Landesbühne Rheinland-Pfalz: Oskar Schindlers Liste

„Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt“

Bereits vor 25 Jahren setzte Filmemacher Steven Spielberg mit dem Holocaust-Drama "Schindlers Liste" dem historischen Oskar Schindler ein Denkmal. Zu seinem 110. Geburtstag  dramatisierte Florian Battermann die Geschichte. 1999 habe er im Spiegel einen Artikel über  den Fund eines Koffers von Oskar Schindler auf einem Hildesheimer Dachboden gelesen. Das Thema habe ihn  nicht mehr losgelassen. Deshalb beginne und ende sein Stück auf diesem Dachboden, schreibt Battermann auf der Seite der Landesbühne Rheinland-Pfalz. Mit einer äußerst bewegenden Inszenierung von Lajos Wenzel gastierte das Theater in der Aalener Stadthalle.

Anfangsszene: Die Kinder Annemarie Staehrs, der letzten Gefährtin Schindlers, finden bei der Auflösung des elterlichen Haushaltes zufällig die Original-Listen von Schindlers jüdischen Arbeitern samt Fotos und Briefen. Mithilfe von Rückblenden, die sich aus ihren Betrachtungen  ergeben,  wird auf der Bühne diese Zeit lebendig.

Auf „Schindlers Liste“ stehen die Namen von 800 Männern und 300 Frauen, welche er vor der Ermordung in  Konzentrationslagern gerettet hat. Die schier unglaubliche Geschichte des  Oskar Schindler, packend gespielt von Stefan Bockelmann. Frauenheld, Lebemann, NSDAP-Mitglied, weil er, wie er ganz offen zugibt, dabei sein möchte. Im Maßanzug samt pelzbesetztem Mantel.  Kriegsgewinnler und gewiefter Unternehmer, der ungeahnte Chancen, sich zu bereichern, sieht während des NS-Raubzuges in Polen. 1939 wird die Deutsche Umsiedlungs-Treuhand gegründet, geleitet von Heinrich Himmler höchstpersönlich, welche  gemeinsam mit der SS  den Besitz von Millionen Menschen raubt,  um sie an sogenannte Volksdeutsche zu "verkaufen".

Kriegsgewinnler

Schindler, der 1939 nach Krakau kommt, um Geschäfte zu machen, wird ein profitabler Betrieb angeboten. Nichtjüdische und jüdische Polen werden als Zwangsarbeiter missbraucht. Schindlers Kommentar wenige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht: "Ich habe nichts gegen Juden, wenn sie mir nützlich sind."  Gut sei er zu "seinen" Juden gewesen, weil er reich mit ihnen geworden sei, sagt im Stück einer der Zwangsarbeiter. Zunächst durchaus auf seinen Vorteil bedacht, beginnt sich Oskar Schindler zu wandeln, als er Zeuge eines Massakers wird.

Mit großer Sensibilität beleuchtet Lajos Wenzels Inszenierung Motive und Wesen des schillernden Menschen Oskar Schindler. Nicht nur schöne Frauen liebt er, sondern auch Hennessy-Cognac, englische Zigaretten.

Auf dem Schwarzmarkt besorgt und äußerst willkommen als Bestechungs-Geschenke bei korrupten SS-Männern. Schindler, weiß wie er mit den Vertretern des Regimes umzugehen hat; so punktet er mit dem blutroten Parteiabzeichen,  dem Blutorden der NSDAP, an seinem Revers. Wie auch die unteren Chargen stramm stehen, wenn er auf seine Verbindungen nach ganz oben verweist. Er ist "kein Engel", so Herr Bankier (Dimitri Tellis), der ehemalige jüdische Besitzer der Emailwarenfabrik, der für Schindler die Geschäfte führt, aber ergänzt, "um in der Hölle zu bestehen", braucht es ein "Patt mit dem Teufel".

Die jüdischen Zwangsarbeiter können mithilfe eines „Blauscheins", der sie als  „kriegswichtige Arbeiter“ ausweist, das Ghetto  verlassen, um zur Fabrik zu gelangen. Der  Buchhalter Itzhak Stern (Hannes Ducke) und Oskar Schindler stellen im Stück die Namen auf der rettenden Liste zusammen, was allerdings nicht ganz den historischen Tatsachen entspricht.

Patt mit dem Teufel

Februar 1943 übernimmt  SS-Hauptsturmführer Amon Göth, großartig von Armin Riahi gespielt, der Schlächter von Plaszow, das Zwangsarbeitslager bei Krakau, beutet die Häftlinge gnadenlos aus, bereichert sich selbstredend.  Im Unterhemd und Sporthosen steht er auf  dem Balkon seiner Lagervilla, um willkürlich Gefangene zu erschießen. Oder beim Gang durchs Lager zieht er grundlos die Pistole, ermordet Häftlinge. Schindler nimmt wegen seiner jüdischen  Arbeitskräfte Kontakt mit Göth auf, versorgt ihn mit Alkohol und Zigaretten, bleibt dennoch souverän. Die Beiden "freunden" sich an, duzen sich sogar. Auch in Wirklichkeit.

 Schindler riskiert sein Leben, setzt sein ganzes Vermögen ein. Mehrmals wird er verhaftet. In einer atemberaubenden Aktion gelingt es  ihm, Zwangsarbeiterinnen, die "Schindler-Frauen", fast alle aus Auschwitz zurückzuholen. Indem er sie freikauft.

Während in Spielbergs Film Schindlers Frau Emilie (Astrid Straßburger) nicht vorkommt,  zeigt Florian Battermann die historische Realität. "Sie versorgte uns mit Essen. Ihr Mann war der Prinz, der sich nicht um solche Kleinigkeiten kümmerte. Sie aber schmuggelte auch die Brillanten nach Berlin, um die 'Schindler-Jüdinnen', die nach Auschwitz deportiert wurden, zurückzuholen", wird ein Überlebender erzählen (Spiegel Online 28.10.2016).  

Karg ist die Bühne ausgestattet (Bühnenbild: Tom Grasshof).  Vergrößerte Abbildungen der  Originallisten mit den Namen der „Schindler-Juden“ an den Wänden. Rohe Lattengestelle erinnern an KZ-Baracken, an  die Unfreiheit im NS-Regime. Kurze Szenen geben Einblick in das Geschehen, Musik der 30er Jahre und Klezmer begleiten, dramatisieren eindringlich die Begebenheiten auf der Bühne.  Rotes und blaues Licht verdichtet die Szenen.

„Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt“, heißt es in der Schlussszene des  exzellenten  Theaterstücks, welches so eindringlich diese Zeit des Grauens beleuchtet.

Die Theaterfigur Oskar Schindler wirkt am Ende des Stücks wie ein gebrochener Mann. Der historische Schindler kann nach dem Krieg als Geschäftsmann nicht mehr Fuß fassen. Verarmt, unterstützt von  jüdischen Hilfsorganisationen, stirbt er  1974 in Hildesheim.

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Aalener Kulturjournal