Klavier zu vier Händen:  Vitaliya Fedosenko und Katharina Senkova

Musik aus und mit Leidenschaft

Chapeau, Chapeau! Angesichts dieses kleinen Konzerts kein übertriebenes Lob, denn was die Schwestern Vitaliya Fedosenko und Katharina Senkova im Pleuersaal des Fachsenfelder Schlosses servierten, bescherte ihnen stürmischen Applaus. Nicht nur des glänzend zusammengestellten Programms, sondern auch der fabelhaften Interpretation wegen. Klavierliteratur zu vier Händen sollte es sein. Zwei Pianistinnen an einem Flügel - heute leider zum raren Ereignis im Konzertbetrieb geworden. Ganz anders übrigens im 19. Jahrhundert, da war ein solches Doppel am Piano regelrecht hip, vor allem bei höheren Töchtern. Im Kreise der Familie und Freunden, in behaglicher Atmosphäre biedermeierlicher Salons gehörte diese Art von Hausmusik einfach zum guten Ton.  „Kennern und Liebhabern“ zur Freude komponiert, ließen damals die Musiker wissen. Pianisten formten daraus eine ausgereifte Kunst, die bis heute der solistischen Literatur ebenbürtig ist. So steuerte Franz Schubert Märsche und Tänze bei.

Für Vitaliya Fedosenkos und Katharina Senkovas Soirée bei diesem Konzert keine Alternative, weshalb sie zum Auftakt viel lieber zu Schuberts "Fantasie f-Moll" greifen. Vielleicht auch weil Brahms die Komposition erfreut als “gehöriges, viersätziges Stück” umschreibt, sicher aber weil das Duo Fedosenko/Senkova sich so tief in Schuberts "Fantasie einfühlt. Äußerlich ein einsätziges Werk, das sich jedoch als vierteilige Sonate entpuppt. Bedeutungsvoller indes Schuberts Intention, die "Fantasie" nach dem Vorbild seiner "Wandererfantasie" ("Winterreise") zu gestalten. Erst dadurch wird es zu einem seiner Schlüsselwerke, geschrieben in Schuberts Todesjahr. Der vorgezeichnete Weg in einen qualvollen Tod überschattet dementsprechend die "Fantasie".

Wer immer den schönen Widerschein bürgerlichen Glücks erwartet, wird folglich enttäuscht. Schuberts "F-Moll-Fantasie" entspricht seinem angsterfüllten Gemütszustand. Energisch spielen die Schwestern, laut und beunruhigend klingt die Musik, "In ihr lauert eine seelische Katastrophe", wie Alfred Brendel zutreffend umschreibt. Nur ab und an blitzt Zuversicht in Dur auf, aber nur, um danach erneut in breitem Moll einer ernüchternden Hoffnungslosigkeit zu weichen.  Die beiden Pianistinnen verstehen sich darauf, Schuberts tief empfundene innere Verletzlichkeit und Verletztheit in berührend wiederzugeben. Vehement erzählt ihr Klavierspiel von Einsamkeit und Aufbegehren. Nur wenige leise Töne erinnern an ein verträumtes Lebensgefühl. Unerbittliches Forte dominiert.

Der düsteren Musik folgt Edvard Griegs romantische Dichtung "Peer Gynt". Aus der ersten Suite wählten sich die Pianistinnen "Anitras Tanz", "In der Halle des Bergkönigs" und das Highlight aller Romantikfans: die "Morgenstimmung". In dieses "Allegretto pastorale" legen Vitalya Fedosenko und Katharina Senkova Feingefühl, kosten die elegischen Momente des Stückes schwelgerisch aus, ohne in den Kitsch der Popularmusik zu verfallen.

Über temporeiche Mazurka-Rhythmen kommen sie hernach "alla marcia e molto marcato" in des Bergkönigs Refugium. Höchst eindrucksvoll! Dvoraks "Slawische Tänze" (Allegreto) und Tschaikowskys "Russischer Tanz" aus dem "Schwanensee" folgen.

Dann der Wechsel ins 20. Jahrhundert. Zu Francis Poulenc, einem der Mitbegründer der neuen französischen Musik der 1920er Jahre. Seine "Sonata" ganz im Duktus dieser Zeit. Impulsiv, aber ohne Pathos, poetisch, doch in klassischer Eleganz. Folkloristischer hingegen Maurice Ravels "Rapsodie espagnole", die sich besonders in der Version `Klavier zu vier Händen´ als tiefschürfend, nachdenklich und abgründig zugleich zeigt.

Von der Bezeichnung "Spanische Rhapsodie" sollte man sich übrigens nicht täuschen lassen. Im Pleuersaal frönen die Schwestern keiner feurigen Klanglandschaft. Gefühlvoll, mit einer sich stetig wiederholenden andalusischen Melodie eröffnen sie das "Prélude à la nuit" , erinnern nachfolgend mit einer heiteren "Malagueña" an typische Volkstänze.

Auffallend der klare wie transparente Klang, der gerade in der  "Habanera" spanisches Kolorit annimmt, iberischen Harmonien folgt, um abschließend schwungvoll in eine "Feria" zu überführen. Virtuos und höchst präzise.

Die Brücke zum Tango ist nun nicht mehr weit, indes  ersetzt der Flügel das Bandoneon. Astor Piazzollas "Histoire du Tango" ist an der Reihe, jene musikalische Erzählung, die vom Weg des Tangos zum Nuevo Tango berichtet. Das bedeutet: Lebhafte Musik, gut gelaunte und in charakteristischem Rhythmus. Im Mittelteil etwas romantischer gefärbt, aber von hörbar modernen Harmonien durchkreuzt, wobei sich die musikalischen, besser die melancholischen Seufzer mehren. Besonders der Stilwandel der 1960er Jahre bringt fremde Einflüsse in den Tango, von Vitaliya Fedosenko und Katharina Senkova neutönend und im Verlauf abwechselnd kämpferisch wie dramatisch, hell und freudig, bedächtig und feierlich angegangen. Eine spannungsgeladene Musik, deren Interpretinnen sich der Begeisterung des Publikums sicher sein dürfen. 

 

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Aalener Kulturjournal