Theaterring Aalen: Gastspiel der Württembergischen Landesbühne

Von alten Kommunarden und jungen Wohngemeinschaftlern

"Ihr habt doch die Pausentaste schon vor 30 Jahren gedrückt", bekommen die Neuen zu hören und "Ihr seid doch eine Tattergreis WG!". So haben sich Anne, Eddi und Johannes ihre neue Freiheit nicht vorgestellt. Fünf Jahrzehnte nach 68 wollen sie alles nochmals von vorne ablaufen lassen. Die alten WG-Zeiten, das hippe Kommunardenleben, die Musik. Und Supertramp sowieso. Denn das ist Lebensgefühl! Authentisches. Da darf selbst Rex Gildos "Fiesta, Fiesta Mexicana" nicht fehlen, dieser Ausbund an Jungbrunnen, der Alltag und Sorgen schnell vergessen lässt. Statt Tequila spricht das Alters-Trio allerdings dem Rotwein zu. Zumal die neue Wohnung vieles ermöglicht, was bisher nicht denkbar war.

Vor Lebenslust scheinen die Drei tatsächlich nur so zu sprühen: Singen, Tanzen, über Gott und die Welt schwatzen. Warum nicht die Nachbarn von nebenan mit einbeziehen? Immerhin auch eine WG. Studenten. Ganz wie früher, denken sich die Alten. Doch hier irren sie sich gewaltig, denn nebenan sitzen eben keine gleichgesinnten Klone flippiger Alt-68.

Lebenslustig sind sie durchaus, die da so laut und ungestüm auf die Bühne kommen und unvermittelt vor dem strebsam lernenden Studententrio stehen. Der Zufall wollte es, dass beide WGs Tür an Tür liegen, mit all den klischeebeladenen Vor- und Nachteilen. Vermutet werden darf, dass Letztere überwiegen. Die einen, die älteren Semester kosten ihr letztes Lebensdrittel so richtig aus, die anderen suchen klösterliche Stille, um bis in die Nacht zu büffeln, da nur so die raren Jobs für ein gutes Leben zu erreichen sind.

Katharina, Barbara und Thorsten sitzen auf dem Sofa, Laptop auf den Knien. Alle stehen vor dem Examen, entsprechend wird gearbeitet. Jede Störung gleicht einer kleinen Katastrophe. Die Rockmusik der Neuen von nebenan sowieso. Wen wundert es, dass man sich gegenseitig schnell auf die Nerven geht, über Lärmbelästigung und mangelnde Sauberkeit im Treppenhaus klagt, sich über die ansonsten üblichen Kleinigkeiten streitet.

Regisseur Klaus-Dieter Köhler betont auch solch brenzlige Situation musikalisch, hier mit dem "Trio"-Schlager "Da Da Da - ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht". Da liegt Udo Jürgens mit seinen ausgeflippten Alten ("Mit 66 Jahren") nicht weit, nur dass solcherart gepolte

Zeitgenossen eben nicht mehr in den heutigen Neoliberalismus passen, der vom Nachwuchs Egoismus und Strebsamkeit verlangt. Nicht nach anderen oder gar nach dem eigenen Wohlleben schauen, sondern an Karriere denken.  Bei Autor Westhoff erscheint dies nur auf den ersten Blick als Inbegriff des spießigen Kleinbürgertums, darf doch nicht vergessen werden, dass generationenmäßig die ehrgeizigen Studenten die Enkel der  umtriebigen Alt-Kommunarden sein könnten. Entsprechend lebensnah kommt dieses komödiantischen Spiel über das Zusammenleben mehrerer Generationen daher, wobei unterschwellig all die unvermeidlichen  Widersprüche hervorblitzen, in der Bühnenfassung letztlich aber unter dem Teppich bleiben.

Lohnenswert übrigens ein Blick auf die Kulisse, kommt doch diese höchst minimalistisch daher. Ein übergroßes Sofa steht für die beiden WG-Welten. Die Protagonisten laufen drumherum, sitzen mal in dieser, mal in jener Ecke und dennoch weiß man immer, wer gerade wo und in welcher die Wohnung ist. Phantasie an die Macht - in diesem konservativ progressivem Alltag bewahrheitet sich der alte Spontispruch, auch weil er in Köhlers Inszenierung so schön funktioniert.  Was nicht zuletzt an den Schauspielern liegt. Gesine Hannemann gefällt als Anne mit ihrer Spontaneität, Lothar Bobbe als Johannes, einst Rechtsanwalt für Arme, jetzt kümmert er sich um die überforderte Jura-Studentin, und schließlich Achim Hall, als Eddi, zuständig für Lebenshilfe.  

Im Vergleich zu den Dreien bleiben die Charaktere der Jungen (Barbara Dussler, Sofie Alice Miller, Felix Jeiter) etwas blass. Mehr Fülle wäre allerdings nur mit der Kritik an den Lebensumständen junger Menschen möglich gewesen. Nur en passant  werden Themen wie steigende Mieten, zu niedrige Renten angerissen.  Mehr wollte Jürgen Popig (Bühnenfassung) nicht in dieser doch luftigen wie unbeschwerten Komödie haben. Dafür beweist er ein feines Gespür für komische, aber zugleich authentische wirkende Situationen, für den unfreiwillig humorigen Tonfall, der die komischen Absurditäten menschlichen Zusammenlebens offenbart und zugleich  Glaubwürdigkeit verleiht. Das macht das Stück und seine Protagonisten so sympathisch.

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Aalener Kulturjournal