Jazzfest:  Trio de Lucs & Dominic Marshall Trio

Zwei auf einen Streich

Teil zwei des Aalener Jazzfests. Diesmal treffen die Musiker ihre Fans in der "Rosa Villa" des THGs, dem derzeitigen Asyl des Kinos am Kocher.  Der "Filmpalast" gibt im Festivalgefüge den Hort des intellektuellen Jazz, besser jener Musik, die die Zuhörer mittels fraktaler Geometrie zu begeistern versteht. Eine auf Komplexität und Geist angelegte Performance, die sich dennoch locker und idealistisch geriert, sich kultiviert asketisch oder auch barock gestalteter musikalischer Figuren widmet. Daran versuchten sich heuer gleich zwei Trios, die eines gemeinsam haben: Die Musiker sind jung (nicht als Kriterium zu verstehen), sie haben sich, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, einen sublimen Jazz ins Portfolio geschrieben und frönen diesem unüberhörbar mit viel Spiellust.

Der Kinosaal vollbesetzt. Wer keinen Stuhl kapern kann, sitzt auf dem Boden. Blaues Licht erhellt die Bühne, das "Trio de Lucs" marschiert im Gänsemarsch ein. Schlagzeug, Bass, Piano. Mit dem Titel "Sacromonte" eröffnen sie ihren Reigen, zeigen von Anbeginn, was ihre Musik ausmacht: differenzierte, stetig wechselnde Rhythmen. Innerhalb dieser verschiedenartig inszenierten Temposchwankungen enthüllen sich vielschichtige wie reizvolle Harmonien und Melodien, ranken sich um tonale Fixpunkte, geben immer wieder Orientierung. Überraschende Einsprengsel bleiben die Ausnahme, zeugen aber von durchdachter Raffinesse. Das klingt erstaunlich eingängig. Alles fließt: Bass, Schlagwerk, Piano. Doch dann teilt sich die Musik. Lukas  Hatzis  (Bass) und Lukas  Jank  (Drums) gehen eigene Wege, Pianist Lukas  Derungs  lauscht, tüftelt dann, akribisch und Note für Note an einer neuen Melodie. Das Lieblingsthema des Trios: Die Nacht, "weil da mehr Dunkelheit sei, meint der Pianist und spricht vom Geheimnis der Meteoriten und Galaxien.

Trio de Lucs

Der Lichtschalter wird wieder umgelegt, Nachtblau ist angesagt, auch die Musik wird dunkler und rätselhafter. Bassist Hatzis zupft die Saiten, das Piano plätschert. Lukas Jank übt sich derweil in kosmischen Klangwelten mit Ansätzen zum Psychedelic Rock. Bemerkens- wie hörenswert! Zumal der Bass dabei erdenschweren Gedanken nachhängt, die auch mal kräftig grooven dürfen, ohne dem musikalischen Timbre die Unverzagtheit zu nehmen. Erst als der Drummer mit dem Besen über die Becken fegt, kehrt  das Trio zum dahinplätschernden Spiel zurück. Erwähnt sei noch "Der Panther", Rainer Maria Rilkes Gedicht von 1902. Lukas  Hatzis  spricht die "Jardin des Plantes"-Verse:  "Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe 
so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt."  Lukas  Derungs setzt am Piano die Lyrik in Noten, als ob es keine tausend Stäbe gäbe. Und erntet rauschenden Applaus.

Dominic J. Marshall Trio

Schnitt. Pause. Die Jazzfreunde genießen kurz die frische Abendluft, derweil sich das nächste Trio auf seinen Gig vorbereitet. Die neue Jazzgeneration geht mit Snapback-Basecup  beziehungsweise mit Huttelihut "in concert". Ein Fingerzeig? Durchaus, auch wenn die schnellen Rhythmen und wechselnden Tempi zunächst nicht allzu viel verraten, doch das Gefühl, hier tut sich etwas Neues auf, lässt die Zuhörer nicht los. Doch die jazzigen Wege bleiben beim englischen "Dominic Marshall Trio" überschaubar wie die Gesten. Der Drummer betrachtet unentwegt die Kinowand, der Bassist blickt auf den Boden und Pianist Dominic J. Marshall kneift während des Spiels die Augen zu. Lebhafter ist die Musik als bei den Kollegen zuvor, lauter, manchmal schriller. Das eine oder andere Lied begleitet Marshall mit Gesang, kein rappender Sprechgesang, mehr gesprochenes Wort. Ihre eigene Richtung schlagen die Drei mit "Mean to me" ein. "I hope you like it", meint Marshall vorab. Vielleicht soll es auch als Warnung verstanden werden, denn über das gemeinsame Fundament fallen gezielte aus dem Keyboard kommende Misstöne als Element jazziger Verfremdung her. Eine Art HipHop-Störfeuer innerhalb herkömmlichen Jazzsounds, in dem sich die einzelnen Instrumente individualisieren, gemeinsam Melodien begründen, um sich zu neuen Ufern aufzumachen. Modern klingende Standards und ideenreiche Arrangements, doch gelegentlich wird Intensität mit Lautstärke gleichgesetzt.

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Aalener Kulturjournal