Stadtkirche Aalen: Weihnachtsoratorium

„Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!“

Wer am Samstagabend die Aufführung von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium in der evangelischen Stadtkirche besucht hatte, war, so ist zu vermuten, mit dem Werk weidlich vertraut, schließlich ist es Teil des kulturellen Erbes. Wer es allerdings erstmals zu Gehör bekam, wird sicherlich alle Jahre wieder kurz vor Heilig Abend in die Kirche gehen, um den Pauken und Trompeten, dem Chor und den Solisten beim die Weihnachtstage preisenden Jauchzen und Frohlocken zu lauschen.

Was zu Bachs Zeiten noch eine gehörige Portion Konzentration (und Sitzfleisch) verlangte, zog sich doch das Oratorium über drei Weinachtstage verteilt und durch Predigten liturgisch erweitert worden war hin. Längst Vergangenheit, da es sich heuer als kurzweiliges und überaus farbiges Kirchenkonzert der besonderen Art zeigt, denn Bachs „Weihnachtsoratorium“ (BWV 248) mit den drei bekannten Kantaten gehört ebenso zum unumstößlichen religiösen Fundus des bevorstehenden Weihnachtsfestes wie Christstollen und Springerle zum kulinarischen.

In seiner Bedeutung war das Oratorium Teil der Predigt und so beziehen sich allen Kantaten auf das Evangelium des jeweiligen Festtages, wobei ein Teil vor der Predigt, der Andere danach gesungen wurde. Und damit die Gläubigen  die christliche Botschaft auch verstanden, wurde sie begleitend in die universelle Sprache der Musik übersetzt. Was vor rund 300 Jahren genauso war wie bei der aktuellen Aufführung: Die Kirche(n) waren proppenvoll. Auch wenn sich die Welt seit den 1734er Jahren, als das Oratorium erstmals erklang, verändert hat, haben in einer säkularisierten Welt Pauken und Trompeten nichts an Eindringlichkeit verloren.

Bach setzt sie ganz bewusst einleitend ein, um die Aufforderung des Chores zu unterstreichen: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!“ Eine bemerkenswerte wie gedankenvolle Musik folgt, bei der sich Christine Reber (Sopran), Anne Greiling (Alt) und Florian Dengler (Bass) in Rezitativen und Arien dem Geschehen um Christi Geburt zuwenden, während Tenor Philipp Nicklaus als Evangelist die Rolle des Erzählers übernimmt. Stimmlich unterstützt wird Bachs populärstes Chorwerk überdies von der Aalener Kantorei, der Jugendkantorei, der Mädchen- und Knabenkantorei sowie dem Orchester der evangelischen Kirche. Die Gesamtleitung liegt in den Händen von Kirchenmusikdirektor Thomas Haller.

Dank klarer Artikulation der Sänger, aber auch weil die Besucher den Text in gedruckter Form in der Hand halten, lässt sich im Verlauf des Oratoriums die Entwicklung der Weihnachtsgeschichte gut verständlich nachvollziehen, auch weil Bach in allen drei Kantaten inhaltlich direkt auf die bekannten Texte des Evangeliums zurückgreift. So darf auf altbekannte Weise interpretiert und kommentiert werden. Wobei die Musik immer wieder akzentuiert, um die eigentliche Botschaft emotional zu vermitteln.

In diesem Sinne leisten die Laienchöre gemeinsam mit den vier Profi-Sängern Vortreffliches, gerade weil es ihnen gelingt, den wegen der barocken Sprache durchaus schwer verständlichen Text, so eindeutig wie klar zu Gehör zu bringen. Schönes Beispiel: Christine Rebers von einem Violinsolo begleitete Arie. Eine weitere auffallende Eigenart des Werkes: Die Choräle der drei Kantaten lassen immer wieder vermuten, dass die erklingenden Melodien eigentlich zu anderen weihnachtlichen Weisen ("Wie soll ich dich empfangen und wie begegn´ ich dir?") gehören. Eine Bachsche Kunstfertigkeit. Wie auch der einzige reine Instrumentalsatz des Oratoriums, der „Sinfonia“, die - um die Weihnachtsfeiertage einzuleiten - mit Oboen und Flöten pastoral elegische Hirtenmusik intoniert.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal