Begegnungen auf Schloss Kapfenburg   

"Trude Eipperle Rieger"-Preis geht an Noa Beinart und Matthias Winckhler

 Alle Jahre wieder. Besser wäre es vom zwölften Male zu reden, denn so oft wurde auf Schloss Kapfenburg der "Trude Eipperle Rieger"-Preis verliehen, ein Preis für talentierte Gesangskünstler. In keinster Weise vergleichbar mit allseits grassierenden TV-Casting-Shows, würdigt die Auszeichnung vielversprechende junge Künstler aus dem Bereich Liedgesang. Seit der Kompositionskunst eines Robert Schumann und Johannes Brahms genießt dieser beim Publikum eine hervorgehobene Anerkennung, insbesondere seit er im 19. Jahrhundert den Weg von der Hausmusik in den Konzertsaal fand und sich hier durch wechselvolle Zeiten als ein Höhepunkt kultureller Veranstaltungen behaupten konnte. Fast aktuell und deshalb noch in guter Erinnerung - Hanna-Elisabeth Müllers Auftritt bei der Eröffnung der Hamburger Elb-Philharmonie. Aus der Oper kommend gehört das Herz der Sopranistin eigenem Bekunden nach ganz dem Liedgesang. Schubert, Schumann, Wolf, Alban Berg und Richard Strauß liefern ihr Musik und Text für eine ausgewählte wie feinsinnige Sicht auf die Welt. 

Liebe, Sehnsucht und Weltschmerz gehören dazu

Ein schönes Beispiel, aber zugleich auch ein Beweis, dass das Genre immer begabter Nachwuchssänger bedarf. Künstler wie Noa Beinart und Matthias Winckhler, die den diesjährigen "Trude Eipperle Rieger"-Preis gewannen. Zurecht, wie das Duo bei der Preisverleihung belegte. Noa Beinart mit Heinrich Heines "Du bist wie eine Blume / So hold und schön und rein; / Ich schau’ dich an, und Wehmuth / Schleicht mir in’s Herz hinein." In der Vertonung von Robert Schumann stimmt die Altistin einen ernsten Ton an, verzichtet auf die bei Heine übliche Ironisierung, um überzeugend die Liebe des lyrischen Ichs zu überhöhen. Altbewährt, denn Liebe, Sehnsucht und Weltschmerz gehören eben zu den maßgeblichen Wegmarken des Liedgesangs, weshalb auch Matthias Winckhler in diesen so begehrten Fundus greift, um in bedächtigem, ausdrucksbetontem Duktus von Franz Schuberts Blick auf die "Sehnsucht" zu singen.

 

Preisträger stehen in guter Tradition

Im Rahmen der "Begegnungen auf Schloss Kapfenburg" - Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur treffen sich zum Gespräch - wurde den beiden Sängern der "Trude Eipperle Rieger"-Preis überreicht. Seit 2005 lobt die namensgleiche Trude-Eipperle-Rieger-Stiftung in Kooperation mit der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart den Preis für junge Sangestalente aus. Als gestiftetes Erbe der aus Unterkochen stammenden Sopranistin Trude Eipperle Rieger (1908-1997) werden damit "Nachwuchs"-Sängerinnen und -Sänger gefördert, die im Bereich des klassischen und zeitgenössischen Liedgutes Außerordentliches leisten. Zu den bisherigen Preisträgern zählen mittlerweile international erfolgreiche Künstler wie die Sopranistin Sophie Klußmann (2010) und die Mitglieder des "Calmus Ensembles" (2008). In der Region gut bekannt ist auch der "Junge Kammerchor Ostwürttemberg", der für sein Können 2007 ausgezeichnet wurde. Nicht zu vergessen der Aalener Andreas Beinhauer, der 2016 den Preis bekam.

Ein Lob der Vielfalt  

Landrat Klaus Pavel lobte in seiner Begrüßung ausdrücklich die Arbeit der Internationalen Musikschulakademie Schloss Kapfenburg, unter deren Dach sich im vergangenen Jahr rund 50000 Besucher trafen. Mit Nachdruck stellte er der baden-württembergischen Landtagspräsidentin Muhterem Aras, die als Gastrednerin geladen war, das Schloss und die Arbeit der Musikschulakademie vor. Muhterem Aras ließ es sich denn auch nicht nehmen auf die Bedeutung der musischen Bildung von Jugendlichen einzugehen, wobei sie insbesondere die Notwendigkeit hervorhob, die Vielfalt in allen kulturellen Bereichen zu garantieren. "Vielfalt ist die Basis einer Gesellschaft, ohne sie funktioniert eine Gesellschaft nicht", hob sie hervor, wobei sie in dieser alle Bereiche durchdringende Fülle die Voraussetzung für den Erfolg und Zusammenhalt einer Gesellschaft sieht. 

