Villa Stützel: Geistliche Lieder über die Liebe

Someone Like You

Ein kleines Konzert in kammermusikalischem Ambiente? Nicht leicht dafür einen passenden Ort mit Stil und kultivierter Atmosphäre zu finden. Stadthalle, Vereinsheim, Gemeindehaus? O Graus, o Graus. Da können sich die Aalener doch glücklich schätzen, haben sie doch in der alten Villa Stützel genau solch einen Hort weltlicher Abstinenz. Alles Profane bleibt außen vor. Der Lärm, die Rastlosigkeit, die Zeit. Selbst das triste Novemberwetter. Kontemplation pur angesichts des samtenen Sofas im kleinen Salon. Hier treffen sich die Besucher, in der Villa Stützel sind es Gäste, zum Plausch, hier werden Gedanken über Gott und die Welt und selbstverständlich über Musik ausgetauscht und hier beginnt die Vorfreude auf den Musikabend.

Geistliche Musik steht auf dem Programm: "In lectulo per noctes". Nicht alle Anwesenden sind Lateiner, weshalb der Gmünder Musik-Professor Dr. Hermann Ullrich zur Nachhilfe schreitet, um dieses "Abends im Bett" in den richtigen zeitlichen wie inhaltlichen Zusammenhang zu stellen. Vom "In lectulo meo per noctes quaesivi quem diligit anima mea quaesivi illum et non inveni" ist obige Kurzfassung abgeleitet und als solches ein Zitat aus dem "Hohelied des Salomons" (Altes Testament, Hoheslied, Kapitel 3, Vers 1).

Übersetzt kommt dabei der schöne Satz "Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht" zum Tragen. "Es geht um das Verhältnis  zweier Liebenden wie es das Alte Testament beschreibt", so der Professor. Texte aus Salomonis Hohelied sollen dabei im Mittelpunkt stehen, in denen es immer wieder aufs Neue  um die Liebe von Menschen zueinander und der Liebe von Gott zu den Menschen gehe. In Zeiten leerer Kirchen und eines ebensolchen Atheismus, könnte solch eine Musik doch tatsächlich zur Herausforderung werden, zumal Prof. Ullrich wunderschöne Musikstücke verspricht, die mit großer Geschicklichkeit durchkomponiert seien, "mit viel Überlegung und noch mehr Feingefühl".

Vier Musikanten spielen als "Ensemble Dulcisonantes" auf:  Angelika Radowitz, Wolfgang

Zahn und Markus Bartholome (Tenor- und Bassdulcian, Blockflöte), hinzu gesellt sich noch Michael Eberth mit seiner Orgel. Eine Truhenorgel. "Kein Harmonium" verdeutlicht der Organist mit einem Fingerzeig ins Innenleben des Instrumentes. Lauter kleine hölzerne Orgelpfeifen recken sich hier nach oben, auf den Wind wartend, der indes - moderne Zeiten eben - von einem elektrischen Gebläse kommt. Dies nur nebenbei.

Der Name des Ensembles sei Programm, erklärt Prof. Ullrich, werde doch dieses getragen von der `dulcedo´, einer alten Begrifflichkeit, die für die Süße des Klanges stehe. Bekanntermaßen für jedwede Liebe existenziell! Erinnert sei an  Dulcinea del Toboso, die imaginären Geliebten Don Quijotes.  Miguel de Cervantes lässt grüßen, seine Abenteuer haben indes nichts mit dem Konzert zu tun!

Ein Anonymus aus dem 17. Jahrhundert steuert stattdessen ein erstes Lied zum Thema bei: "Tota pulchra es amica mea", was in etwa mit "Alle sind schön, meine Liebe" übersetzt werden kann. Drei Dulciane spielen auf, Holzblasinstrumente, die in der Renaissance Hochkonjunktur hatten und mit ihrer satten, warmen Stimme - laut Michael Praetorius - der Verstärkung der Basslinie zu dienen haben. Beim Konzert hoch drei und mit einem bemerkenswert schönen vollen Klang. Sopran und Altus spendieren im nachfolgenden "O quam suavis" (Francesco Cavalli) beziehungsweise im "Cantabo Domino" (Alessandro Grandi) allerdings das ersehnte Sahnehäubchen. Den Liedtexten zu folgen, grenzt jedoch an eine Herkulesaufgabe, auch wenn die Texte das A und O in dieser geistlichen Musik sind. "Es ist uns bewusst, dass die Musik von der Sprache lebt - von den tiefgründigen Texten, die innige Liebe ebenso thematisieren wie grausame Peinigung."

An diesem Abend scheint es nur wenige zu geben, die ihren Lateinunterricht noch in guter Erinnerung haben. Die anderen wenden sich schlicht schönen Klängen zu, lauschen der kleinen Hausorgel, dem Miteinander dreier Dulciane und eben dieser zwei besonderen Stimmen. Sopranist Robert Crowe ist den Villa-Stützel-Gästen von zahlreichen Auftritten her längst gut bekannt, Andreas Pehl erweist sich aber ebenso als Interpret barocker Altpartien als ideale Besetzung.

