der Mensch Martin Luther“ nachliest, findet einen Reformator, der immer wieder tatsächlich in Glaubenskrisen stürzt, geplagt von Zusammenbrüchen und Depressionen. 

Auch von  Schuldgefühlen, wie sie Düffel schon dem jungen Luther zuschreibt.  Lyndal Roper sieht darin die Ursache für die entsetzlichen Hassexzesse gegen seine Feinde, allen voran die  Juden, und für Luthers pathologisch wirkende Verbohrtheit. Bei Roper ist auch zu lesen, dass eine katholische Schrift beißend unterstellt habe, dass Luther eigentlich an den Folgen eines seiner vielen Fressgelage gestorben sei. Hier kommt man wieder zusammen mit von Düffel.

An Luther scheiden sich eben die Geister.

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Aalener Kulturjournal