Modern Dance mit der Posterino Dance Company

What if / Zwischen Himmel und Dir

Im Foyer der Aalener Stadthalle wirbt ein Plakat für das Weihnachtsballett. Tschaikowskis "Schwanensee". Selbstverständlich ganz klassisch, mit Eleven im weißen Tutu und gänzlich auf Spitze. Den Besuchern an diesem Tanzabend steht allerdings ganz anderes bevor. Als vor genau einem Jahr die Münchner "Posterino Dance Company" in der Aalener Stadthalle der Aufforderung "Love me if you can!" nachkam, zeigte sich das Publikum von dieser Art `Modern Dance´ begeistert. Jünger, frischer, vielleicht auch cooler! Verständlich also, dass das Kulturamt der Stadt umgehend Grünes Licht für eine Fortführung der neuen Aalener Tanzreihe "imPuls" gab, die in ihrer zweiten Auflage nun zu "What if / Zwischen Himmel und Dir" lud. 

Modern Dance und Ballett, das klingt zunächst wie Himmel und Hölle. Doch der Unterschied ist bei genauerer Betrachtung nicht so wesentlich, wie man vielleicht annehmen könnte. Zumal der zeitgenössische Tanz mit einem Mix aus schnellen und harten, aber auch fließenden und weichen Bewegungen wie das klassische Ballett für schöne und harmonische Bilder sorgt. Hier, wo verschiedenste Tanzstile vom Jazztanz über Hip-Hop und Break Dance einfließen, finden sich indes auch viele Anleihen aus dem klassischen Ballett wieder. 

Noch längst keine Tradition in Aalen, aber auf einem guten Weg dahin ist die Programmatik, die der Münchner Choreograph Gaetano Posterino der Aalener Tanzreihe "imPuls" verleihen möchte. Mit seiner Compagnie (Lui Nagase, Annalisa Piccolo, Clara Plausteiner, Bernardo

Pereira Ribeiro, Davide Troiani, Gabriel Wanka) erobert er sich an der Kocherbucht den öffentlichen Raum mit Flash Mob Dance, Workshops und eben mit den Aufführungen in der Stadthalle.

Tanzereignisse, denen er den Habitus eines frischen wie experimentierfreudigen Phänomens überstülpt.  Eine sich im Tanz widerspiegelnde introspektive Bewegungssuche, die sich in ihrer Fragestellung nach spannenden Ausdrucksformen einer modernen Diktion befleißigt, um so dem Tanz neue Räume zu eröffnen. Posterino vermittelt seine ästhetische Erfahrung über eine Choreographie, die unter anderem auf literarische, performative und soziologische Ansätze zurückgreift.

Im französischsprachigen Raum bevorzugt man dafür eher den Begriff "Danse contemporaine" als "Modern Dance". So kommt der dem klassischen Ballett diametral  entgegengesetzte Stil deutlicher zum Ausdruck, der weniger von technischer Brillanz als von

prinzipieller Offenheit allem Neuen gegenüber geprägt ist. Gaetano Posterino betonte dies bereits vor einem Jahr bei  "Love me if you can!" und hebt es heuer insbesondere im zweiten Teil, bei "Zwischen Himmel und Dir" hervor. Er verzichtet auf jedwede Kulisse. Seine drei Tänzerinnen und drei Tänzer agieren im leeren Raum einer schwarzen Bühne. In einen Lichtkegel gehüllt, von Spotlights eingefangen, folgen sie einem kaum erkennbaren choreographischen Faden. Vieles wirkt spontan und impulsiv, verstärkt durch eine Musik aus dem Off. Diffizil kommentiert sie das jeweilige tänzerische Ereignis auf der Bühne, neigt zugleich zur Interpretation der Tanzschritte. So darf ein Cello im Stile des 19. Jahrhunderts nach "Amour fou" fragen, dem "Was wäre wenn!" huldigen.

Immer dreht sich die Frage darum, was geschehen könnte, wenn man erlaubt, das zu tun, worauf man in diesem Augenblick Lust hat. Eine höchst heikle Frage, denn Pippi Langstrumpfs "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt" führt angesichts von 7,5 Milliarden Individuen eben nicht in eine bessere Zukunft. Auch auf die Gefahr hin, dass  dem Einzelnen viel Leben abhandenkommen kann, nur weil er nicht den Mut aufbringt, zu tun, was er möglicherweise wirklich will. Posterinos Tänzer stellen so die protegierte Spontaneität in den Mittelpunkt, ohne zu vergessen, dass "What if" eigentlich eine absurde hypothetische Frage ist.

Im zweiten Teil - "Zwischen Himmel und Dir" -  spürt er der legendär gewordenen Distanz zu sich und zu anderen nach, zeigt Liebe und Gewalt als zwei Seiten einer Medaille. Zugleich geht es um ein Sich-Fremd-fühlen im eigenen Körper und gegenüber der Welt. Und um die Reaktion darauf.

Während sich die Tänzer im amourösen beziehungsweise im sportlichen Zweikampf messen, fällt ein kakophones Klanggewitter undefinierbarer Herkunft über sie herein. Heftigste Hip-Hop-Beats greifen Raum, provozieren die Akteure zum Überschreiten von und eigener Grenzen. Eine sichtliche Herausforderung an die Tänzer, zumal Gaetano ihnen den Auftrag mit auf die Bühne gegeben hat, die Handlungen und Gefühle der Charaktere - den körperlichen Ausdruck an vorderste Stelle setzend - in erkenn- und deutbaren Tanzfiguren darzustellen. Arabesque, Attitude, Ballotté  - fließend, stockend, empfindsam und rau wirkende Tanzschritte und -posen - wechseln sich mal rasch, mal wie in Zeitlupentempo ab.

Ein erkennbarer Wechsel von Körperanspannung und -entspannung, bei gleichzeitiger Entbindung von jedweder Schwerkraft.  Daraus ergibt sich ein Gesamtbild von Dynamik und Ausdruck. Höchst  bemerkenswert, wunderbar harmonisch und ansprechend artifiziell.

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal