Villa Stützel: Jean Rondeau spielt die Goldberg-Variationen 

"Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget"  

Hand aufs Herz, wer hätte auf den ersten Blick diesen Künstler der Alten Musik zugerechnet, könnte er doch dem Äußeren nach eher als Bob-Marley-Apologet oder gar als Heavy-Metal-Jünger durchgehen. Alles nur Vorurteile, denn Jean Rondeau widmet sich einer ganz anderen Richtung. Nicht nur dass sein französischer Name bereits auf der Zunge vergeht, auch die von ihm gespielte Musik erweist sich als hinreißend schön. Und überraschend stilvoll, originell wie ausgereift. 

Dadurch findet er bei dieser Soirée im großen Salon der Villa Stützel einen wohltuend frischen Zugang zum Meister aller Musik, Johann Sebastian Bach. Und das, ohne ausgetretene Pfade zu bemühen. Bemerkenswert in vielerlei Hinsicht; besonders aber, da Rondeau sich einer Komposition annimmt, die als nahezu ausinterpretiert gilt: der  Bachschen "Clavierübung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen" - besser bekannt als "Goldbergvariation". Auch wenn sich Übung nach Klavierschule anhören mag, Bach schuf ein Meisterwerk, das er selbst mit dem Zusatz "denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget" versah.

 

Die  Antithese zu Glenn Gould

Für Cembalist, Organist, Pianist und Frontmann des Jazz-Ensembles "Note Forget – The Project" Jean Rondeau müssen die verordneten Fingerübungen des Meisters eine wahre Herausforderung gewesen sein. Zumindest seit seiner CD "Bach-Imagines", in der er höchst eigenwillig altvertraute Werke neu aufleben lässt, um äußerst dynamisch in barocke Klangwelten zu entführen. Dabei gibt er einem kantablen wie facettenreichen Spiel den Vorzug, ohne jedoch den Spannungsbogen zwischen Komplexität und Ausdruck überzustrapazieren. 

Eine Musik - luftig und brillant. Fürs "Clavier" wohlgemerkt, nicht fürs "Klavier", obwohl spätestens seit Glenn Goulds Debut Album "Goldberg Variations" die Komposition dem Steinway zu gehören scheint. Aus diesem Grund ist für Rondeau das große C so wichtig, wie es auch Bach wichtig war, handelt es sich doch um Musik für ein zweimanualiges Cembalo (Clavier) und nicht wie oft vermutet und meist gehört für ein einmanualiges Klavier. Bach wollte das Cembalo, denn nur darauf lässt sich seine Komposition nahezu kompromisslos spielen.

 

“Nur für großes Clavicimbel zu 2 Manualen."

Jean Rondeau hat sich darauf eingestellt, sein Cembalospiel klingt transparent und doch voll farbenreicher Klangfülle - ganz gleich ob im distinguierten Cantabile oder im strengen Kanon. Selbst der “schlanke” zweistimmigen Satz glänzt in dieser vernehmbarer Fülle. Deshalb ist es auch so reizvoll die Aria mitsamt ihrer 30 Variationen auf dem Cembalo erklingen zu lassen. Bach habe das Cembalo geliebt, überlieferte sein Sohn Carl Philipp Emanuel: “Niemand konnte ihm seine Instrumente zu Dancke stimmen und bekielen. Er that alles selbst”. 

Bach der Handwerker, der sich  den idealen Klang des “großes Clavicimbel zu 2 Manualen” selbst schuf. 

Das könnte auch das Motto in der Villa Stützel sein, nicht nur, weil im kleinen Wintergarten eben ein solches zweimanualiges Cembalo steht. Ein neues, gefertigt von Guido Bizzi. Der Instrumentenbauer kam eigens zum Hörtest aus dem italienischen Varese an den Kocher. Wobei vermutet werden darf, der Cembalist, die "Goldbergvariationen" wie der Klang des "Bizzi Clavicembali" haben sein Wohlwollen gefunden.

 

“Wie viel Leben, Neuheit und gefällige Melodie noch itzt, da alles im Gesange so verfeinert ist!"

Jean Rondeau bespielt souverän und meisterlich dieses ein wenig aus der Zeit gefallene und immer leicht ätherisch tönende Musikinstrument, dem er die Variationen perlend und sprudelnd entlockt.  Rondeau versenkt sich in die Komposition, spielt sie trotz aufgelegter Notenblätter meist mit geschlossenen Augen. Ohne Hast, aber mit Blick auf das Bachsche Original, in  gefühlsbetonten Tempi,  seelenvoll innig, ohne jedwedes Gehabe. 

Dafür aber im Wissen um die Bedeutung der Goldberg-Variationen als Höhepunkt einer höchst exquisiten Art  der Cembalomusik, der Aria variata, deren harmonisches Gerüst bestehen bleibt, während Takt, Tempo und Melodie sich immer wieder neu erfinden. 

Von Langeweile kann dabei keine Rede sein, vielmehr dürfen sich die Zuhörer über dreißig heitere, kontemplative, kantable und auch tänzerische Variationen freuen - immer virtuos gespielt und fantasiereich nach Bachscher Vorgabe interpretiert.

 Insbesondere Rondeaus kunstfertige  Auslegung fesselt vom ersten Takt an durch faszinierende Art, innere Reife und eine sanfte Spielweise. Damit erfüllt er  Bachs Versprechen einer wohligen "Gemüths-Ergetzung", von der ein Kritiker (Villa Musica) schon im 18. Jahrhundert wusste: “ Wie viel Leben, Neuheit und gefällige Melodie noch itzt, da alles im Gesange so verfeinert ist! Wie viel Erfindung, welche Mannigfaltigkeit in allerley Geschmack, der kunstreichen und galanten, der gebundenen und freyen Schreibart, wo Harmonie oder Melodie herrscht; dort äußerste Schwierigkeit für Meisterhände, und hier Leichtigkeit, selbst für etwas geübte Liebhaber!”

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Aalener Kulturjournal