Due Cembali

Aleksandra und Alexander Grychtolik in der Villa Stützel

Klirrende Kälte umhüllt an diesem Abend Aalens Villa Stützel. In deren Räumen ist es hingegen durch und durch warm. Angenehmste Wohlfühltemperatur. Im kleinen Salon plaudern bei einem Glas Sekt oder heißem Kaffee die Gäste. Aleksandra und Alexander Grychtolik, die Künstler des Abends, stehen ins Gespräch vertieft in der Küche, auf einem Tischchen im Vorzimmer ihre drei CDs -. Bachs "Köthener Trauermusik", "Fantasia baroque" und "Angenehme Melodei". Klingt vielversprechend. 

 

Interessant auch die beiden Instrumente im einstigen Wintergarten der Villa, der nun  als "Bühne" dient. Zwei Cembali stehen hier. Nichts Alltägliches, auch wenn die Aalener Musikfreunde dank des Kirchenmusikdirektors Thomas Haller immer wieder in den Genuss von Cembalomusik kommen. Und selbstredend dank des Engagements von Sandra Röddiger und Ralf Kurek, in deren Villa Stützel Alte Musik und damit Cembali zur festem Repertoire gehören. Erinnert sei an die feinen Konzerte von Medea Bindewald und Adrien Pièce im vergangenen Monat.

Wobei Aleksandra und Alexander Grychtolik schon eine Ausnahme darstellen, nicht nur, aber auch, weil ihr Konzert mit "Due Cembali" überschrieben ist. Ermöglicht wird dies durch gleich zwei außergewöhnliche Tasteninstrumente, beides Kopien eines zweimanualigen Cembalos von Johannes Ducken (1750), 1979 und 1989 in den Niederlanden von Cornelis Bom nachgebaut. Das ältere von beiden war lange Jahre im Besitz von Gustav Leonhardt, der es auch bei Konzerten in Deutschland nutzte, das andere gehörte einst der Hamburger St. Katharinenkirche.

Improvisation vom Feinsten

Doch bekanntermaßen richten es edle Instrumente nicht alleine, da müssen schon begnadete Musiker die Tasten bedienen. Dass das Ehepaar Grychtolik dazu gehört, darf bereits mit dem Improvisationsauftakt  - eine Chaconne nach Antonio Bertali - vermutet werden. Die Gewissheit stellt sich indes beim nachfolgenden Beitrag ein, den "Vier Duetten" aus der Feder von C.P.E. Bach. Improvisation scheint das Zauberwort der Grychtoliks zu sein, nimmt diese  doch im Programm einen breiten Raum ein.

Was mit Bertalis flüchtigem Tanz beginnt, setzt sich bis hin zu einer freien Concerto-Improvisation fort oder - locker formuliert - mit einer dreisätzigen All-Star-Ouvertüre samt polyphoner wie jazziger Attitüden, die den Musikern souveräne wie virtuose Spielfreude ermöglichen. Flinke Läufe perlen lebendig und doch leicht voran, wechseln unvermittelt zu kontemplativem Schweben. Bemerkenswer, wie perfekt sich die Beiden einer gemeinschaftlichen Improvisationskunst bedienen, die sich durch präzises Zusammenspiel, fantasiereiche Intuition und strukturelle 

Klarheit auszeichnet. Folgerichtig sorgen gerade bei der Concerto-Improvisation (Eigenkomposition) üppige Klangkaskaden und sinnliche Verzierungsornamentik für eleganten Wohlklang. Kunstfertigkeit und Stilsicherheit sind hierbei ebenso gefragt wie das Wissen um die barocke Musizierpraxis - letztlich die Voraussetzung für ein stimmiges Ganzes, das übrigens nicht notwendigerweise nach Alter Musik klingen muss, sondern, wie Aleksandra und Alexander Grychtolik beweisen, immer wieder auch höchst aktuell. 

Wie bei den Bachs

Apropos alte Meister: Selbstredend kommen die Musiker an ihnen nicht vorbei. An den Kompositionen von Johann Sebastian Bach und Sohn Carl Philipp Emanuel. Eine höchst diffizile Angelegenheit (schon zu Lebzeiten der Bachs), schließlich legt der Ältere dem Zeitgeist geschuldet Wert auf höfisches Timbre, die gesamte Komposition steht in einem gleichbleibenden Kontext, während der Jüngere in seinen Werken wechselnde Empfindungen zulässt, die ihm wiederum in 

seinem Engagement für die aufkommende Salonmusik dienlich sind. Vater Bach hätte allerdings bei Alexander Grychtoliks Improvisation über "Präludium und Fuge in der Art J. S. Bachs" wegen zu viel Emotionalität sicherlich die Augenbrauen recht hoch gezogen. Sohn Carl Philip Emanuel hingegen hätte dem Künstler sicherlich wohlwollend auf die Schultern geklopft und "gut gemacht" gesagt.

Das aus Weimar an den Kocher angereiste Ehepaar erweist sich rasch als eingeschworenes 

Duo,  das sich auf die Originalwiedergabe der Kompositionen  Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bachs sowie deren Improvisation versteht.  Der Begriff "Original" ist jedoch mit Vorsicht zu gebrauchen ist, denn die intuitive Gestaltung war im 18. Jahrhundert oberstes Gebot, und Bach bekanntermaßen ein Meister der Improvisation. Eine Improvisationskunst, wie sie bereits im Barock gepflegt wurde, die allerdings nach einer umfassenden und verinnerlichten Kenntnis  der barocken Musiksprache verlangt. Aleksandra und Alexander Grychtolik belegen beim Konzert in der Villa Stützel glänzend, dass sie sich darauf aufs Beste verstehen.

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Aalener Kulturjournal