Aalens Stadttheater thematisiert in der Spielzeit 19/20 die "Inneren Sicherheit"

"Es schaudert mich, wenn ich denke, daß sich die Welt in einem Tag herumdreht."

Treffpunkt Kulturbahnhof. Wobei - allzu viel ist davon derzeit allerdings noch nicht zu sehen. Von fleißiger Arbeitskultur schon. Die kann freilich nicht hoch genug bewertet werden, siehe Berliner Hauptstadtflughafen. Zugegeben, kein Vergleich! Ist doch in Aalen kleiner, aber es funktioniert.

Unübersehbar: Der Rohbau steht! Davor wartend die Schauspieler des Stadttheaters samt Gefolge. Styropor türmt sich, strahlt irgendwie etwas Wärme ab. Nur wenige Schritte entfernt, das künftige Zentrum Aalener Theatersehnsucht: der große Saal. Derzeit noch viel Beton, alles Grau in Grau und richtig kalt.

Der Fotograf einer Lokalzeitung braucht für sein Blättchen ein Familienfoto. Von einer Leiter herab sucht er vergeblich nach einer günstigen Position. Gibt Kommandos, warum auch immer in Englisch. Hört sich stylisch an, sorgt indes für Chaos. Das ist für die einen zwar lustig, die anderen fragen sich jedoch, was der eigentlich wolle.

Winfried Tobias muss eingreifen. Der Theatermann bringt System ins das Schauspielergewirr. Ruckzuck sind nun die Fotos gemacht, der Bürgermeister darf auch mit aufs Bild.

Der Wind pfeift durch die Fensterhöhlen. Die Presse friert, die Schauspieler haben mehr Glück, sie dürfen nach dem Shooting nach Hause.  

Die Initiatoren der kalten Pressekonferenz  (und die Presse) müssen indes bleiben, schließlich wollen sie die Arbeit des Theaters loben (zuständig: Kulturbürgermeister Karl-Heinz Ehrmann) beziehungsweise das Programm der kommenden Spielzeit vorstellen, die Aufgabe übernimmt der innere Führungszirkel (Tina Brüggemann, Tonio Kleinknecht und Winfried Tobias).   

Das Theater habe in der Stadt seit seinem Bestehen einen großen Stein ins Rollen gebracht, hebt der Kulturbürgermeister an. Die Bauarbeiter in der Nähe scheinen dies wörtlich zu nehmen, beginnen sie doch mit Bohren, Hämmern und Sägen. So lautstark, dass die Hommage im Lärm untergeht.  Aber, was wäre ein Bürgermeister ohne Amtsautorität. Wenige Worte genügen, dann herrscht wieder Ruhe. Theater sei nichts Statisches, sondern setze gesellschaftliche Impulse, kann Ehrmann nun ungestört feststellen. 

Die Reihe ist an Intendant Kleinknecht. Die kommende Saison stehe unter dem Oberbegriff "Innere Sicherheit", verkündet er, sorgt  damit bei jedem seiner Zuhörer für andere Gedankenspiele. Angesichts des in der Spielzeit 2019/2020 bevorstehenden Umzugs in den neuen Kulturbahnhof sei auch ein Aufbruch in Neues verbunden, präzisiert er. "Theater beschäftigt sich immer mit der Frage, was die Menschen umtreibe." Ein wichtiger Aspekt dabei sei, dass die gefühlte Sicherheit zurückgehe. Gerade deshalb sei Theater als Ort gesellschaftlichen Austauschs so unentbehrlich. Besonders zum Ausdruck solle dies in den szenischen Lesungen und Autorengespräche kommen.

Die programmatische Zielrichtung für die neue Saison ist somit vorgegeben. Was folgt, sind die Details, sprich die einzelnen Vorstellungen und die sehen wie folgt aus:

(Text: Theater Aalen)

INNERE SICHERHEIT

 

Die kommende Spielzeit am Theater der Stadt Aalen steht nicht nur im Zeichen dreier Uraufführungen, sondern auch des Übergangs in den Kulturbahnhof. Sie  ist also stärker als sonst ein Aufbruch ins Neue. Um jetzt aus Ungewissheiten Möglichkeiten zu machen, ist es besonders wichtig, sich seiner Selbst gewiss zu sein. Insofern steht die kommende Spielzeit unter dem Motto „Innere Sicherheit“, sie diskutiert in Stücken, Lesungen und Gesprächen Menschenrechte und Menschenpflichten (Assmann) und beinhaltet die hoffentlich lustvolle Aufforderung an uns alle, sich der Vielfalt und Komplexität unserer Welt im Kleinen und im Großen zu stellen.

