ensemble πk:  "The Unanswered Question"

Neue Musik braucht die Stadt

Manche Komponisten scheinen zu wissen, auf was es ankommt. Beispiel Charles Ives´  zeitgenössische Komposition "Unanswered Question" von 1906, eine knappe wie eingängige Musik, die dank tonaler Basis kaum irritiert und deshalb so schön in jedes moderne und klassische Musikprogramm passt. Dass ein ganzes Konzertprogramm sich der Moderne widmet, ist allerdings auf der Ostalb selten. Stuttgart hat sein Festival für Neue Musik "Eclat", Donaueschingen ist legendär. Vielleicht reiht sich nun Aalen ein. Oberbürgermeister Thilo Rentschler initiierte jedenfalls ein Ensemble, das sich den vielversprechenden Namen  "ensemble πk" gegeben hat (Nähere Erläuterungen dazu unter www.aalener-kulturjournal.de/theater-musik-kunst/edgar-mann-uwe-renz/). Dirigent Uwe Renz und Komponist Edgar Mann, die  hier die Fäden in der Hand halten, versprechen viel für die kommenden Jahre. Ergänzt doch Neue Musik hervorragend das Konzept des künftigen Aalener Kulturbahnhofs.

Damit bleibt der zeitgenössischen Klangwelt die Feigenblattfunktion erspart und den Musikfreunden eröffnen sich ungeahnte musikalische Abenteuer. Einen Vorgeschmack gab es am vergangenen Wochenende bei der Premiere des Ensembles in der Stadthalle. Wähnten sich die Macher bei der Generalprobe am Samstagnachmittag noch am kulturellen Abgrund,  - ihnen saß die Angst, vor leeren Stühlen konzertieren zu müssen - im Nacken, so herrschten am Abend strahlende Gesichter vor, denn am Eingang bildete sich eine lange Warteschlange. Nahezu 500 Zuhörer saßen letztlich im Saal, statt der erwarteten 200. Das mag auch daran gelegen haben, dass das Programm fast ausschließlich von Komponisten aus der Stadt beziehungsweise aus der Nachbarstadt zusammengestellt worden ist: Edgar Mann, Moritz von Woellwarth und Henning Brauel.  Der Amerikaner Charles Ives gab dem konzertanten Kontrast zur allgegenwärtigen Alten Musik nicht nur das Motto, sondern sorgte auch für den Eingangspart: "The Unanswered Question".   

Niemand weiß die Antwort

Aus der Stille heraus entfalten sich pastoral klingende Streicherakkorde, bilden  einen nahezu lautlosen Klangteppich voll innerer Ruhe. Für Charles Ives spiegelt sich in diesem unerwarteten,  sich durch die gesamte Komposition ziehenden Schönklang „das Schweigen der Druiden, die nichts hören, nichts sehen und nichts wissen“. Wohlbekannt und dennoch immer wieder ein überraschendes Moment. Wie auch die Trompete, die von der Empore herab das "Schweigen" bricht, nach einer Antwort sucht, in einer dritten Ebene gesellen sich die Holzbläser hinzu.  Auch die zwei Flöten, die Oboe und die Klarinette stimmen ein - immer drängender, verzweifelter, atonaler werdend. Die "Frage" bleibt indes unbeantwortet. Vom Komponisten gibt es nur den Hinweis, nach dem Sinn des Lebens zu suchen.  

Ives bleibt ein Kind seiner Zeit. Er gehört nicht zu jener Avantgarde, die sich nach 1945 musikalisch vehement und radikal zu Wort meldet. Sein Weg, Klang, Harmonie, Rhythmus und Form zu erweitern, führt ihn entlang gegebener Traditionen.

Das dunkle Timbre dieser Musik setzt sich in Henning Brauels "Variationen in memoriam Hans Werner Henze" fort. Der Aalener Komponist bezieht sich bei seinen Variationen auf Henzes "4.Sinfonie" (1955), deren "betörenden Klang und Farbigkeit", so Natascha Euteneier, die das Konzert moderiert, finden sich in den Brauelschen Klangbildern wieder. "Über orgelpunktartigen Sequenzen entstehen durch Übereinanderschichtung der Melodien große Steigerungen in Klangdichte und Lautstärke." Chopins  "Marche funèbre" kommt in den Sinn. Wäre da nicht der rasche Übergang ins Stimmengewirr, das indes im aufkeimenden Chaos verstummt.

