"4 Times Baroque" stellen in der Villa Stützel ihr neues Programm vor

Bach versus Telemann? Ziemlich beste Freunde!

"Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!" oder wie wäre es mit "Alle Jahre wieder" und "Es wird scho glei dumpa"? Adventszeit ist Musikzeit. Konzerte füllen die Wochenenden und überall spielt mehr oder weniger die gleiche Musik. Schön, aber darf es auch mehr sein? In der Aalener Villa Stützel schon, denn hier ergänzten sich gleich drei Dinge auf ideale Weise: bezaubernde Musik, exquisite Musiker und ein aufmerksames Publikum. Ein Adventskonzert brachte sie zusammen, indes erinnerte die Musik wenig an traditionelle adventliche Weisen. Dafür standen Kompositionen von Meister Bach und Freund Telemann auf dem Programm. Herausfordernd gar mit "Bach versus Telemann" überschrieben. Zur Beruhigung - kein Schlagabtausch in welcher Art auch immer, dafür aber ein Miteinander vom Feinsten, ein musikalischer Austausch, der aufhorchen lässt, weil er die Grenzen zwischen den beiden Komponisten verwischt und zugleich aufzeigt. Vielversprechendes Hochbarock.

Dazu bittet das Ensemble "4 Times Baroque", vier junge Musiker, die zu aller Überraschung und zum Auftakt das Nonplusultra Bachscher Schaffenskraft anstimmen, die "Kunst der Fuge", genauer den "Contrapunctus 9 alla Duodecima". Hochtemperierte Musik, bei der manch gestandener Musiker noch immer feuchte Hände bekommt. Zurecht, wie Alban Berg bereits 1928 betonte: "Gestern Kunst der Fuge gehört. Herrlich!! Ein Werk, das bisher für Mathematik gehalten wurde. Tiefste Musik!" Folgerichtig macht sich auch im Salon der Villa Stützel Begeisterung breit, denn die vier Frankfurter zelebrieren dieses barocke Hochamt höchst feinsinnig, zugleich aber auch virtuos wie eingängig. Die Fuge sei im Ganzen Ruhe, Gebautheit, Schichtung, - nicht atemlose Entdeckung einer Wahrheit, sondern wie sorgfältige die Auslegung eines Dogmas, beschrieb Ernst Bloch, als ob er gerade das Spiel dieses Quartetts gehört hätte.

Hörvergnügen pur!

Bescheiden stehen die Musiker auf der kleinen Bühne der Villa, musizieren, plaudern, erklären. Blockflötist Jan Nigges ist Meisterschüler von Michael Schneider, dem Frankfurter Großmeister der Alten Musik. An der Barockgeige brilliert Jonas Zschenderlein, das Barockcello streicht Karl Simko und Alexander von Heißen sitzt am Cembalo.  Sie sind "4 Times Baroque“, und der Name verspricht pures Hörvergnügen! Entspannt spielen sich die Musiker durch die Kompositionen, begeistern mit ihrer Leidenschaft, mit jenem Ausdruck und Klang, der barocker Tradition ganz nahe kommt.

Keine Selbstverständlichkeit, aber ein sinnlicher Genuss  für die Zuhörer, denen Bach und Telemann tänzerisch, distanziert oder auch einnehmend entgegenkommen, gewiss aber immer

artifiziell. Ein wenig bevorzugt wird indes Telemann. "Weil er Frankfurter war, wie wir es sind", begründet Nigges schmunzelnd, um ohne weitere Worte zu Georg Philipp Telemanns "Trisonate a-Moll" zu wechseln, der er später noch Bachs "Trisonate g-Moll" zur Seite stellt. Ein schöner Hörvergleich, der zugleich den  Zeitgeist des Barocks spiegelt. Alle kompositorischen Unterschiede mit eingeschlossen, Nigges hebt hierbei Telemanns Vorliebe für charmant klingende Anhängsel im Stile eines polnischen Tanzes hervor.

Den notwendigen kammermusikalischen Spannungsbogen des kleinen Konzerts ist nicht zuletzt den Soloeinlagen geschuldet, unter anderem bei Telemanns Fantasien, bei denen zunächst die Blockflöte  geheimnisvoll bedächtig klingend, ein überraschend zartes "Largo" anstimmt (TWV 40:4), graziös im "Presto" an das Cembalo übergibt, um nachfolgend ein verträumtes "Adagio" (TWV33:2) daraus zu entfalten.

Ein Konzert voller i-Tüpfelchen

Eine wunderbare Soirée voll musikalischer Delikatessen bahnt sich an, die indes nicht nur zwischen Leipzig und Frankfurt pendelt, sondern auch zum Exkurs nach Paris einlädt. Kompositorisch begab sich Telemann mit seiner "Nouveaux Quatuors" 1738 in französische Gefilde, um das Musikerleben an der Seine nachzuempfinden. Sechs elegante Sätze enstanden dabei, vom Quartett traumhaft schön wiedergegeben. Einfach "merveilleux"! Wie übrigens Jonas Zschenderleins überaus bemerkenswerte Violine-Interpretation des "Prestos" aus der Bachschen "Sonate Nr. 1"  (BWV 1001), dem die "g-Moll Trisonate" folgt. Einst vom Thomaskantor in d-Moll für drei autonome Orgelstimmen bestimmt (BWV 527), von Michael Schneider neu bearbeitet und so dem Ensemble "4 Times Baroque" wie auf den Leib geschrieben.  "Andante - Adagio e dolce - Vivace", mehr Musik geht wirklich nicht!

Ein Irrtum wie sich schnell herausstellt, denn das Quartett steuert mit einer Telemann Trisonate (TWV 42:a4) noch ein weiteres i-Tüpfelchen bei.

Leider war "Bach versus Telemann" bereits das letzte Konzert in der Villa Stützel. Für dieses Jahr wohlgemerkt. Da ist eine musikalische Zugabe selbstredend unumgänglich. Eine richtig adventliche allemal! "4 Times Baroque" stimmen folglich ein englisches Weihnachtslied an: "We Wish You a Merry Christmas". Keine Pop-Art welcher Couleur auch immer, sondern ganz der melodischen Tradition des 16. Jahrhunderts verpflichtet. Amüsant wie temperamentvoll versteht sich. Barock eben.

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Aalener Kulturjournal