 

WING SUIT (UA)

Uraufführung von Lisa Sommerfeld

 „Wing suit“ ist eine Uraufführung von Lisa Sommerfeld und  ihr erstes Stück für Erwachsene. Was passiert in einer Dreiecksbeziehung, wenn Zurückhaltung und Empathie nicht gepflegt, sondern abgetan werden? Die gegenseitigen Ansprüche führen sowohl das Paar als auch die Geliebte direkt in eine emotionale Sackgasse. Ungebremst krachen ihre Gefühle aufeinander und jede*r von ihnen erlebt ungefiltert das existenzialistische Postulat: „Die Hölle, das sind die anderen.“ (Jean Paul Sartre: Geschlossenen Gesellschaft)

 

Premiere | Samstag, 28.09.2019, 20 Uhr, Wi.Z

 

                                                                                                   

BAM! Ich bin glücklich (UA)

Uraufführung von Lorenz Hippe| für Menschen ab 8 Jahren

 „Theater muss sein wie ein Computerspiel!“ Mit diesem Auftrag eines kindlichen Theatergängers hat sich Autor Lorenz Hippe zusammen mit dem Theater in Aalener Schulen auf den Weg gemacht, zahlreiche Interviews mit Schüler*innen geführt und auch mit Sozialarbeiterinnen und Suchtexperten gesprochen. Es geht dabei um Glücksmomente und digitale Welterfahrung, Ziel ist ein Stück, bei dessen Aufführung das Publikum stärker beteiligt ist als sonst meistens üblich. Zuschauer*innen werden zu User*innen. Was ändert das am Theatererlebnis? Entwicklung von „Bang!“ wird Rahmen von „Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater“, ein  Kooperationsprojekt des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der BRD und des Deutschen Literaturfonds e.V., mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Premiere | Sonntag, 13.10.2019, 15 Uhr, Wi.Z

 

WARTE NICHT AUF DEN MARLBORO MAN (UA)

Uraufführung von Olivier Garofalo

„Warte nicht auf den Marlboro Man“ umkreist die innere Sicherheit auf ganz besondere Weise: Im Vertrieb der Waffenproduktion arbeitend findet sich die Protagonistin Sarah unversehens auf einem Krankenhausflur wieder. Ihr Lebensgefährte hatte einen Motorradunfall und so trifft sie dort auf Pedro, den Anführer seiner Motorradclique, der sich fast mehr sorgt als sie. Sarah wird übers Handy immer wieder von ihrem Büro gefordert, ein wichtiger Deal steht aus und so ist sie hin und hergerissen zwischen Pedros Beschreibungen seiner Ameisenkolonien, der Reflexion ihrer Beziehung zur Arbeit, zu ihrem Freund und dem Wert von Arbeit für die Gesellschaft allgemein. Sicher ist dabei bald kaum mehr etwas, vor allem durch die außergewöhnliche Sprachbehandlung des jungen Autors.

 

Premiere | Samstag, 19.10.2019, 20 Uhr, Altes Rathaus

 

ZWEI TAUBEN FÜR ASCHENPUTTEL

von Catharina Fillers und Stefanie Schnitzler | für Menschen ab 6 Jahren

Einem Mädchen ist die Mutter gestorben. Die neue Frau und die Stiefschwester, die der Vater ins Haus holt, erweisen sich als böse und gemein. Klar, dass sie das Mädchen nicht zum Ball des Prinzen gehen lassen wollen. Aber da sind ja noch die freundlichen Tauben, die ihr tatkräftig zur Seite stehen... „Aschenputtel“ gehört zu den populärsten Märchen überhaupt. Und auch in der Fassung von Fillers/ Schnitzler, die den Stoff in einer einfallsreichen Mischung aus dem Grimm‘schen Original und einem sehr heutigen Ton erzählt, siegt am Ende das Gute über das Böse und das Mädchen, das seine innere Sicherheit aus dem Zuspruch seiner Freunde, der Tauben, gewinnt, bekommt seinen Prinzen. Gespielt wird das Stück in Aalen in der (Vor)Weihnachtszeit.

 

Premiere | Sonntag, 24.11.2019, 15 Uhr, Wi.Z

 

 

KLEINE EHEVERBRECHEN
Komödie von Eric-Emmanuel Schmidt

Gilles und Lisa sind ein Paar, ohne Kinder und scheinbar ohne Sorgen. Bis Gilles bei einem Unfall sein Gedächtnis verliert. Als jetzt Lisa ihn nach einem Klinikaufenthalt zurück in die gemeinsame Wohnung bringt, stellt er alles in Frage. Ist sie wirklich seine Frau? Das wundervolle Bild, das sie von ihm zeichnet, wirklich er? Lustvoll und pointenreich ringen die beiden um Sicherheit, als der Abend eine sehr überraschende Wendung nimmt.

