Medea Bindewald zu Gast in der Villa Stützel

Fremde Welten in der Cembalomusik

Die Fenster sind zu! Bei den Temperaturen? Wird die Musik so laut? Jemand hat ein Einsehen und öffnet zumindest die Terrassentür. Angenehm streift ein frischer Windhauch durch den Salon. Das tut spürbar allen gut, stünde da nicht ein Sensibelchen im Raum, das die kühle Brise mit Missfallen quittiert - ein Cembalo. Später, beim Konzert, sind die Folgen unüberhörbar, patzt es doch in den hohen Tönen. Wegen seiner leichten Holzkonstruktion ist das zierliche Instrument denn auch höchst anfällig und kann die Stimmung nicht allzu lange halten, weshalb ständig nachjustiert werden muss. Bei Temperaturschwankungen sowieso.

Echauffieren muss sich trotzdem niemand, spielt doch, als die Verstimmung eintritt, Medea Bindewald den Satz  noch mit ein paar schrägen Tönen zu Ende, greift routiniert zum Werkzeug, stimmt nach. Das hilft zunächst über die Runden, doch die letzten Akkorde beim abschließende "Alla Turca" erinnern mehr an jazziges Play Mozart. 

So stand das sicherlich  nicht im Programm, denn eigentlich wollte die Cembalistin ins Frankreich des 18. Jahrhunderts entführen. Eigens dafür hatte sie ihr Cembalo mit im Gepäck - Ausgangspunkt war ihr Wohnort und der liegt in England.

Frankophiles Musikerleben servierte sie vor einem Jahr bei ihrem Gastspiel in der Villa schon einmal, als sie mit Joseph Cassanéa de Mondonvilles an das glanzvolle "siècle d'or du claveçin" erinnerte, an das goldene Zeitalter französischer Cembalomusik. Louis XIV war einst davon so begeistert, entsprach doch diese Musik ganz dem aristokratischen Lebensgefühl, was im Übrigen die französische Metropole ab der Mitte des 17. Jahrhunderts zum Dreh- und Angelpunkt der Cembalokunst werden ließ, zumindest bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, als dann das moderne Klavier aufkam.

 

Fremdes klingt so vertraut 

Schon damals gingen Komponisten gerne auf Entdeckungsreise, so manch einer notierte das Fremde in seine Notenblätter. In höchst gezügeltem Maße versteht sich, weshalb Jean-Philippe Rameau seine "Les Sauvages" entsprechend gezügelt auftreten lässt, sprich, aus dem zur "Nouvelles Suites de Pièces de Clavecin" gehörenden Satz entspinnt sich kein wildes Geplänkel, sondern ein überraschend zart klingender Melodienreigen, durchwirkt von Anspielungen und Querbeziehungen, reichlich verziert mit Obertönen. Eine charmante, durchaus auch poetische Musik in noblem Gewand, facettenreich und dicht. Wobei, um zur Exotik zurückzukommen, selbst der dritte Satz - "L Ègyptienne" - der europäischen Musiktradition verhaftet bleibt. Medea Bindewald spielt Rameaus ägyptische Impressionen prägnant, fließend und aller Verspieltheit zum Trotz in klarer Harmonie. Die Anziehungskraft des Fremden weicht hier der Anziehungskraft solch schöner Musik. 

Dessen ist sich die Musikerin bewusst, weshalb sie mit Blick auf Francois Couperins  Dreingabe "Quatrième Livre de Pièces de Clavecin" davon abrät, speziell beim zweiten Satz, "Les Chinois", nach irgendwie chinesisch Eingefärbtem zu suchen. Auch dieser Komponist bleibt Raum und Zeit verpflichtet. Vermutlich war das Fremde schon immer eher das, was man sich gerne darunter vorstellt, und nicht das, was der Realität entspricht. Jedenfalls wird Couperins Musik - von Medea Bindewald mit bemerkenswertem, über den jeweils aktuellen Akkord hinausgehenden Klangsinn intoniert - zum Hörgenuss. Dass sie sich dabei des historischen Nachbaus eines Blanchet-Cembalos bedient, verstärkt diesen noch.

Zurück zu den Wurzeln

Ein Klavierabend ist die Normalität, doch das Cembalo als Soloinstrument ist heute höchst ungewöhnlich. Vielleicht noch ungewöhnlicher als die vier Hornisten (German Hornsound), die Tage zuvor in der Aalener Stadthalle ihr Publikum begeisterten.  "Außergewöhnlich!", urteilte denn auch der überwiegende Teil der Gäste in der Villa Stützel. Außergewöhnlich eben wie die "Fremde Welten" - diese so harmonische Musik von Couperin und Rameau, aber auch von Jean-Francois Tapray, der in seinen Variationen Rameaus "Les Sauvages" nochmals aufnimmt, um sie in filigraner Melodik dezidiert zu variieren. 

