Adventskonzert in der Villa Stützel

"In dulci jubilo" - die etwas andere Musik

So kurz vor den Feiertagen nochmals einen Musikabend in der Villa Stützel genießen. Könnte es Schöneres geben? Sicher nicht!  Wer in der Villa weilt, ist von der angenehmen Atmosphäre beeindruckt, genießt den Blick in den winterlichen Park oder lauscht den Gesprächen im Salon. Und wartet neugierig auf die Musik.. Überschaubar geht es in der Villa zu. Das Ambiente erinnert ein wenig an die bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts. Angesichts des leise rieselnden Schnees rund um Villa und Park wäre in solch netter Gesellschaft eine Feuerzangenbowle das i-Tüpfelchen,

doch angesichts der recht großen Gästeschar passt auch ein adventliches Conditium Paradoxum, sprich ein Glühwein. Der hilft, die mitgebrachte Winterkälte zu vertreiben. Sicherlich auch empfehlenswert für Robert Crowe, denn der Sänger des Abends kämpft gegen eine leichte Erkältung.

Apropos Gesang. Die Musikfreunde scharen sich um die beiden Künstler: Sigrun Richter an der Laute, Robert Crowe für besagten Gesang. Michael Praetorius "In Dulci Jubilo" steht als Motto über dem Abend, über einem Repertoire aus lateinischen und deutschen Liedtexten. Somit vergleichbar dem alten Kirchenlied, dessen Strophen von Praetorius calvinistischem Zeitgenossen Johann Fischart als Nudelverse geschmäht wurden. 

Eben wegen dieser Mixtur aus Latein und Deutsch: "In dulci jubilo / nun singet und sei froh: / Unsers Herzens Wonne / liegt in praesepio / und leuchtet wie die Sonne / matris in gremio. / |: Alpha es et O.:|". Sicherlich unvergessen bei allen, die jemals in einem Schulchor gesungen haben. Von diesem "Dulci jubilo" kommen Traditionalisten zweifelsohne rasch zu "Stille Nacht", "Vom Himmel hoch" und zu "Leise rieselt der Schnee", während andere in multikultureller Übereinstimmung bereits "Feliz Navidad" und "White Christmas" summen.

 

Das "Night Fever" der Alten Musik 

Doch weit gefehlt. Das mag zwar das übereinstimmende Repertoire der gegenwärtigen Adventskonzerte sein, das Duo Richter/Crowe wartet indes mit völlig anderem auf. Sie nehmen ihre Zuhörer lieber mit ins Mittelalter, in die Zeit der zu Ende gehenden Renaissance, in welcher die Laute jene universelle Bedeutung erreicht wie in der Romantik das Klavier. Beredtes Beispiel, Emilio di Cavalieris "Ari di Fiorenza", ein Stückchen, dem Sigrun Richter ein leicht tänzerisches Timbre beschert, das sie mit weichem und hellem, fast subtilem Klang interpretiert, und so des Maestro Cavalieris Intention weltliche Lust und jenseitige Seligkeit in musikalische Übereinstimmung zu bringen, ganz nahe kommt. 

Das Laute-Spiel als Meditation. Übrigens vergleichbar Robert Johnsons Komposition "Almain", der die Lautistin lyrischer Anmut mit auf den Weg gibt.

Die Laute als Soloinstrument bleibt indes leider die Ausnahme, meist untermalt Richter den Gesang ihres Kollegen Crowe. Dessen Stimme, besser Stimmlage, war die Überraschung des Abends, denn der in der Gmünder Nachbarschaft lebende amerikanische Sänger singt männlichen Sopran. Den vielen Fragenzeichen des Publikums setzt er mit William Byrds "Kyrie" ein rasches Ende  mit für eine Männerstimme kaum vorstellbaren Höhen. 

Viel Training ist notwendig, um mit dieser um  eine Oktave (gegenüber dem Tenor) hochgestellten Gesangsstimme ein solch schönes, weiches, aber doch kraftvolles Klangbild zu erreichen, wobei Crowe bei Bedarf scheinbar mühelos zur Normalstimme wechseln kann. Männlicher Sopran ist übrigens kein Faible der Alten Musik. Zur Erinnerung: Bee-Gees-Sänger Robin Gibb sang in dieser Tonlage sein  "Stayin' Alive" und "Night Fever". Prince, Michael Jackson, Marvin Gaye und selbst Freddi Mercury taten es ihm gleich.

Sigrun Richter und Robert Crowe als Brückenbauer

In der Villa singt Robert Crowe Lieder von Byrd, Praetorius, Johnson, amerikanische, englische und deutsche Traditionals - Alte Musik, teils wenig bekannte, die indes mit höchst wundersamen Texten überraschen. Schönes Beispiel, Tarquino Merulas Canzonetta spirituale "Hor Ch´è tempo di dormire", ein Lied aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, welches die Geburt Jesu besingt, dabei die Gedanken zugleich auf die Leidenszeit der Kreuzigung richtet und dennoch Trost verspricht: "Schlafe doch, mein Sohn, / schlafe, mein Erlöser, / denn wir werden uns freudig / im Paradies wiedersehen".

Lieder, die mal besinnlich, mal aufmunternd, aber dennoch fröhlich erscheinen. Einige sind in den zurückliegenden Jahrhunderten fast verloren gegangen, liegen heute selten gespielt im Schatzkästlein der Alten Musik, andere haben überdauert wie "Es ist ein Ros entsprungen" oder "Joseph, lieber Josef mein".  Die Lieder verraten - bei aller inhaltlichen Übereinstimmung - feine geographische, kulturelle, selbst konfessionelle  Unterschiede. Aber alle berühren, so man sich auf sie einlässt. Robert Crowe erweist sich hierbei als Brückenbauer, in dem er die einzelnen Texte und Melodien intensiv ausleuchtet, interpretiert und so verständlich macht.  

INFO

Bereits am 7.Januar.2018 starten die Villa Stützel wieder mit einem „Dreikönigskonzert“. Wegen des großen Erfolges im Vorjahr ist auch diesmal Mirjam Striegel (Sopran) mit ihrem Ensemble „Viatoribus“ zu Gast.

Und am 14. Januar 2018 findet dann das ganz offizielle Neujahrskonzert statt. 

http://www.villa-stuetzel.de

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Aalener Kulturjournal