 

Premiere | Samstag, 07.12.2019, 20 Uhr, Altes Rathaus

 


DIE JUNGFRAU VON ORLEANS oder JOHANNA IM RATSSAAL

frei nach Friedrich Schiller

2025: Die politische Situation in Aalen ist unübersichtlich. Der Oberbürgermeister schweigt seit Monaten. Der Gemeinderat ist heillos zerstritten, die meisten Mitglieder fraktionslos. Aber haben die (Volks-)Parteien nicht eh ausgedient? Muss es im Rathaus überhaupt noch einen Gemeinderat geben, wenn die klare Benennung von Freund und Feind via Twitter die endlos öden Debatten eh abgelöst hat?  

Im großen Sitzungssaal erscheint ein besonderer Gast: Johanna von Orleans. Ist sie nun Gesandte Gottes oder nur ein verwirrtes Hirtenmädchen? Will sie das Land retten, oder nur nicht verheiratet werden? Und warum verliebt sie sich in den Feind?

 

Premiere | Samstag, 01.02.2020, 20 Uhr, Rathaus

 

DAS HEIMATKLEID

Jugendstück von Kirsten Fuchs | für Menschen ab 14 Jahren

Schläge und Tritte dröhnen von außen gegen die Wohnungstür, Claire stemmt sich dagegen. Sie sollte eigentlich nur während der Abwesenheit Ihrer Schwester Luise deren Hund Flocke die  Wohnung hüten und außerdem Luises' Modeblog „Fashionopfer“ betreuen. Nun sieht sie sich nach einem Interview mit dem Modelabel „Heimatkleid“ mit Nazi-Vorwürfen konfrontiert. Dann wird auch noch Flocke vergiftet, der neue Nachbar, ein syrischer Flüchtling, der Tat verdächtigt und in dem Mietshaus kocht die Stimmung hoch...
„Heimatkleid“ beleuchtet rechtspopulistische Diskurse um Globalisierungskritik, Identität und Überfremdungsängste und sucht im Bild der Hausgemeinschaft nach Erfahrungen und Grundsätzen des zivilen Miteinanders.Premiere |

 

Freitag, 15.02.2020, 20 Uhr, Altes Rathaus

 

LEONCE UND LENA

Lustspiel von Georg Büchner

Leonce ist so jung wie gelangweilt vom Leben, erst als sein Vater ihn zu einer Hochzeit zwingen will, wird er wieder aktiv und flieht mit seinem Freund Valerio nach Italien. Nach dem Übertritt von unzähligen innerdeutschen Grenzen treffen sie in der südlichen Sonne zwei überaus reizende Frauen. Lena, die eine, flieht vor dem gleichen Schicksal wie Leonce und sie verlieben sich, ohne zu ahnen, dass sie die beiden füreinander bestimmten sind. Zurück am Hof, wird ihre Hochzeit beschlossen. Und der zum Minister ernannte Valerio verfügt:  „daß Jeder der sich rühmt sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!“  Geschickt verknüpfte Büchner in seinem Stück Elemente der romantischen Komödie mit jenen der politischen Satire. Und schrieb am Ende ein Loblied, auf ein sehr effektives Mittel zur Vermeidung von Gewalt: die Muße.Premiere |

 

Samstag, 27.06.2020, 20:30 Uhr, Schloss Wasseralfingen

 

 

Innere Sicherheit ist im Privaten wie im Politischen die Grundlage für das Gelingen – das Gelingen der Liebe wie eines gesellschaftlichen Klimas von Offenheit und gegenseitigem Respekt. So stehen in der nächsten Spielzeit  auch eine Reihe von Szenischen Lesungen und anderen Kleinformaten mit aktuellen Zeugnissen von Menschen mit beispielhaft hoher innerer Sicherheit oder dem Mut zu öffentlicher Umkehr (z.B. Antoine Leiris: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ und Rachid Benzine „Der Zorn der Feiglinge“) und Theatertexten, die so aktuell wie zeitlos die Dilemmata beleuchten (u.a. Hübner/Nemnitz „Furor“ und William Shakespeare „Die Fremden“) auf dem Programm.

 

Mehr dazu unter www.theateraalen.de

 

Für alle, die es bis hierher geschafft haben, noch ein paar fotografische Impressionen:

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Aalener Kulturjournal