Barockes Feuerwerk 

Neujahrskonzert in der Villa Stützel

Zu Philipp Emanuel Bachs Zeiten war solcherart Musik nur Kirchen- und Schlosssälen vorbehalten. Zumindest offiziell. Der Bachsohn brachte sie als einer der Ersten in bürgerliche Salons. Die Rede ist von Barockmusik. Diese meist emotionsgeladene und in Sonettform gebrachte Musik, deren "Affekte", sprich menschlichen Gefühle und Stimmungen, sich  in Melodien, Rhythmen und Klangfarben spiegeln.

Die Musik hat sich nicht verändert, doch die Aufführungsorte wechselten von Kirche und Schloss in städtische Hallen. Oder eben wie seit Anfang des 19. Jahrhunderts in die bürgerlichen Salons, in Aalen nunmehr in die Villa Stützel. 

In deren schönem Ambiente traf  eine ausgewählte Schar Musikliebhaber auf ein ebenso ausgewähltes "Barockes Feuerwerk". Wohlgemerkt auf eine feine Musik, hervorgegangen aus einer grobschlächtigen Zeit.  Athanasius Kircher - im 17. Jahrhundert der erste Gelehrte mit weltweiter Reputation - nennt diese Musik gar "musica humana" und setzt das von ihr ausgehende akustische Klangempfinden mit dem visuellen Farbempfinden gleich. Das Grün steht hierbei für die "lieblichste unter allen lieblichen Farben", was sich auch in musikalischen Harmonien wiederfindet. In denen des Barocks selbstredend. 

Für Daniela Wartenberg (Barockcello), Alexandra Wiedner und Emanuele Breda (Violine), Zeynep Tamay (Viola), Johannes Vogt (Theorbe) und Alexander Strauß (Cembalo) Voraussetzung und Herausforderung zugleich, in der Villa Stützel eine Musik zu Gehör zu bringen, die nach Kircher eben auch visuell wahrgenommen werden kann. Wobei eingeschränkt werden darf, zwischen dem Barock und heute liegen gut 400 Jahre; das Empfinden hat sich seither grundlegend verändert. Konnten die Zuhörer einst die Sprache der Musik in verständlichen Bildern umsetzen, so beeinflusst sie heute eher das Wohlgefühl. 

Von sensiblen Barockinstrumenten und ihren Eigenheiten

Um diese zu beflügeln, greift das Ensemble zu Komponisten, die wahrlich keine Unbekannten sind: Corelli, Biber, Purcell, Bach und Händel. Deren Musik: bemerkenswert schön. Und das in der Villa aufspielende Ensemble? Berauschend gut. Eben weil es sich so unvergleichlich brillant darauf versteht, die barocken Weisen in und mit eleganter Harmonie zu intonieren. Vorzüglich aufeinander abzustimmen, im Klang auszubalancieren, zu differenzieren, wo Feinheiten geboten sind. Nur so entsteht eine charmante Musik, in der sich selbst Corellis "Concerto grosso" als liebliches Kammermusikstückchen nicht nur wiederfindet, sondern mit Heinrich Ignaz Franz Bibers kleiner Sonata (aus "Fidicinum Sacro-Profanum") eine klangliche Einheit bewirkt, ohne gleich zu klingen.   

Im Salon der Villa Stützel kommt dem Publikum überdies zupass, dass die Streichinstrumente des Barocks nicht auf einen lauten und Raum füllenden Klang ausgelegt sind, sondern darauf, ein möglichst breites Klangspektrum bespielen zu können, zumal der Klang der Instrumente an menschliche Stimmen mit all den innewohnenden Nuancen erinnern sollte. Diese Vorgaben zu erfüllen, wartet das Ensemble mit entsprechenden Barockinstrumenten auf, welche von der Viola über das Cello bis hin zur Theorbe alle mit Darmsaiten bespannt sind. Deren natürlicher Feind ist eine schwankende Luftfeuchtigkeit, was in einem Salon mit vielen Menschen folglich immer wieder für kleinere Unterbrechungen sorgt, damit nachgestimmt werden kann. 

Über Farbe, Gemüt und Harmonie  

Kein größeres Problem bei diesem ausnehmend charmanten Neujahrskonzert, das mit seinen ambitionierten Interpretationen mehr als nur überzeugt. Ein schönes Beispiel sind die Fantasien von Henry Purcell und John Jenkins, gespielt ausschließlich von den Streichern in wechselnder Besetzung, die sich entlang harmonischer Vorgaben ihren jeweiligen Part durch Improvisationen emotional gestalten. Einst und heute für Musiker wie Zuhörer ein Vergnügen. Was übrigens auch beim einleitenden „Weihnachtskonzert“  (Corellis "Concerto grosso") als ambitioniertes wie leidenschaftliches Musizieren herauszuhören ist. In der wohlüberlegten Abfolge gewandter und entrückter Sätze vielleicht gar Kirchers Farbzuordnung, deren mitschwingende Harmonien das Gemüt des Menschen beeinflussen (können). Corelli wusste sicherlich darum,

waren doch die Komponisten des Barocks  fest davon überzeugt, dass die Musik die Gefühle des Menschen berührt und die Kompositionen damit zum Instrument affektiver Manipulation werden können.  

Wer wollte dem bei diesem Konzert widersprechen? Bei diesen wunderschönen Exempeln, wie der Arie „Ich will nur Dir zu Ehren“ aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, bei dem Zeynep Tamay den Tenorpart  höchst empfindsam mit der Viola übernimmt, und wie der kompakten "Euterpe-Suite" des deutsch-tschechischen Komponisten Johann Caspar Ferdinand Fischer - meisterlich von  Alexander Strauß am Cembalo gespielt.

Dass klangliche Erlebnisse eine farbig-gestalthafte Vorstellung beflügeln, so "real, wenn auch nicht konkret" (Kircher) werden können, belegt unüberhörbar das Ensemble mit Jaques Auberts "Ciacona" und Purcells "Chaconne". Beide Kompositionen höchst tänzerisch wie temperamentvoll. Eigentlich wäre Händels quirlig gespielte "Bourrée" ("Feuerwerksmusik") ein adäquater musikalischer Schluss- und Höhepunkt des Konzerts, doch die Musici lassen sich zu einer populären Zugabe hinreißen: zu Bachs „Air“ aus der "D-Dur-Suite". 

 
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Aalener Kulturjournal