Von der `metaphysischen Kraft des singenden Lautenisten´ Joel Frederiksen

 Das etwas andere Konzert:  "Orpheus I am …"

Etwas mehr als ein Dreitagebart, die Haare länger als derzeit angesagt und ein bisschen Undone-Look. Ein kleiner Versuch, den in München lebenden Amerikaner  Joel Frederiksen vorzustellen. Der Musiker nutzte einen Zwischenstopp in Aalen, um in der Villa seine neue CD "Orpheus I am" zu präsentieren. Wer mehr über die "metaphysische Kraft der singenden Lautenisten" erfahren wollte, war an diesem Abend in der Aalener Villa Stützel am richtigen Platz.

Mit dem Untertitel umschreibt der Künstler selbstbewusst sein Konzert, für das er lediglich eine Laute und seine Stimme benötigt, um mitzunehmen auf eine musikalische Reise durch längst vergangene englische, französische und italienische Epochen. Ein  Stelldichein, das modern durchaus die Überschrift "Ich wollte wie Orpheus singen" tragen könnte.

Wenn der Barde über die Saiten streicht, wenn er melancholisch angehaucht seine Stimme erhebt, kommt, auch angesichts seines lässigen Erscheinungsbild, unwillkürlich der Gedanke an die Minnesänger des frühen Mittelalters auf. Walther von der Vogelweide lässt grüßen. Allerdings mit dem Unterschied, der Troubadour von heute singt kein  "Ich saz ûf eime steine und dahte bein mit beine", sondern von  "Herzeliebe". Die dafür notwendigen Lieder liefern ihm ausschließlich die Dichter des Barocks.

Die Lyra spielend und aus voller Brust singend, spannt Frederiksen inhaltlich den Roten Faden eigentlich von der Antike (animiert von "Orpheus und Euridike")  über das Mittelalter bis in die Neuzeit. Auch wenn seine Liebeslyrik ausschließlich aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammt. Doch die Liebe ist zeitlos und allgegenwärtig, wie rasch zu hören ist. Zu Beginn des  Streifzugs durch die barocke Welt steht Robert Johnsons (1583-1633) "Orpheus I am …". Bereits hier schwant den Zuhörern, die Liebe war, ist und bleibt ein seltsames Spiel. So geraten bei Johnson Frauen tränenreich außer Fassung ("Till women waft them over in their tears"), wenn die Liebe süß wie theatralisch Einzug hält: "Beguilles my heart, I know not why, And yet I love her till I dye - Betöre mein Herz, ich weiß nicht warum, und doch liebe ich, bis ich sterbe." So etwas soll es heute immer noch geben.

Hier wird zeitlose Liebe in poetische Sprache gefasst und lyrisch besungen. Wie sie auch von Thomas Ford und Thomas Campion im 16. Jahrhundert in Noten gesetzt wurde, schwärmerisch begleitet von dem Wunsch, aus Liebe an gebrochenem Herzen zu sterben.

Soweit wollte es der englische Madrigalist und einer der besten Lautenisten des elisabethanischen Zeitalters, John Dowland, nicht kommen lassen, ihm genügte in Vorwegnahme der Romantiker die Suche nach der Blauen Blume: "Tell me true love, where shall I seeke they beeing". Angesichts solch großer Lust auf Liebe könnte man annehmen, andere Länder, andere Sitten. Wobei es wenig überrascht, dass Fredriksen nun auf Frankreich blickt. Beispielsweise zu Pierre Attaingnants aus dem frühen 16. Jahrhundert stammendes "Fortuna, laisse moy la vie, puis que tu m´as osté les bien".

Darin muss glücklicherweise niemand aus Liebe weinen, geschweige denn gleich sterben. Franzosen eben. Nur eines scheint zu zählen: "Amour grand vainqueur des vainqueurs et la beauté reyne des coeurs" (Louis de Rigaud 1623). Zum Abschluss wagt sich Frederiksen noch nach Italien. Was er bei den dortigen Poeten findet, unterscheidet sich wenig von der englischen und französischen Liebeslyrik. "Amor promette gaudio", singt er mit Bartholomeo Tromboncino (1470-1535), um festzustellen, Turteltäubchen kennen weder Zeit noch Raum: "O vagha Tortorella tu la tua compagnia" (Biagio Marini 1596-1665). Zumal Tromboncino verrät, die Liebe verspreche ewige Freude. Da lehnt man sich einfach zufrieden in der Gewissheit zurück: "Orpheus I am".

Das nächste Konzert in der Aalener Villa Stützel findet am 15. März (19 Uhr) mit Medea Bindewald (Cembalo) statt: "Schattenreise".
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Aalener Kulturjournal