Mit ihren hohen Stimmen würden die beiden Sänger Salomonis Liebesfreud und Liebesleid trefflich umschreiben, meint der Musikprofessor. Allerdings will er noch  einem möglichen Irrtum bezüglich der Holzblasinstrumente vorbeugen: "Trotz der Süßigkeit, die die selten zu hörenden Dulciane im Namen tragen: `Süß klingend´ ist alles andere als "süßlich´ klingend, denn das gewählte historische Zeitfenster ist keineswegs süß." 

Gemeint sind die Jahre des  Dreißigjähriger Kriegs (1618 - 1648), der vorwiegend auf dem Gebiet des damaligen `Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation´ ausgetragen wurde. Eine epische Katastrophe, die in ihrem Schrecken und ihrer Brutalität unsägliches Leid durch Mord, Plünderung, Hungersnot und Seuchen mit sich brachte. Manche Landstriche waren hernach zu fast zwei Drittel  entvölkert. Angesichts dieses Leids, solch schöne Musik? Unfassbar.

Ein einzigartiges Musikdokument aus dem Jahr 1623, jüngst bei Bopfingen entdeckt, beschreibe mit den Worten "Angst, Not, Jammer, Trübsal, große Teuerung und grausame Pestilenz" - das drei Jahrzehnte währende Unheil, das 1634 im Zuge der Schlacht bei Nördlingen auch über die hiesige Region gekommen sei. Für Prof. Ullrich resultiert daraus die unstillbare Sehnsucht nach Frieden. Dessen Fundament Glaube, Hoffnung, Liebe sei.

Robert Crowe

Damit kommt er zum Anfang des Konzerts zurück: "Keimzelle ist die Liebe zweier Liebenden, wie sie das Hohelied Salomonis zu Ausdruck bringt." Die drei ersten Lieder geben die Richtung vor, Ordensschwester Claudia Francesca Rusca führt sie in ihrem "Veni in hortum meum - Ich bin in den Garten gekommen, meine liebe Braut" - gesungen von Robert Crowe und Andreas Pehl, begleitet von der Orgel - zusammen. Robert Crowe stellt in "A Divine Song of the Passion of our Saviour" hernach wie zum Vergleich die Verspottung und Kreuzigung Jesu gegenüber, als Zeugnis der Liebe Christi zu den Menschen. Ein Lied, das von dem Sopranisten erstmals eingespielt wurde. Eine Uraufführung sozusagen.

Wer gerade noch seine mangelnden Lateinkenntnisse bedauerte, erfährt Trost von Prof. Ullrich. "Wir müssen die Worte des heutigen Abends nicht verstehen, um ihren Sinn zu

begreifen, denn die Musik  des frühen Barock wurde von Heinrich Schütz und seinen Zeitgenossen so geschaffen, dass sie durch ihre Affekte für sich selber spricht." Auch dank des virtuosen wie souveränen Umgangs der sechs Künstler mit diesen Kompositionen. Nur so gelingt ihnen dieser brillante, einfühlsame und zugleich ausdrucksstarke Vortrag.

Im zweiten Teil des Konzerts finden sich erneut viele kleine musikalische Schätze wie Giovanni Gabrielis sechsstimmiges "Alleluia" wieder, das aus einer Turiner Orgeltabulatur (16. Jahrhundert) stammt. Tabulaturen seien so etwas wie eine musikalische Kurzschrift einer Partitur, die seit dem Buxheimer Orgelbuch (1470) immer wieder zu finden sei, erklärt der Musikprofessor. Um 1500 war sie in Italien und Spanien en vogue und aus der Zeit der Renaissance findet sich entsprechende Literatur noch heute im benachbarten Kloster Neresheim.

Wie ein roter Faden durchzieht das Thema Liebe das kleine Konzert. Geschickt zwischen den zahlreichen Instrumentalstücken platziert, beharrt sie auf ihre heilende Kraft. "Was hast Du verwirket, dass Du also verurteilt wurdest? Ich, ich bin die Ursach Deiner Plagen", formuliert Heinrich Schütz den karfreitäglichen Mit-Leids-Gedanken. Den auch Klosterfrau Rusca in ihrem neuerlichen Rückgriff auf Salomonis "Hohelied" aufgreift: "Surge amica mea - Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!"

Der Liederreigen schlägt einen weiten Bogen durch 200 Jahre, immer auf der Suche nach der Liebe. Nach der zeitlosen und immerwährenden, mit der aktuelle Liedzeilen sicherlich nicht aufwarten können. Die beiden Sänger und ihre Musici finden sie jedoch in den Liedern des Barocks, so bei  Heinrich Schütz´ abschließendem: "Invenerunt me custodes civitatis - Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umgehen: Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?"

 

INFO

Das nächste Konzert in der Villa Stützel mit Joel Frederiksen (Bass, Renaissance Laute, Erzlaute) findet am 6. Januar 2020 statt.

Musikalisches Thema: "Orpheus I am …" - Die metaphysische Kraft der singenden Lautenisten

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Aalener Kulturjournal