Schnitt. Teil zwei oder auch zweiter Satz. Liedhaft geht es weiter, der Weg führt in das freigestaltete Zwölfton-Paradies zeitgenössischer Musik. Romantisch, ein wenig nach Brahms klingend. Doch es bleibt bei dieser kleinen Anspielung, zumal unüberhörbar die Verfremdung einsetzt, zu der Streicher und Holzbläser atonale Elemente beisteuern. Spannung baut sich auf, flacht wieder ab, nachdem melodische und rhythmische Impulse stagnieren. Die nun statisch wirkende Musik klingt wie aus der Ferne. Ein letztes Aufbäumen, ein letzter mysteriöser Akkord. Ganz Alte Musik, molto espressivo eben.

Die Musik ist für Dirigent Uwe Renz kein leichtes Unterfangen. Wer sich in der Pause oder nach dem Konzert die Zeit nimmt, in den ausgelegten Partituren zu schmökern, wird von den umfänglichen Notierungen der vielen "verlorenen" Tonzeichen überrascht sein. Kein Problem für Uwe Renz. Mit leichten Handbewegungen führt er die Musiker durch die schwierigen Kompositionen. Dass vor ihm allesamt Profis sitzen, kommt ihm zu Pass.

Die Musik kommt an

"Ich mache meinen Gang;/ Der führt ein Stückchen weit / Und heim; dann ohne Klang / Und Wort bin ich beiseit." Mezzosopranistin Cecilia Fontaine singt den Vers. Die Anfangszeile aus  Robert Walsers Gedicht  "Beiseit", von Edgar Mann bereits 1994 vertont, 2013 überarbeitet. Die Musik erklingt in rhythmischem Gleichmaß, klanglich durchaus auf Ives verweisend. Mit dem - unter anderem - schönen Unterschied, die Singstimme darf sich frei über dieser Klangmatrix entfalten. Die bürgerliche Kammermusik lässt grüßen. Zumindest ein wenig. Und Aalens Jazzfest, wenn auch erst bei Moritz von Woellwarths nachfolgender Komposition "KAREN", in der sich viele Zitate aus anderen Stücken tummeln. Zumindest scheinen sie es in dieser Suite für Tenorsaxophon und kleines Orchester nach Herzenslust zu tun. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass

Saxophonist Markus Ehrlich und Cellist Heiko Nonaka eingangs eine figurativ gestaltete Melodie spielen, über die Ehrlich dann zu improvisieren beginnt. Danach das alte Lied des Jazz und das Vergnügen der Neuen Musik: Alle Musiker beginnen eine freie Improvisation  über den fünfzeiligen Vers von Moritz von Woellwarths: "Der Flug der Elster, / ich kann ihn nicht betrachten / ohne daran zu denken, / dass jeder Schritt mein Schicksal ist / und an all die Fehler." Vielsagend der Schluss, den die Klarinette mit einer diatonischen Melodie gestaltet.

Danach nochmals Edgar Mann. Auch er orientiert sich an einem Vers, an Jesaja Kapitel 38, in dem es heißt: "Vor den Toren der Unterwelt errette mein Leben, o Herr." Eine Komposition, die er zum 100. Geburtstag seines Heidenheimer Kollegen Helmut Bornefeld komponierte. Bei der Beschäftigung mit dessen Werk stellte Edgar Mann fest, dass er und Bornefeld sich in

einem zeitlichen Abstand von drei Jahrzehnten mit Nelly Sachs´ Gedichten beschäftigten. Beiden gaben ihrer jeweiligen Komposition den Titel "Psalm der Nacht". So kam Edgar Mann auf die Idee, beide Werke zusammenzuführen.

"Vor den Toren der Unterwelt errette mein Leben, o Herr" beginnt ausdrucksvoll mit tiefem Streicherklang, in den nach wenigen Takten die Klarinette signalartig tönt. Ein kurzes schnelles Motiv , das aus Bornefelds "Psalm der Nacht" stammt, nun verlängert, variiert und mit neuen Figuren durchsetzt wird. Leander Brune wechselt vom Klavier zum Vibraphon, streicht mit dem Bogen über die Plättchen. Ein Hauch von Klang. Melancholie entfaltet sich, zumal Violine und Cello die Melodie aufnehmen, sie ins Crescendo führen, die Musik mit einem Zitat aus Bornefelds Choralkantate "O gläubig Herz" enden lässt.

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Aalener Kulturjournal