Thomas Scheytts "Blues Colours"

Alte und neue Klassiker aus Blues und Boogie Woogie

Wer zum Konzert gen Schloss Kapfenburg pilgert, kann sich sicher sein, viel mit nach Hause zu nehmen. Beim Accelerando-Auftakt mit Thomas Scheytt waren dies gleich drei bemerkenswerte Dinge: Im Fürstensaal klingt der Blues mehr als prächtig, der Boogie Woogie lebendiger als vermutet. Und Akademiedirektor Erich Hacker verrät, beim Kapfenburg Festival im kommenden Sommer werden die alten Kämpen von Alan Parsons Project ihren Artrock hinter den Burgmauern entfalten. Zur Freude der Altersgenossen! Doch zurück in den Fürstensaal. Der Grund bei gefühlt arktischer Kälte dem nächtlichen Härtsfeld einen Besuch abzustatten  trägt einen ganz anderen Namen: Thomas Scheytt! Der Mann mit Pilzkopffrisur, Oberlippenbart, dunkler Kleidung und Lackschuhen ist an diesem Abend für eine außergewöhnliche One-Man-Show zuständig, die sich sehen, besser hören lassen kann.

Die schwarzen Lackschuhe spielen bei Scheytts Musik übrigens eine durchaus gewichtige Rolle, nicht nur der roten Schürsenkel wegen, sondern weil sie unablässig den Takt geben und für die notwendige Percussionbegleitung sorgen. Der Saal gediegen, der Flügel von Steinway & Sons und die Musik so amerikanisch wie der Blues. Dem verschrieb sich der aus dem schwäbischen Langenau stammende Künstler seit seinem Wechsel von der Kirchenorgel zum Piano. Und dem Boogie Woogie. Diesen musikalischen Zweig des Blues hat auf der Ostalb eigentlich nur noch einer so perfekt im Griff, der Aalener Claus Wengenmayr. Doch wer nun angesichts der beiden Musiker vermutet, Boogie Woogie sei die schwäbische Variante des Blues, irrt. Vielmehr liegen seine Wurzeln in der Jazzmusik und reichen bis in die ländliche Folklore der südlichen USA.

 

Der Ewigkeit verschrieben

Dass dieser Boogie Woogie zugleich die pianistischste Form des Blues ist, belegt Thomas Scheytt visuell und akustisch explizit. Kaum eine Minute sitzt er auf seinem Klavierhocker still, bedient leicht nach vorne gebeugt die schwarz-weißen Tasten, rauscht die Oktaven nach unten, um fast zeitgleich, mit welcher Hand auch immer, auf der Rechten einer musikalisch höher gelegenen Option zu frönen. Teils in kaum nachvollziehbarer Geschwindigkeit, aber ausnahmslos in überschäumender Klangfülle. In einer seiner Improvisationen - der Lebenssaft des Boogie Woogies - scheinen die musikalischen Figuren kein Ende nehmen zu wollen. Immer neue Einfälle, immer neue Variationen, ein immer stetig nach vorne drängender Drive, als ob der Boogie Woogie der Ewigkeit verschrieben wäre. Der kleine und doch so große Unterschied zum Blues folgt auf den Fuß mit einer Komposition von Albert Ammons.

Mit Beiden belegt Scheytt, dass sich das Klavier als Instrument klassischer europäischer Musik durch die Verknüpfung "weißer" und vor allem "schwarzer" Musizierelemente bestens als perkussives Rhythmusinstrument eignet. Wobei angemerkt werden darf, dass Scheytt über eine ausnehmend facettenreiche Fantasie samt großartiger Virtuosität verfügt, um die zwischen Dur und Moll verschliffene Harmonik zu einem raffinierten Blues und Boogie zu verschnüren. Beispielhaft spielt er seine Version von Hans-Jürgen Bocks "Karussell" - eine Musik, welche sich im Gegensatz zu dem älteren Ragtime  durch festgelegte Noten auszeichnet, während Boogie sich über "Hörensagen" verbreitet. Beste Voraussetzung also für die Improvisation.

Blues und Boogie Woogie - eine unendliche Geschichte

Thomas Scheytt liebt das kraftvolle, mitreißende Spiel des Boogie Woogie. Er ist von ihm ebenso überzeugt wie begeistert, rauscht über die Tasten, wendet sich immer wieder freudestrahlend dem Publikum zu. Seinem Boogie Woogie beschert er musikalische Frische und Freiheit, mal scharf akzentuierend, mal mit purzelnden Basselementen. Während die linke Hand präzise einer repetierenden Grundlinie folgt, improvisiert die rechte vergnüglich klingend. Kurzweilige Bluesvariationen, unterlegt mit facettenreichen Trillern, intensiven Tremoli und swingenden Rhythmen, erweisen sich als hochtaktige Gute-Laune-Macher.

In diese Musik habe er sich verliebt, gesteht Thomas Scheytt unumwunden. 

Daraus resultieren teils sehr persönliche Eigenkompositionen wie der "Flower Street Express" - eine amüsante Liebeserklärung des Schwaben an seine badische Wahlheimatstadt Freiburg. Und viel Vergleichbares folgt noch: "Morning Dance", ein munterer Morgentanz, der konträr zum eher klassischen "Out of the Dark" steht. Wie viel Freiheit Blues und Boogie Woogie dem Interpreten lassen, zeigt sich auch bei der "Coverversion" von Ray Charles "Georgia on my Mind" und beim Gospel "Put your Hands" und und und. Blues und Boogie Woogie - für Thomas Scheytt eine unendliche Geschichte.

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Aalener Kulturjournal