Akademiedirektor Erich Hacker überreichte den zwölften Trude-Eipperle-Rieger-Preis an die beiden Preisträger. Zunächst an Altistin Noa Beinart, die - in Tel Aviv geboren - Ensemblemitglied des dortigen Bat Chol Chors war und bei Konzerten in Israel und Europa solistisch auftrat. Seit 2008 ist sie Stipendiatin der "America Israel Culture Foundation", nahm 2013 ihr Studium an der Berliner Hochschule für Musik "Hanns Eisler" auf. Wichtige Impulse für ihre künstlerische Entwicklung erhielt sie durch diverse Meisterkurse.

Timbrereicher Schönklang

Sich selbst sieht Noa Beinart als "Spätberufene". Zwar habe sie bereits mit sieben Jahren im Kinderchor gesungen, doch die Entscheidung, Sängerin zu werden, traf sie erst mit Zwanzig.  Neben Liederabenden (beispielsweise mit Bachkantaten) stand sie als "Olga" in Tschaikowskis Oper "Evgeny Onegin" und als "Amastres" in Händels Oper "Serse" auf der Bühne. Dass ihr der Preis zu Recht zugesprochen wurde, davon konnte sie das Publikum im Trude-Eipperle-Rieger-Saal nicht nur mit Schumanns "Liebesblume" überzeugen, sondern auch mit "Cruda sorte" aus Gioachino Rossinis  Opera buffa "L’italiana in Algeri" - lebhaft wie nuanciert, mit timbrereichem Schönklang und selbstredend in italienischer Sprache gesungen. 

Oktaven tiefer findet sich die Stimme von Matthias Winckhler, der mit schönstem Bariton gesteht: "Ich konnte mir bereits vor dem Abitur vorstellen, Gesang zu studieren." In ersten professionellen Kontakt mit seiner späteren Ambition kam der Münchner im Rahmen des Gesangsunterrichts an der Bayrischen Sing Akademie, der er bis vor sieben Jahren angehörte. Darauf folgte ein Studium unter anderem am Salzburger Mozarteum, um bereits fünf Jahre später als Bariton bei den dortigen Festspielen zu debütieren. Seit 2016 ist er Ensemblemitglied der Niedersächsischen Staatsoper in Hannover, wo unter anderem als Maximillian in "Candide", Ottokar in "Der Freischütz" sowie als Papageno in der "Zauberflöte" auftritt. 

Ein charmantes Duo

Ebenfalls zu Mozart bat er bei seinem zweiten Auftritt im Trude-Eipperle-Rieger-Saal, bei dem er mit bemerkenswerter Stimme "Madamia, il catalogo è questo / Delle belle che amò il padron mio" sang.  Leporellos Arie über die geheime Liste der Schönen - "die mein Herr geliebt hat"- gibt Winckhler hemdsärmelig wieder, das heißt ohne Jackett, aber mit Hosenträger, ohne raschelndes Papier, aber mit der geheimnisvollen Namenliste auf dem Display eines Smartphones. Typisch Mozart eben: zu jeder Zeit launig wie hochaktuell. Oder wie es Goethe einst umschrieb: "So auch mit der Liebe, der treuen, Geschicht, / Sie wegt sich, sie regt sich und ändert sich nicht!" Und weil das so ist, singen Noa Beinart und Matthias Winckhler diese von Brahms vertonten Verse in einem charmanten abschließenden Duett.

Apropos. Kein Liederabend ohne Klavier und ohne Pianistin, die die schwarz-weißen Tasten virtuos beherrscht. Bei der Preisverleihung saß Ewa Danilewska am Flügel. Die in Polen geborene Musikerin studierte an der Universität in Wien, an der sie mittlerweile auch unterrichtet und an ihrer Doktorarbeit feilt. Ihr Thema passt zur Preisverleihung: Johann Wolfgang von Goethes vertonte Gedichte.

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Aalener Kulturjournal