Konzertpause. Kühle Erfrischungen werden gereicht und im Park gibt es viel frische Luft. Technikbegeisterte bleiben hingegen beim Cembalo "hängen", hat man doch nicht alle Tage die Möglichkeit, ein solch bemerkenswertes Innenleben zu begutachten. Zumal Medea Bindewald als Fremdenführerin ausführlich in das Instrumenteninnenleben entführt. Viel zu erfahren ist dabei über die lange Tradition des Cembalobaus, der sich seit der Renaissance stetig verfeinerte, um dann im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt zu finden. Der damaligen Zeit geschuldet, entwickelten sich unterschiedliche Bauweisen und es entstanden zugleich regionale Schulen, deren kompositorischen und spieltechnischen Schwerpunkte nach wie vor herauszuhören sind. 

Gezupft wird mit dem Federkiel

Einer der prägnantesten Unterschiede zum Pianoforte: Beim Cembalo wird die Saite nicht mit einem Hämmerchen geschlagen, sondern mit einem Federkiel (damals Naturware, heute aus Kunststoff) gezupft. Vom Barock bis in die Frühklassik blieb das Cembalo - neben Orgel und Klavichord - das Tasteninstrument schlechthin, bis schließlich der Zeitgeschmack das Cembalo durch andere Instrumente ersetzte. Aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden Musiker wie Publikum wieder Gefallen am eigenwilligen Cembalosound. Deshalb gibt es mittlerweile wieder nach alten Vorbildern original konstruierte Konzertinstrumente, mit denen auch eine historische Aufführungspraxis möglich ist. Bindewalds Blanchet-Nachbau gehört in diese Kategorie. Es eröffnet ihr die Möglichkeit, die Musik der alten Welt authentisch wiederzugeben. In diesem Sinne lässt sich auch ihr "Fremde Welten"-Programm interpretieren, vermittelt es doch mit Esprit und Raffinement musikalische Bilder einer längst entrückten Zeit.

Zurück zu den Skythen? Der nächste Programmpunkt scheint dies zu belegen: Auf dem Notenblatt  steht "La Marche des Skythes", eine Arbeit des Opernkomponisten Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (1705 - 1755). Doch nicht die Antike, der italienische Stil sei damit beschrieben worden, verrät Medea Bindewald und setzt ihr kammermusikalische Spiel in gewohnter Leichtigkeit fort. Dabei fällt auf, wie sich Royers Rondeau - entgegen der Tänze im barocken Stil - zum kleinen Charakterstück voll musikalischer Ideen entwickelt, die sich zu einem temporeichen und überaus melodischen Klangteppich verdichten.

"Brillant, angenehm in den Ohren, ohne in das Leere zu fallen"

In die Fremde zog es bekanntlich auch Wolfgang Amadeus Mozart. Ein schönes Beispiel, seine Sonate A-Dur (KV 331), Medea Bindewalds letzter Konzertbeitrag. Das Stück wurde vermutlich in den 1780er Jahren komponiert  - trotz seiner französischen Handschrift allerdings nicht in Paris, sondern in Wien. Zu der Zeit, in der Mozart seine Pianistenkarriere in Angriff nahm. Vorausgegangen war die erfolgreiche Opernpremiere “Die Entführung aus dem Serail”, an die er nun unter anderem mit dieser bemerkenswerten Sonate anknüpfte.

Die unmittelbare Verbindung zur "Entführung" findet sich unüberhörbar bereits im ersten Satz: Ein orientalischer Romanzenton. Vor allem aber im "Alla Turca"-Thema des dritten, samt türkisch anmutender Musik im Finale. 

Nach wie vor ein Ohrwurm, der von den Zuhörern indes kein Einstieg in den Multikulti-Modus fordert, denn Mozarts Original-"Alla Turca" bleibt auch auf dem Cembalo "Alla Turca". Medea Bindewald hingegen sorgt bei ihrer Interpretation für eine Abkehr vom französischen Timbre der zuvor gespielten Kompositionen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gehört nun dem Variationsreichtum, der ihr konzentrierte Virtuosität abverlangt - von den Triolenkaskaden über balkaneskes Lamento bis hin zum kunstfertigen Allegro. Dazwischen liegt noch eine Variante, die nur mit übergreifenden Händen gespielt werden kann. 

Charmant dabei ist nicht nur die Perfektion und Brillanz des Vortrags, sondern auch die außerordentliche Intensität, mit der die Musik erklingt. Melodisch, liedhaft, auch spritzig und mit viel Fingerfertigkeit geht Medea Bindewald die französischer Meister an. Bei Mozart differenziert die Ausdrucksweise sorgfältig, wobei die Cembalo-Interpretation sich eng an die auf dem Klavier gespielte anlehnt. So erweisen sich Bindewalds "Fremde Welten"  im Wortsinne als grenzenlose Weltmusik, von der Mozart sicherlich begeistert gewesen wäre. Er hätte diese Musik als "Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht" bezeichnet, als "brillant, angenehm in den Ohren, ohne in das Leere zu fallen". Und den Zuhörer hätte  er bescheinigt: "Hie und da können auch Kenner allein satisfaction erhalten, doch so, daß die Nichtkenner damit zufreiden seyn müssen, ohne zu wissen warum.”

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Aalener Kulturjournal